79-Jähriger und 80-Jährige präsentieren in Flawil ihr gemeinsames Buch: «Die Steigerung in Lebenserwartung ist einzigartig in der Weltgeschichte»

Knapp ein halbes Jahr nach Erscheinen stellten Helga S. Giger und Peter Gross ihr gemeinsames Buch in Flawil vor.

Michael Hug
Drucken
Teilen
Peter Gross und Helga S. Giger lasen und kommentierten am Freitag in der Gemeindebibliothek in Flawil.

Peter Gross und Helga S. Giger lasen und kommentierten am Freitag in der Gemeindebibliothek in Flawil.

Bild: Michael Hug

Eine Flawilerin und ein Ex-Flawiler haben gemeinsam das Buch «Ich muss Ihnen schreiben» geschrieben. Fünf Jahre leben Helga S. Giger und Peter Gross nun eine Lebensabschnittspartnerschaft, im fortgeschrittenen Alter von 79 Jahren beim einen, 80 Jahren bei der anderen. Man habe den Drang verspürt, etwas für ihre Generation zu hinterlassen, «grade in unserem hohen Alter», sagt Peter Gross. Doch man wollte nicht einfach irgendwie «herumreden», sondern etwas, das man in Buchform weitergeben könne. So wählten die beiden Autoren die Form des Romans, aber nicht in klassischer Weise, sondern als fiktiven Gesprächsaustausch über die elektronische Mailbox. «Nix» davon sei wahr, betonte Gross an der Buchvorstellung am Freitagabend in der Flawiler Gemeindebibliothek. «Natürlich hat es mit uns zu tun und es gibt sicher Parallelen im Roman zu uns.» Bei diesem Umstand – und in anderen auch – war man sich im Autorenduo offenbar nicht einig, aber in dem, was es zu Texte brachte, schon.

Eine zaghafte Liebesgeschichte

Der Inhalt des Buches – der in dieser Zeitung Ende August vergangenen Jahres beschrieben wurde – kommt daher wie aus einem Guss. Giger und Gross erzählen von einer zaghaft sich entwickelnden Liebesgeschichte zweier älterer Menschen. Der eine, die Zweisamkeit unbedingt suchend, lässt nach der ersten Kontaktnahme nicht locker. Sein Gegenüber aber ist nach einer frustreichen Trennung noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Und doch kommt ebendiese dann, nach etlichen Hin-und-Her-E-Mails, zu Stande. Jeder und Jede im Raum, rund 40 Personen, fühlte und spürte: Es ging um die Zwei da vorne, die sich abwechselnd das Mikrofon zur Äusserung reichen. Giger las aus dem Buch, das habe man so abgesprochen, Gross machte Bemerkungen dazu. Er holte dabei stets weitreichend aus, gab Bemerkungen aus philosophisch-soziologischer Sicht ab und sagte dabei so viel mehr, als im Buch geschrieben steht.

Man lebe heute in einer Steigerung der Lebenserwartung, einmalig in der Weltgeschichte sei das, sagt Gross gleich zu Beginn und zeichnet eine Metapher: «Man kann sich das so vorstellen, dass es früher nur einzelne Bergsteiger auf einen hohen Berg geschafft haben. Aber heute ist der Berg voller Bergsteiger.» Zur Liebe im Alter nahm der emeritierte Professor für Soziologie dezidiert Stellung:

«Also ich möchte auf keinen Fall alleine sterben.»

Giger ist da anderer Meinung, aber äussern dazu, tat sie sich nicht. Es blieb beim Rollenspiel: Gross kommentierte aus wissenschaftlicher Sicht und gab dabei viel von sich selbst preis. Über Helga S.Giger erfuhr das Publikum nicht viel. Es musste sich das Bild über die Autorin aus den E-Mails im Buch selber machen – und sich dazu das Buch kaufen.

Der Bogen schliesst sich für Gross

Für Gross war die Lesung in Flawil ein besonderes Ereignis: «Es ist irgendwie grossartig und auch mysteriös, dass sich am Ende meines Lebens wieder der Bogen schliesst.» Gross entstammt der Familie des einstigen Primarlehrers Max Gross, der 30 Jahre lang in Flawil und Magdenau tätig war und auf die grosse Schar von neun Kindern zurückblicken konnte.