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Im Toggenburg könnten 3000 Personen aufs Pendeln verzichten – wenn es mehr Coworking-Spaces gäbe

Wer in einem gemeinschaftlich genützten Büro arbeitet, entlastet die Verkehrswege. Eine neue Plattform weist die Potenziale für die einzelnen Toggenburger Gemeinden aus.
Ruben Schönenberger

13'447 Pendlerinnen und Pendler verlassen regelmässig ihre Toggenburger Wohngemeinde, um in einer anderen Gemeinde ihrer Arbeit nachzugehen. Geht es nach der Genossenschaft Villageoffice, liesse sich diese Zahl auf 10'582 senken. Und zwar dann, wenn jede Gemeinde das Potenzial von sogenannten Coworking-Spaces ausnützen würde. Darunter versteht man eine Art Grossraumbüro.

Coworking-Spaces ermöglichen Angestellten beispielsweise, näher am Wohnort zu arbeiten, aber dennoch kein Homeoffice einrichten zu müssen. Oder es ermöglicht neuen Firmen einen kostengünstigen Start mit dennoch professioneller Arbeitsumgebung. Von dieser Start-up-Atmosphäre wiederum können die anderen Benützer der Bürofläche profitieren. Villageoffice will mit einer neuen Online-Plattform dazu beitragen, dass es auch tatsächlich zu einer Reduktion kommt.

Am meisten Pendlerinnen und Pendler in Kirchberg

Auf dieser Plattform kann für jede Gemeinde eingesehen werden, welches Potenzial in ihr steckt. Dabei geht Villageoffice von den Zahlen der Pendlermatrix des Bundes aus, die für jede Gemeinde ausweist, wie viele Arbeitnehmer in einer anderen als der Wohngemeinde – und in welcher – arbeiten. Die aktuellste Version dieser Matrix stammt aus dem Jahr 2014.

Kirchberg weist im Toggenburg-internen Vergleich am meisten Pendlerinnen und Pendler aus. (Bild: Ruben Schönenberger)

Kirchberg weist im Toggenburg-internen Vergleich am meisten Pendlerinnen und Pendler aus. (Bild: Ruben Schönenberger)

Auf dieser Basis berechnet Villageoffice die Distanz in Autokilometern zwischen den jeweiligen Wohn- und Arbeitsorten. Daraus ergibt sich beispielsweise, dass aktuell 2822 Personen regelmässig aus der Gemeinde Kirchberg wegpendeln und dabei zusammen im Jahr rund 163,7 Millionen Kilometer zurücklegen. Das sind die höchsten Werte im Toggenburg.

Hälfte der Arbeitnehmenden kann ortsunabhängig arbeiten

Würde in der Gemeinde Kirchberg nun ein Coworking-Angebot bestehen, könnten diese Zahlen gemäss Villageoffice auf 2216 Pendlerinnen und Pendler und rund 128,6 Millionen Kilometer sinken. Zur Berechnung der Reduktion geht Villageoffice bezugnehmend auf eine Studie von Deloitte davon aus, dass die Hälfte aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ortsunabhängig arbeiten kann. Und dass diese Personen das dann an zwei von fünf Tagen auch tun würden.

Dass diese Reduktion zu einer Entlastung der Verkehrswege und vermutlich auch zu einer Verbesserung der Arbeitsplatzzufriedenheit führen dürfte, scheint offensichtlich. Bei Villageoffice versucht man, die Vorteile auch in Geld auszudrücken. Als Grundlage dient der sogenannte Wert eines statistischen Lebensjahres. Dabei gehe es bloss um eine Kennzahl. «Wir sind uns hoffentlich alle einig, dass ein Menschenleben nie auf einen ökonomischen Wert reduziert werden sollte», schreiben die Verantwortlichen.

Eine Stunde Pendeln kostet 
rund 20 Franken

Bei der Berechnung dieses Wertes greifen sie auf das Deutsche Krebsforschungszentrum zurück und kommen so auf einen Wert von 20,08 Franken pro Stunde. «Es ist explizit kein ökonomischer Wert», sagt David Brühlmeier von Villageoffice.

«Es geht um die Lebenszeit, die beim Pendeln verloren geht.»

Für die Gemeinde Kirchberg ergeben sich so Kosten von 36,1 Millionen Franken, die das Pendeln aktuell verursacht. Das Reduktionspotenzial beziffert Villageoffice mit rund 7,8 Millionen Franken. Im ganzen Wahlkreis Toggenburg ergäbe sich eine Einsparung von rund 17 Millionen Franken bei rund 61 Millionen eingesparten Pendelkilometern.

Tatsächliches Potenzial müsste genau abgeklärt werden

Wie hoch das Potenzial in jeder Gemeinde tatsächlich ist, lasse sich aber erst nach einer genaueren Abklärung wirklich sagen, schreiben die Verantwortlichen von Villageoffice. Das ist einleuchtend. In den Zahlen nicht einberechnet ist beispielsweise, dass der Beschäftigungsanteil der Landwirtschaft im Toggenburg relativ hoch ist und sich diese Arbeit nicht in einen Coworking-Space verlegen lässt. Zudem nehmen die Verantwortlichen bei Villageoffice an, dass jeder Pendler und jede Pendlerin täglich die Wohngemeinde verlässt, was nicht unbedingt der Fall sein muss.

Wie viele Pendlerinnen und Pendler von einem Angebot Gebrauch machen würden, hängt zudem auch von den Distanzen ab. Für jemanden, der aus dem Toggenburg nach Zürich pendelt, ist ein Coworking-Space vermutlich attraktiver als für jemanden, der von Nesslau nach Ebnat-Kappel pendelt. Würde man bei den Zahlen jene Pendlerinnen und Pendler ausklammern, die innerhalb des Toggenburgs pendeln, würde die in Betracht fallende Gesamtzahl denn auch um rund einen Drittel sinken.

Zwei Angebote bestehen 
im Toggenburg bereits

Manuela Ambühl vom Macherzentrum Lichtensteig. (Bild: PD)

Manuela Ambühl vom Macherzentrum Lichtensteig. (Bild: PD)

In den zur Verfügung gestellten Zahlen auch nicht berücksichtigt sind bestehende Angebote. Solche gibt es im Toggenburg in Lichtensteig und in Neu St.Johann. Im Städtli wurde die ehemalige Post zum Macherzentrum. Nach einer Testphase entschlossen sich die Verantwortlichen vor rund einem Jahr, den Coworking-Space definitiv zu betreiben. Seither hätten sie rund 20 Nutzer verzeichnet, sagt Manuela Ambühl vom Macherzentrum. «Einige davon kamen nur einmal, einige haben einen fixen Arbeitsplatz gemietet.» Personen seien indes noch mehr im Macherzentrum gewesen. «Wenn jemand mit 20 Personen eine Sitzung abhält, zählen wir das nur als einen Nutzer.»

Ob die Zahlen von Villageoffice genau zuträfen, sei schwierig zu einzuschätzen. Dass man die Anzahl Pendlerinnen und Pendler aber senken kann, davon ist Ambühl überzeugt. «Vor allem für regelmässige Pendlerinnen und Pendler ist es reizvoll, einen oder zwei Tage in einem Coworking-Space zu verbringen.»

Im ehemaligen Postgebäude in Lichtensteig ist jetzt ein Coworking-Space eingemietet. (Bild: Urs M. Hemm)

Im ehemaligen Postgebäude in Lichtensteig ist jetzt ein Coworking-Space eingemietet. (Bild: Urs M. Hemm)

Die Verantwortlichen möchten mit dem Macherzentrum aber nicht bloss Raum zur Verfügung stellen. «Wir verstehen uns auch als Plattform für den Austausch.» Dazu veranstalten die Macher, wie sich die Verantwortlichen nennen, jeden ersten Donnerstag im Monat einen Machertreff, an dem aktuelle Themen im Zentrum stehen, wie unlängst die Cyber-Sicherheit.

Zusätzlich findet am 22. August ein sogenanntes Business Speed Dating statt. Fünf erfahrene Toggenburger Unternehmer geben dabei jenen Tipps, die zwar eine Idee haben, bei der Umsetzung aber noch ganz am Anfang stehen.

André Meyer vom Gewerbepark «zur alten Weberei» in Neu St.Johann. (Bild: PD)

André Meyer vom Gewerbepark «zur alten Weberei» in Neu St.Johann. (Bild: PD)

Ganz jung ist auch das Coworking in Neu St.Johann. Nachdem die Traditionsmarke Meyer-Mayor an die Bütschwiler Rigotex AG verkauft wurde, hat sich der ehemalige Inhaber André Meyer überlegt, was er mit der Liegenschaft stattdessen anstellen kann. Ein Teil der Antwort war ein Coworking-Space. Erst seit kurzem besteht dieser nun. «Eigentlich habe ich nur bestehende Büroräume so eingerichtet, dass sie gemeinschaftlich genützt werden können. Ich hatte ja alles schon», sagt Meyer. Die Zahlen von Villageoffice könne er zwar nicht im Detail beurteilen, er halte sie aber für realistisch.

Liberale Haltung als
 Erfolgsfaktor auf dem Land

In seinem Coworking-Space hätten vereinzelte Interessenten bereits vorbeigeschaut und die Arbeitsplätze getestet. «Sie waren alle begeistert», sagt Meyer. Damit er das Angebot zeigen kann, veranstaltet er am 24. August einen Tag der offenen Tür auf dem gesamten ehemaligen Firmenareal, das er Gewerbepark «zur alten Weberei» getauft hat.

Gemäss David Brühlmeier von Villageoffice ist einer der Erfolgsfaktoren für Coworking-Spaces auf dem Land, dass in der Gemeinde eine liberale Haltung herrsche. Dann werde das Angebot eher genützt. Er verweist diesbezüglich auf eine Studie der Hochschule Luzern. Für genauere Abklärungen habe Villageoffice ein Sechs-Phasen-Modell entwickelt, wovon auch schon mehrere Gemeinden profitiert hätten. Es gehe zu Beginn eines Projektes immer darum, gemeinsam ein Vorgehen auszuarbeiten und mit öffentlichen Anlässen die Einwohnerinnen und Einwohner abzuholen, sagt David Brühlmeier. «Ein kooperativer Ansatz ist für den Erfolg sehr wichtig.»

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