100 Jahre Landi Nesslau: Von der einstigen Selbsthilfe zum umfassenden Versorger

Die Landi Nesslau kann ihr 100-jähriges Bestehen feiern und blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück, wobei vor allem akute Futternot für das Vieh eine tragende Rolle gespielt hat. Der Umsatz der Landi konnte in jüngster Zeit markant gesteigert werden.

Adi Lippuner
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Genossenschaftspräsident Ernst Metzler, Geschäftsführer Ernst Scherrer und sein Stellvertreter Roman Metzler (von links). (Bild: Adi Lippuner)

Genossenschaftspräsident Ernst Metzler, Geschäftsführer Ernst Scherrer und sein Stellvertreter Roman Metzler (von links). (Bild: Adi Lippuner)

«Mitte des letzten Jahrhunderts, also vor mehr als einhundert Jahren, geriet die schweizerische Landwirtschaft in immer grössere Schwierigkeiten.» Mit diesen Worten beginnt der Bericht, welcher für das 75-Jahr-Jubiläum des damaligen Bauernvereins Nesslau-Krummenau durch Jakob Lusti, alt Geschäftsführer, verfasst wurde. 25 Jahre später hat diese Aussage immer noch Gewicht und Parallelen zur heutigen Zeit sind nicht von der Hand zu weisen. Waren es damals die politischen Konstellationen und die Misswirtschaft beim Handel von Dünger und Futtermitteln, haben die Landwirte heute mit wirtschaftlichen Problemen und sinkenden Erträgen zu kämpfen.

Am Sonntagnachmittag, 22.Juni 1919, trafen sich im Ochsen Sidwald (heute Gemeinde Nesslau), 109 Bauern zur Gründung des Bauernvereins Nesslau-Krummenau. Gemäss Chronik haben an diesem Tag alle den schriftlichen Beitritt zum neu gegründeten Verein erklärt. «Durch den Beschluss der Versammlung, dass Nichtmitglieder für den Produkteankauf einen bis zwei Franken pro 100 Kilo mehr bezahlen müssen, stieg der Mitgliederbestand innerhalb von fünf Jahren auf 350», ist zu lesen.

Rückblick auf ein denkwürdiges Gründungsjahr

Der Chronist hält zum Gründungsjahr weiter fest: «Am 4. Januar fegte ein Föhnsturm ganze Waldflächen um. Allein in den Gemeinden Nesslau und Krummenau gab es über 50'000 Kubikmeter Windwurfholz. Im Mai schneite es wie sonst zur Weihnachtszeit. Auf den 27.Juni waren die Säntis- und die Lütisalpfahrt angesagt, am Tag vorher schneite es, sodass die Alpfahrt verschoben werden musste. Jeden Monat, ausser im Juli und August, hat es bis ins Tal hinunter geschneit. Es war ein Jahr mit akuter Futternot. Die spärlich angebotenen landwirtschaftlichen Produkte mussten zu fast unbezahlbaren Preisen zugekauft werden.»

Auch diese Probleme zeigen auf, dass die Bauern bereits vor 100 Jahren mit den Folgen der Witterung konfrontiert waren. 100 Jahre später verursachte der trockene Sommer in weiten Teilen der Schweiz eine Futterknappheit und die Bauern mussten viel Geld ausgeben, um Heu für ihre Tiere kaufen zu können.

Die Namensänderung erfolgte erst 1992

Bis zum Jahr 1992 trat das Unternehmen unter der Bezeichnung Bauernverein Nesslau-Krummenau auf. Ernst Scherrer, seit 31 Jahren Geschäftsführer erinnert sich, dass bis zur Änderung auf Landi Nesslau vorwiegend Futtermittel und Dünger, also Produkte für die Landwirte, angeboten wurden. «Erst mit der Vergrösserung des Sortiments und der Namensänderung wurden wir von der übrigen Bevölkerung wahrgenommen. Vor allem im Bereich Garten und Balkonpflanzen, aber auch mit dem übrigen Sortiment und den regionalen Angeboten konnten wir mehr Kunden gewinnen.»

Das ehemalige Verkaufsgeschäft Haus Wasserbrugg, in der Chronik kurz als «Bauernhaus» bezeichnet, diente bis zum Bezug des Neubaus im Dezember 2017 als Verkaufs- und Bürolokal. Ein Blick auf die Entwicklung der Umsatzzahlen zeigt: Schon ein Jahr nach der Gründung lag der Umsatz bei 280’000 Franken, 1970 wurde die Millionengrenze überschritten, 1992 konnte die Marke von vier Millionen Franken geknackt werden. Im letzten Betriebsjahr im «Bauernhaus» lag der Umsatz bei 8,7 Millionen Franken und 2018, erzielt im Neubau auf der Parzelle Rutzenbach, durften 12,5 Millionen Franken verbucht werden. Für Ernst Scherrer sind dies erfreuliche Zahlen, «wir setzten alles daran, dass wir diese Umsätze auch weiterhin halten können. Ob noch eine Steigerung drin liegt, müssen wir offen lassen.»

«Es rundum gfreuts Landi-Johr»

An der Jubiläums-Genossenschaftsversammlung vom Samstagabend im Nesslauer «Büelen»-Saal konnte Präsident Ernst Metzler von einem «rundum gfreuten Landi-Jahr» berichten. Hervorragende Umsätze, hohe Abschreibungen, ein gutes Ergebnis, ein motiviertes Team und eine ständig grösser werdende Kundenschar bilde das Fundament für den Erfolg der Genossenschaft.

Ernst Scherrer hat, zusammen mit Ehefrau Luzia, die Landi Nesslau während mehr als drei Jahrzenten durch eine wechselvolle Zeit geführt und war massgeblich an der Realisierung des Neubaus, der inklusive Land für 6,4 Millionen Franken erstellt wurde, beteiligt. Ende 2019 wird er die Verantwortung als Geschäftsleiter seinem bisherigen Stellvertreter, Roman Metzler, übergeben. «Dann arbeite ich noch gerne bis zur Pensionierung weiter, kann aber der jüngeren Generation Platz machen.» Aktuell bietet die Landi Nesslau 18 Arbeitsplätze – mit vielen Teilzeitstellen an – was zehn Vollzeitstellen entspricht. Zudem werden zwei Lehrlinge ausgebildet und ab 2020 soll jedes Jahr ein Ausbildungsplatz angeboten werden.

Erstmals eine Frau im Vorstand

Erstmals in der Geschichte der Landi Nesslau wurde mit Barbara Brändle, Windegg, eine Frau in den Vorstand gewählt. Sie ersetzt den nach 30 Jahren zurücktretenden Köbi Wickli, Ennetbühl. Die verbleibenden Vorstandmitglieder, mit Ernst Metzler als Präsident und Oswald Stauffacher, Fridolin Früh und Ernst Schmid wurde für eine weitere Amtsdauer bestätigt.

Peter Bruhin, Gesamtleiter des LV St.Gallen zeigte sich beeindruckt von der Geschichte der Landi Nesslau. «Die Gründer haben mit ihrem Zusammenstehen und dem Genossenschaftsgedanken eine gute Grundlage für den Erfolg gelegt.» Auch der Nesslauer Gemeindepräsident Kilian Looser fand lobende Worte: «Es ist ein wertvolles Unternehmen, die Verantwortlichen sind mit dem Neubau ein Wagnis eingegangen, ihr Mut wurde belohnt.» Abgerundet wurde der Jubiläumsabend mit Auftritten des Jodlerklub Männertreu Nesslau. Passend zum Anlass war auch «De Hundertjöhrig», ein Naturjodel von Willi Valotti, zu hören. (adi)