Tötungsdelikt von Ganterschwil: Der Staatsanwalt fordert 20 Jahre – der Verteidiger Freispruch

Nach dem mutmasslichen Mord von Ganterschwil spricht der Staatsanwalt von einem «unbändigen Tötungswillen» und fordert eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren. Der Verteidiger verlangt wegen Formfehlern einen Freispruch.

Noemi Heule
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Zwei ungleiche Männer haben sich am Donnerstag zum zweiten Mal vor den Kreisrichtern für das Tötungsdelikt von Ganterschwil verantwortet. Der Hauptangeklagte, der 2015 den Lebenspartner seiner Ex-Freundin erschossen haben soll. Und sein mutmasslicher Gehilfe, der ihn zum Tatort chauffierte und ihm die Tatwaffe aushändigte. Die beiden Männer beschuldigen sich gegenseitig, die tödlichen Schüsse abgegeben zu haben.

Die Tat: Eine Hinrichtung auf offenem Feld

Blitzschnell sei es gegangen, führt der Staatsanwalt aus, der das Verbrechen mit einer Hinrichtung vergleicht. Das Opfer spazierte mit seiner Lebenspartnerin einen Feldweg entlang, als die Täter mit dem Auto nahten, einer aus dem Fahrzeug sprang und aus nächster Nähe und ohne Worte neun Schüsse auf das Opfer, seinen Nebenbuhler, abgab. Obwohl das Opfer bereits tödlich getroffen war, rammte er ihm noch ein Messer in die Brust. Der Staatsanwalt spricht von einem «unbändigen Tötungswillen.» 

Der Angeklagte: Ein Mann mit zwei Gesichtern

Die Aussagen ähneln sich: Der Hauptangeklagte habe zwei Gesichter, sagen Staatsanwalt, Opfervertreter und Verteidiger des Mitangeklagten über den mutmasslichen Mörder, der dem Publikum im Gericht nur den breiten Rücken unter einer Lederjacke zeigte. Er sei kaltblütig, kaltschnäuzig, machohaft, heisst es weiter. «Ein Meister der Manipulation», wobei er vordergründig zuvorkommend, ja charmant sei, werden Zeugen zitiert.

Der 34-Jährige selbst zieht es vor zu schweigen, verweigert die Aussage, sitzt fast regungslos vor dem Richtergremium. Ab und zu tauscht er sich flüsternd mit seinem Verteidiger aus, manchmal wippen seine Füsse, soweit es die Fussfesseln erlauben. Er habe eine Kehrtwende gemacht, sagte der Staatsanwalt. Nachdem er in ersten Einvernahmen noch ein «Quasi-Geständnis» abgelegt hatte, schob er die Schuld später seinem Chauffeur zu und führte einen Komplott ins Feld.

Das Milieu: Das Bordell ist Start- und Endpunkt

Die Vorgeschichte der Tat begann in einem Sexclub – und im Sexclub endete auch der Tag der Tat. Im «Pascha» in Staad lernten sich die beiden wenige Wochen vor der Tat kennen und im «Pascha» vergnügten sie sich am Abend danach. Bereits beim ersten Treffen heckten sie einen vermeintlichen Diamantenhandel aus. Das schummrige Geschäft sollte allerdings gründlich schief laufen.

Der Komplize: Er sieht sich als Leibeigenen

In der Folge stand der Mitangeklagte nach eigenen Angaben tief in der Schuld des Hauptangeklagten. Mit diesen Schulden nötigte er ihn nach eigenen Angaben zur Komplizenschaft. Die Übergabe der Tatwaffe, die Fahrt zum Tatort, all das sei unter Zwang passiert, führte der 55-Jährige aus. Auch der anschliessende Besuch im «Pascha» will nicht freiwillig erfolgt sein. Der mutmassliche Gehilfe weist vor Gericht jegliche Verantwortung von sich. «Ich war sein Hampelmann», sagt er wiederholt.

Der Mann, der zum Zeitpunkt der Tat arbeitslos war und auf der Suche nach dem schnellen Geschäft, arbeitet heute als Taxifahrer. «Er steht wieder mit beiden Beinen im Leben», sagt sein Anwalt, zuvor sei er eine Art «Leibeigener» gewesen. Er sei im Gegensatz zum Hauptangeklagten zumindest teilweise reuig und geständig, honorierte der Staatsanwalt.

Das Opfer: Der Nebenbuhler musste weg

Wie der Hauptangeklagte war das Opfer Teil einer Dreiecksbeziehung. Der Getötete war der langjährige Lebenspartner; der Angeklagte der kurzzeitige Liebhaber einer Frau, die ebenfalls im Milieu tätig war. Als das spätere Opfer im Gefängnis sass, freundete sich die Bordell-Besitzerin auf Facebook mit dem Angeklagten an. «Hätte sie diese Freundschaftsanfrage nur nicht angenommen», sagt ihr Anwalt vor Gericht. Schnell entwickelte sich eine Liebschaft, der Angeklagte zog bei ihr ein.

Als der Lebensgefährte vorzeitig aus der Haft entlassen wurde, warf sie ihn aus dem Haus. Der Vertreter der Frau zeichnete vor Gericht allerdings nicht das Bild einer Romanze, sondern sprach ebenfalls von Zwang, Gewalt und Todesdrohungen. Der Angeklagte, dessen Aufenthaltsbewilligung abgelaufen war, habe einfach schnellstmöglich heiraten wollen. «Aus Angst liess sie ihn in diesem Glauben», sagt er. Das Opfer sei diesem Vorhaben im Weg gestanden, «deshalb musste er weg». Nebst Eifersucht sei es auch darum gegangen, die Ex-Freundin zu erniedrigen. Wegen ihres Verlusts und weil sie die Tat mit ansehen musste, forderte er eine Genugtuung von 45'000 Franken.

Die Strafe: 20 Jahre versus Freispruch

Der Staatsanwalt spricht von einer rücksichtslosen, empathielosen Tat, von «reiner Tötungslust» und fordert eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren. Der Mitangeklagte soll wegen Gehilfenschaft sieben Jahre in Haft. Die Forderung des Verteidigers stand dem diametral entgegen. Wegen Fehlern im Verfahren forderte er einen Freispruch. Weil seine Vorgängerin ihre Aufgabe als Verteidigerin vernachlässigt habe, seien nun die gesamten Akten unverwertbar. Sie habe ihren Mandanten während dreier Jahre nicht einmal im vorzeitigen Strafvollzug besucht. Er kenne keinen ähnlichen Fall, führte er aus.

Zudem sei die Kronzeugin, die Ex-Freundin, vor Gericht nicht vernommen worden. Er war auch der Meinung, dass nie ernsthaft in Betracht gezogen worden war, der mutmassliche Gehilfe könnte der Täter sein – ihm gehöre schliesslich die Waffe und auch an seiner Kleidung seien Schmauchspuren gefunden worden. Für die über vierjährige Zeit im Gefängnis fordert er eine Genugtuung von einer halben Million Franken. Das Urteil steht noch aus.

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