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TODESZAUN: Die Jäger zeigen Herz

Jährlich verenden viele Wildtiere qualvoll, weil sie in Weidezäunen hängen bleiben. Der St. Galler Jägerverein Hubertus will dagegen vorgehen: Die Jäger haben Forderungen aufgestellt und planen eine Gesetzesinitiative. Das geht dem Bauernverband zu weit.
Julia Nehmiz
Peter Weigelt mit Hund Judy in seinem Jagdrevier: Der Präsident des Jägervereins Hubertus will gegen Zäune im Wald vorgehen. (Bild: Julia Nehmiz)

Peter Weigelt mit Hund Judy in seinem Jagdrevier: Der Präsident des Jägervereins Hubertus will gegen Zäune im Wald vorgehen. (Bild: Julia Nehmiz)

Julia Nehmiz

julia.nehmiz@ostschweiz-am-sonntag.ch

«Hier, sehen Sie, dieser Weidezaun, das ist eine Todesfalle.» Peter Weigelt steht auf einer Wiese am Waldrand und zeigt auf das orange Geflecht. Überwuchert von Brombeergestrüpp ist es kaum auszumachen. «So ein Zaun muss abgebaut werden, wenn keine Tiere mehr weiden», sagt er. «Aber dieser hier wurde schon vor Jahren einfach liegen gelassen.» Peter Weigelt, alt Nationalrat und Präsident des St. Galler Jägervereins Hubertus, hat eine Mission: die Todesfalle Zaun. Dessen will sich der Jägerverein annehmen. Eigentlich wäre alles genau geregelt, sagt Weigelt. Vorschriften und Gesetze, Verordnungen und Bestimmungen. Auf allen Ebenen, in allen ­Bereichen: Forst, Jagd, Landwirtschaft, Bau. «Doch niemand ist zuständig, wenn es um die Einhaltung der Bestimmungen geht.» Zudem gebe es unzählige Interpretationsmöglichkeiten der einzelnen Bestimmungen. Oder die Verantwortung werde von einer Behörde an die nächste geschoben.

Das wollen die Jäger nicht länger hinnehmen. Sie fordern ein kantonales Verbot von Stacheldraht. Weidenetze und elektrische Zäune sollen innert drei Tagen abgebaut werden, wenn keine Tiere mehr dort weiden. Weidenetze und elektrische Zäune wären täglich zu kontrollieren, Zäune im Wald – ausser für Aufforstungen – zu verbieten und nicht genutzte Zäune fachgerecht rückzubauen. Die Montage von Zäunen an Bäumen wollen sie ebenfalls verbieten lassen. Weigelt, selber Jäger, pachtet seit vielen Jahren mit derselben Jagdgesellschaft dasselbe Revier. Und ärgert sich über Zäune. «Hier, sechslitziger Stacheldraht, direkt am Waldrand, wie soll da noch ein Reh zum Äsen auf die Wiese kommen?» Aber sieht ein Reh den Zaun nicht? Kann es nicht einfach drüberspringen? Weigelt schüttelt den Kopf: «Im Dunkeln oder im Nebel kann auch ein Reh den Zaun kaum erkennen. Ist es auf der Flucht, kann es im Stress auch bei Tag in einen Zaun geraten.» Oder die Rehgeiss hüpft drüber, das Kitz bleibt hängen. Ein neugieriger Hirsch untersucht eine liegen gebliebene Drahtrolle und verheddert sich in ihr.

Weigelt und die St. Galler Jäger haben Fotos gesammelt. Von Tieren im Todeskampf. Von Zäunen und Zaunresten. Manchmal geht es gut aus, das Tier konnte befreit werden. Doch oft kommt jede Hilfe zu spät. Wie bei den beiden Hirschen, die vor einigen Jahren am Grabserberg im Kampf mit ihren Geweihen in einen Drahtzaun gerieten. Dieser wickelte sich um ihre Geweihe. Aneinandergefesselt zerrten sich die Hirsche zweieinhalb Kilometer den Berg hinunter, landeten erschöpft in einem Bachbett. Die von Anwohnern alarmierten Jäger mussten den Hirschen den Gnadenschuss geben.

Auf Widerstand vorbereitet

In der Jagdstatistik des Kantons St. Gallen listet das Amt für Natur, Jagd und Fischerei die Zahlen tödlich verunglückter Tiere separat auf. 4 Gämsen, 27 Rehe, 1 Rothirsch, 1 Steinwild, 6 Füchse, 3 Dachse und 1 Rabenkrähe verfingen sich 2016 in Zäunen. Angesichts Hunderter Wildtiere, die im Strassenverkehr starben, sind in Zäunen verendete Tiere statistisch ein eher geringes Problem. Schon, sagt Weigelt. «Aber da längst nicht alle Tiere gefunden werden, glauben wir, dass die Dunkelziffer ein Mehrfaches beträgt», sagt Weigelt. Und fügt an: «Wenn Sie die Schmerzensschreie eines verletzten Rehs hören, das vergessen Sie nie mehr, das geht durch Mark und Bein.» Auch den Einwand, dass die Jäger die Zäune aus Bequemlichkeit beseitigen wollen, damit sie nicht mühsam drüberklettern müssen, lässt er nicht gelten. «Es geht ums Tierwohl.»

Sollten die Forderungen der Jäger nicht umgesetzt werden, wollen sie Unterschriften sammeln: «Um eine Gesetzesinitiative zu lancieren, brauchen wir 6000 Unterschriften», sagt Weigelt. Mit Unterstützung der Naturschutzorganisationen hätten sie die rasch beisammen. Am 19. April erscheint die Sonderausgabe des Magazins «Hubertus Aktuell»; «Ein Aufruf zum Handeln!», so der Untertitel. Der Jägerverein startet damit eine gross angelegte Offensive, schreibt Politiker und Institutionen an. Und verscherzt es sich vielleicht mit dem einen oder anderen. «Das nehme ich in Kauf», sagt Weigelt. Seine politische Karriere liege hinter ihm, er könne sich gut für das Anliegen exponieren. Doch er betont, dass es den Jägern an einer guten Zusammenarbeit mit Landwirten, Förstern und Waldbesitzern gelegen sei.

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