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TODESFALL: Rolf Erb starb einsam in seinem Schloss

Der Winterthurer Unternehmer Rolf Erb ist tot in seinem Schloss Eugensberg aufgefunden worden. Erb wehrte sich bis zuletzt dagegen, eine siebenjährige Freiheitsstrafe absitzen zu müssen. Dies wegen Verfehlungen rund um den Konkurs der Erb-Gruppe.
Richard Clavadetscher
Der Winterthurer Unternehmer Rolf Erb ist tot. (Bild: ENNIO LEANZA (KEYSTONE))

Der Winterthurer Unternehmer Rolf Erb ist tot. (Bild: ENNIO LEANZA (KEYSTONE))

Der letzte Gerichtsentscheid ist am 30. März publiziert worden: Das Bundesgericht lehnte es ab, die Haftstrafe von Rolf Erb wegen geltend gemachter akuter Selbstmordgefahr aufzuschieben. Wie gestern bekannt geworden ist, fand nun seine Lebenspartnerin den 65-jährigen früheren Unternehmer am Samstag tot im Schloss Eugensberg in Salenstein, seinem Wohnsitz. Die Polizei schliesst Drittverschulden aus. Die Todesursache wird im Rechtsmedizinischen Institut in St. Gallen untersucht. Rolf Erb hätte in diesen Tagen in die Strafanstalt Gmünden in Niederteufen einrücken müssen, um eine siebenjährige Freiheitsstrafe anzutreten. Verurteilt worden ist er wegen gewerbsmässigem Betrug, mehrfache Urkundenfälschung sowie mehrfacher Gläubigerschädigung.

Der letzte Präsident der Konzernleitung des 2003 in Konkurs gegangenen Winterthurer Unternehmens wehrte sich mit allen Mitteln gegen diesen Strafantritt. Das Zürcher Amt für Justizvollzug hatte ihn bereits auf November 2016 festgesetzt. Es tat dies, nachdem ein Gutachten des Universitätsspitals Zürich festgesellt hatte, dass Erb aus gesundheitlicher Sicht haftfähig war, was dieser bestritt. Das von Erb daraufhin angerufene Zürcher Verwaltungsgericht stützte den Entscheid des Amts für Justizvollzug und legte den Haftantritt neu auf den 5. April fest. Schliesslich wies das auch noch angerufene Bundesgericht Erbs dagegen erhobene Beschwerde ab.

Fünfjähriger Gang durch alle Instanzen

Damit endete ein fünfjähriger Gang Rolf Erbs durch alle Instanzen der Rechtsprechung. Am 22. März 2012 nämlich wurde er vom Bezirksgericht Winterthur aufgrund seiner Machenschaften im Zusammenhang mit dem Konkurs der Erb-Gruppe zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt. Mitte Januar 2014 senkte das Obergericht die Freiheitsstrafe um ein Jahr und entschied zudem dass Erbs Immobilien – so etwa das Schloss Eugensberg und das Zentrum Töss – ebenso der Konkursmasse zuzuschlagen seien wie seine Oldtimersammlung. Das Bundesgericht bestätigte dieses Urteil im Herbst desselben Jahres.

Mit dem Tod des letzten Präsidenten des Erb-Konzerns nun kommt eine Unternehmensgeschichte auch personell zu ihrem Ende, die ihresgleichen sucht. Begonnen hatte sie ganz unspektakulär im Jahr 1920, als Hugo Erb senior eine kleine Reparaturwerkstätte für Autos im Winterthurer Stadtteil Töss eröffnete. Sein Sohn selben Vornamens begriff schnell, dass mit dem Verkauf von Autos mehr zu verdienen war als nur mit deren Reparatur. So verkaufte er zuerst Last-, später auch Personenwagen. Hugo junior galt als brillanter Verkäufer und hatte entsprechenden Erfolg.

Dem Vater des jetzt Verstorbenen kam die Boomzeit der Automobilbranche in den Sechziger- und Siebzigerjahren zu gute. Geschickt übernahm er verschiedene Automobilvertretungen für die Schweiz und expandierte in alle Landesteile. So gehörte Erb bald zur ersten Garnitur der Schweizer Autohändler. Wie Emil Frey sah auch der weitsichtige Erb schon früh das Potenzial der damals auf den Markt drängenden asiatischen Autohersteller – und wusste davon zu profitieren: Er importierte die Marken Mitsubishi, Suzuki, später Hyundai. Erb war so bald schon einer der reichsten Unternehmer im Land.

«Wäre Hugo Erb dabei geblieben, gehörte die Familie wohl heute noch zu den Milliardären», sagt der Winterthurer Historiker und Journalist Thomas Buomberger, der Mitte des letzten Jahrzehnts über «Die Erb-Pleite» ein Buch schrieb. Das aber tat Hugo Erb genau nicht: Er diversifizierte sein Unternehmen, kaufte bis zur Jahrtausendwende im grossen Stil Immobilien ebenso wie Unternehmen zusammen. Der Küchenhersteller Piatti gehörte ihm bald ebenso wie die renommierte alteingesesssene Winterthurer Kaffeehandelsfirma Volkart. So wurde Erb zum zweitgrössten Kaffeehändler der Welt.

Darüber hinaus hatte die Erb-Gruppe auch eine führende Stellung im Holzhandel, investierte sie in Finanzdienstleistungen und betrieb sie Devisengeschäfte im grossen Stil. Nicht weniger als rund 5000 Mitarbeiter standen zu jener Zeit auf Erbs Lohnliste, der Umsatz der Gruppe belief sich auf über fünf Milliarden Franken. Trotz des vielen Geldes und trotz prestigeträchtiger Villa am Winterthurer Wolfensberg gelang Hugo Erb indes der gesellschaftliche Aufstieg nie. In der Stadt von Sulzer, Rieter und Volkart rümpften die Alteingesessenen von Bedeutung die Nase ob des Parvenüs. Hugo Erb zog Anerkennung aus seinen Geschäften – und sammelte als Hobby «Bilder», wie er einmal sagte: «Die Bilder auf den Tausendernötli.»

Heikle Immobiliengeschäfte in Ostdeutschland

Hugo Erb regierte sein Unternehmen im Stil eines Alleinherrschers. Für seine Nachfolge sah er den erstgeborenen Sohn Heinz vor. Dieser aber starb aber schon Mitte der Siebzigerjahre bei einem Autounfall. Auch dem jüngsten Sohn, Christian, wurde das Auto zum Verhängnis: Der früher erfolgreiche Sportler ist seit einem Autounfall querschnittgelähmt. Blieb der zweitälteste Sohn Rolf. Er trat wie Bruder Christian, der in der ganzen Konkurs-Sache keine Rolle spielte, ins Firmenimperium ein; die beiden waren CEO. Das Sagen aber hatte weiterhin Vater Hugo; so hiess es jedenfalls.

Dies war denn auch die Verteidigungslinie von Sohn Rolf vor Gericht: Er habe allenfalls eine Teilschuld, denn er habe all die Geschäfte seines Vaters gar nicht überblickt. Dem aber widerspricht Buchautor Buomberger: Es sei vor allem Rolf gewesen, der die Diversifizierung in die Finanz- und Immobiliengeschäfte insbesondere in Ostdeutschland forciert habe. Diese Immobiliengeschäfte in Ostdeutschland, aus denen die Erb-Gruppe aufgrund vertraglicher Verlusthaftung mit dem eigenen Firmenvermögen nicht mehr aussteigen konnte, waren es, die der Erb-Gruppe schliesslich das Genick brachen. Vater Hugo habe davon wohl Kenntnis gehabt, habe aber aufgrund seiner Krebserkrankung, der er 85-jährig im Juli 2003 erlag, jedoch nicht mehr die Kraft gehabt, darauf angemessen zu reagieren, sagt Buomberger.

So stürzte das ganze verschachtelte Erb-Imperium innert weniger Monate nach dem Tod von Hugo Erb in sich zusammen. Der nach der Swissair grösste Konkurs der Schweizer Wirtschaftsgeschichte brachte es bei seinem «Grounding» auf ausstehende Kredite von zwei Milliarden Franken und betraf rund 80 Banken als Kreditgeber.

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