Tod von Nikkie: «Es war heftig und deprimierend»

GOSSAU. Nach der Einschläferung von Tigerin Nikkie spricht Walter-Zoo-Tierärztin Karin Federer über die Gründe, die den Schritt unumgänglich machten. Ein Tier nach intensiver Pflege zu verlieren, sei vergleichbar mit dem Tod eines Haustiers.

Johannes Wey
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Tigerkatze Nikkie musste nach einer missglückten Operation eingeschläfert werden. (Bild: Ralph Ribi)

Tigerkatze Nikkie musste nach einer missglückten Operation eingeschläfert werden. (Bild: Ralph Ribi)

Frau Federer, nach Nikkies Erblindung haben Sie sich wochenlang intensiv um die Tigerin gekümmert. Wie war es, als Sie sich doch entscheiden mussten, das Tier am Dienstag einzuschläfern?
Karin Federer: Das war natürlich heftig und deprimierend für das ganze Team. Das kennt jeder, der schon einmal von einem Haustier Abschied nehmen musste. Doch auch solche Entscheide müssen getroffen werden und ich bin überzeugt, dass wir richtig gehandelt haben.

Hat Viktor, das Männchen im Tigergehege, gemerkt, dass Nikkie nicht mehr da ist?
Federer: Ich vermute nicht. Er hat nach seiner Ankunft die Tigerhöhle wohl als Nikkies Revier betrachtet und sich vornehmlich im Aussengehege aufgehalten – die Temperaturen machen einem sibirischen Tiger ja nichts aus. Die beiden hatten auch vor Nikkies Operation noch keinen Kontakt, da ein Date mit Zahnweh nichts gewesen wäre. Nach Nikkies Erblindung war es für ihn wohl rätselhaft, dass er keinen Blickkontakt herstellen konnte. Von da an hielt er noch mehr Abstand zur Tigerhöhle.

Für Viktor muss jetzt eine neue Partnerin gefunden werden. Wann könnte es so weit sein?
Federer:Wir haben das Europäische Erhaltungszuchtprogramm, das im übrigen auch in den Entscheid zur Einschläferung eingebunden war, schon informiert. In zwei bis drei Wochen werden wir hoffentlich mehr wissen. Je nach Land, in dem die neue Tigerin zu Hause ist, können die Formalitäten aber viel Zeit in Anspruch nehmen. Wann Viktors neue Partnerin bei uns einzieht, kann ich also noch nicht sagen.

Am Ursprung von Nikkies Krankengeschichte stand ein abgebrochener Zahn. Lässt sich nachvollziehen, wie es dazu kam?
Federer: Die Verletzung liegt rund anderthalb Jahre zurück, geschah also, bevor Nikkie zu uns kam. Ihr früherer Zoo konnte uns keine Auskunft geben. Dass ein Zahn abbricht, kann vorkommen, ist in diesem Fall aber dennoch eher ungewöhnlich. In Gefangenschaft fällt die Jagd als grösste Belastung für die Zähne weg. Zudem war Nikkie ja erst fünf Jahre alt. Nach der Operation haben wir deshalb Zahnmaterial aufbewahrt, um es allenfalls noch zu untersuchen.

Weshalb sind Operationen unter Narkose bei Tigern so heikel?
Federer:Generell sind Narkosen bei Mensch und Tier mit einem gewissen Risiko verbunden. Wildtiere sind zudem noch etwas schwieriger, da aus Sicherheitsgründen meist keine gründliche Voruntersuchung möglich ist. Das Gewicht und die richtige Dosierung der Narkosemittel müssen geschätzt werden. Unter den Grosskatzen ist die Narkose von Tigern zudem eine der heikleren. Im Fall von Nikkie war sicherlich auch die Dauer der Operation mit zusätzlichen Risiken verbunden.

Was sprach dagegen, Nikkie trotz Erblindung im Walter-Zoo zu behalten?
Federer: Wir haben die Möglichkeiten wirklich gründlich abgeklärt. Letztlich waren alle Experten derselben Meinung. Hauskatzen können mit einer solchen Behinderung zurechtkommen, Tiger nicht. Nikkie war durch die Blindheit gestresst und konnte, nicht nur wegen des fehlenden Blickkontakts, keine sozialen Kontakte zu ihrem Artgenossen pflegen. In der Tigerhöhle fand sie sich zwar einigermassen zurecht, stiess aber auch dort immer mal wieder gegen ein Hindernis. Die Vergesellschaftung mit Viktor war so nicht möglich. Nikkie jahrelang unter diesen Bedingungen zu halten, wäre nicht artgerecht gewesen. Und auch nicht fair gegenüber Viktor, der so ja auch keine Partnerin hätte haben können.

Einige Zootiere werden nach ihrem Tod in derselben Einrichtung verfüttert. Ist das bei Nikkie auch möglich?
Federer: Es gibt drei Punkte, die dagegen sprechen. Aus gesundheitlichen und ethischen Gründen werden Fleischfresser meist nicht an andere Fleischfresser verfüttert. Das kommt auch in der Natur eher selten vor. Zudem machen die Medikamente, mit denen Nikkie eingeschläfert wurde, eine Verfütterung unmöglich. Und Nikkie wurde in der Tierpathologie des Tierspitals Zürich seziert, weil wir die Ursachen sauber abgeklärt haben wollen. Ihr Körper muss noch einige Wochen dort bleiben, bis die Resultate vorliegen.

Die Felle von Tigern und andere Körperteile sind in gewissen Kreisen heissbegehrt. Könnte Nikkies Leichnam verkauft werden?
Federer: Verkauft sicher nicht, auch wenn ein Tiger auf dem Schwarzmarkt Hunderttausende Franken einbringen kann. Den Handel mit Körperteilen einer bedrohten Spezies wollen wir aber sicher nicht anheizen. Eine Möglichkeit wäre gewesen, Nikkies Körper zu präparieren und im Zoo für edukative Zwecke zu verwenden oder einem Museum zur Verfügung zu stellen. Uns war aber in diesem Fall eine gründliche Sektion wichtiger.