TIERSCHUTZ: Lebensgefährlich gut versteckt

Das hohe Gras ist für Rehkitze Schutz und Gefahr zugleich. Weil sie auch den Bauern oft verborgen bleiben, werden sie im Frühling von ihren Mähmaschinen erfasst. Das Schicksal der Tiere beschäftigt die Jäger.

Simon Roth
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Im hohen Gras verstecken sich die Rehkitze. Allzu oft werden sie dabei von Mähmaschinen erfasst. Die Verletzungen führen meist zum Tod des Jungtieres. (Bild: Gerard Lacz/Getty)

Im hohen Gras verstecken sich die Rehkitze. Allzu oft werden sie dabei von Mähmaschinen erfasst. Die Verletzungen führen meist zum Tod des Jungtieres. (Bild: Gerard Lacz/Getty)

Simon Roth

simon.roth@tagblatt.ch

Die Bilder sind verstörend. Jeden Frühling verenden Rehkitze in Futtergraswiesen an Schnittverletzungen durch Mähmaschinen – dabei sollten die Wiesen ihnen Sicherheit bieten. Gut geschützt vor den Gefahren des Waldes setzen die Rehgeissen ihre Jungen in den Monaten Mai und Juni ­zwischen die hohen Grashalme. Selbst wenn ein Fuchs nahe am Kitz vorbeipirscht, duckt sich dieses und verharrt an seinem Ort.

Dieses angeborene Verhalten wird den Kitzen zum Verhängnis, wenn der Bauer die Wiese mäht. Ohne entsprechende Vorsichtsmassnahmen verhindert ihre Tarnung oft, dass sie entdeckt werden.

Moderne Technik hilft beim Aufspüren der Kitze

In den Ostschweizer Kantonen machen Amtsstellen, Jagd- und Bauernverbände die Landwirte seit Jahren auf das wiederkehrende Phänomen aufmerksam. Erst Ende April war im «St. Galler Bauer» ein Flugblatt beigelegt. Und auch im Kanton Thurgau ist durch die Berichterstattung der «Bauernzeitung» eine «Grundsensibilisierung» vorhanden, sagt Roman Kistler, Leiter der Thurgauer Jagd- und Fischereiverwaltung.

Dennoch bleiben die Zahlen vermähter Kitze traurigerweise beständig hoch (siehe Grafik). Peter Weigelt vom Verband Revierjagd St. Gallen möchte dies ­ändern. «Am Abend bevor der Bauer das Gras mäht, kann er das den regionalen Jägervereinen melden», sagt der Präsident der Jägervereinigung. In der Folge kümmern sich deren Mitglieder darum, dass die entsprechende Parzelle auf Rehkitze untersucht wird. Mittlerweile werden dafür auch technische Mittel wie ­Wärmebildkameras und Drohnen verwendet. Doch auch alt­bewährte Methoden, welche die Landwirte selber anwenden ­können, verfehlten ihren Zweck nicht: Weigelt empfiehlt Futtersäcke, die im Wind flattern, oder Blinklichter in die Wiese zu setzen. Dies beunruhige die Rehgeiss, sodass sie die Kitze somit an einen anderen Ort verlege.

Durch Landmaschinen getötete Rehkitze (Bild: bafu/mri)

Durch Landmaschinen getötete Rehkitze (Bild: bafu/mri)

Wetter beeinflusst Anzahl getöteter Kitze

Der Schutz der Rehkitze sei im Interesse aller, argumentiert Weigelt. Erst vergangenes Jahr starben im Thurgau 60 Kühe, weil sie vergiftetes Futter gefressen hatten. Der Grund soll ein Tierkadaver gewesen sein, der beim Mähen ins Futter gelangte.

Wegen des schlechten Wetters der vergangenen Wochen sei es dieses Jahr umso wichtiger, die Schutzmassnahmen einzuhalten, sind sich Kantonsvertreter, Bauern und Jäger einig. «Unter Umständen gibt es dieses Jahr eine höhere Anzahl verschnittener Rehkitzen als im Vorjahr zu beklagen», sagt Heinz Nigg, Ausserrhoder Jagdverwalter. «Das kalt-nasse Wetter verhinderte das Mähen der Wiesen», bestätigt Andreas Widmer, Geschäfts­führer des St. Galler Bauernverbands. Sobald das Klima wärmer sei, holten die Bauern dies nach. Zeitgleich mit den Geissen, die ihre Kitze ins hohe Gras setzen.

Nicht nur das genaue Beobachten der Wiesen und Treffen von Schutzmassnahmen rettet viele Kitze. Auch die richtige Mähmethode kann laut Weigelt viele Jungtiere vor dem Tod bewahren. Bauern sollen die verängstigten Tiere nicht einkesseln. Indem sie von innen nach aussen mähen, bieten sie den Tieren einen Fluchtweg.

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