TIERQUÄLEREI: Die Frau, die alles ins Rollen brachte

Diese Anzeige hatte es in sich: Schockierende Bilder von verendeten Pferden, Zwangsräumung des Hofs in Hefenhofen, fürsorgerische Unterbringung von Tierhalter Ulrich K. Wer aber ist die Frau, die den Skandal wieder ins Bewusstsein brachte?

Christian Kamm, Larissa Flammer
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Bild: Manuel Nagel

Bild: Manuel Nagel

Nein, sie posiert zur Begrüssung auf ihrer Facebook-Seite nicht auf einem Pferd. Dafür auf einem schweren Motorrad mit ziemlich vielen Pferdestärken. Dass es sich bei ihr um eine echte Pferdenärrin handeln muss, wird dem Besucher ziemlich schnell klar, weil auf ihrer Seite viel von den Vorzügen der Pferde und ebenso viel von den Nachteilen der Menschen die Rede ist. Und Y.Z. (Name der Redaktion bekannt) hat mit ihrer Anzeige gegen den Thurgauer Pferdezüchter Ulrich K. eine Lawine ausgelöst, die nicht nur die Thurgauer Behörden samt einem Regierungsrat an der Spitze ins Trudeln gebracht hat. Sondern auch das Image des Landwirtschaftskantons schweizweit abstürzen liess.

Der Anwalt hat zum Schweigen geraten

Y.Z. hat es von Anfang an vorgezogen, anonym zu bleiben und sich öffentlich nicht zu äussern. Das ist auch jetzt so, nachdem unsere Zeitung die Anzeigenerstatterin ausfindig gemacht und mit ihr gesprochen hat. Sie erklärt: «Von meinem Anwalt wurde mir geraten, bis zur Einvernahme durch die Thurgauer Staatsanwaltschaft nichts zu sagen.» Diese habe noch nicht stattgefunden, in ein oder zwei Wochen werde es vermutlich so weit sein. Das Argument, dass die Frau zu ihrem vorläufigen Schweigen ins Feld führt: «Ich will den Fall nicht gefährden.» Sie stellt aber in Aussicht, sich zu einem späteren Zeitpunkt inhaltlich zu äussern.

Warum geht eine Tierfreundin zu einem verurteilten Tierquäler?

Auf Facebook gibt sich Y.Z. indessen weniger zugeknöpft. Zur offenkundigen Pferdeverehrung, die allgegenwärtig ist und unter anderem im «Gebet eines Pferdes» gipfelt («sei gut zu mir und ich werde dir freudiger dienen und dich lieben»), gesellt sich auch ein hohes Mass an Tierschutzaffinität. Verbunden mit Kritik an tierquälerischen Praktiken etwa im Pferdesport und allgemein am Verhalten des Menschen gegenüber dem Tier. Zum Bild eines Pferdes wird beispielsweise der Spruch gepostet: «Die schrecklichste Naturkatastrophe aller Zeiten: der Mensch.» Geteilt werden zudem Tierschutzaktionen und Petitionen. «Wie sollte ich mich von der Grausamkeit, Falschheit und Heimtücke der Menschheit erholen, wenn mein Pferd nicht wäre, in dessen ehrliches Gesicht ich ohne Misstrauen schauen kann», heisst es an anderer Stelle. Und: «Dass das Wort Tierschutz überhaupt erfunden werden musste, ist die grösste Blamage der Menschheit.»

Viel Stoff, über den es sich zu reden lohnte. Y.Z. aber schweigt. Und so gibt es vorläufig auch keine Antwort auf die Frage, mit welchen Beweggründen eine in Tierschutzangelegenheiten derart sensibilisierte Frau auf dem Hof eines verurteilten Tierquälers monatelang ein- und ausgegangen ist.

Tierschützer ging auf Y. Z. zu und veröffentlichte die Fotos

Veröffentlicht hat die der Anzeige beiliegenden Fotos von vernachlässigten Tieren der Thurgauer Tierschützer Erwin Kessler. Er sagt: «Ich habe von Bekannten der Frau erfahren, dass diese eine Anzeige gegen Ulrich K. eingereicht hat, und habe daraufhin Kontakt mit ihr aufgenommen.» Sie habe erst nicht gewollt, dass die Fotos an die Öffentlichkeit gelangen, woraufhin Kessler sie überzeugt habe, dass Warten nichts bringe. «Sie wollte unter allen Umständen anonym bleiben und gab daher mir sämtliche Unterlagen», sagt Kessler. Es sei gut, dass sie anonym bleibe, sagt der Tierschützer. Sie verliere sonst vielleicht als Zeugin an Glaubhaftigkeit.

Erwin Kessler gab die Fotos schliesslich an die Medien weiter. Gleichzeitig habe er einen Brief an den Thurgauer Regierungsrat Walter Schönholzer geschrieben und ihm gesagt, er solle endlich auf die eingegangene Strafanzeige reagieren. «Es ist ein Armutszeugnis für einen Regierungsrat, wenn es Journalisten braucht, damit er in einer solchen Sache etwas unternimmt.»

Kessler bestätigt, dass die Zeugin noch nicht von der Staatsanwaltschaft einvernommen wurde. «Ich habe sie etwas darauf vorbereitet, wie das vonstatten gehen wird. Dass ein Anwalt von K. versuchen werde, sie in die Enge zu treiben und ihr Widersprüchlichkeiten zu entlocken.» Das könne für unerfahrene Personen schwierig sein. Weiter habe die Frau aber keine Beratung von ihm gebraucht. (lsf)