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THURGAU/ST.GALLEN: "Die Kinder wurden dargestellt, als wären sie Terroristen": Organisator des türkischen Schultheaters wehrt sich

Nach der Aufführung des umstrittenen türkischen Schultheaters im Thurgau steht der St.Galler Bildungschef Stefan Kölliker in der Kritik. Der Kanton habe keine Aufsicht über den Unterricht in Heimatlicher Sprache und Kultur, sagt er. Und auch der Organisator der Theateraufführung steht plötzlich im Fokus. Für ihn hat das Ganze nicht mit Politik, sondern mit Bildung zu tun.
Katharina Brenner/ conradin Knabenhans
Martialische Inszenierung: Türkischstämmige Schüler spielen in der Mehrzweckhalle Uttwil die Schlacht von Gallipoli nach. (Bild: "Sonntags-Blick")

Martialische Inszenierung: Türkischstämmige Schüler spielen in der Mehrzweckhalle Uttwil die Schlacht von Gallipoli nach. (Bild: "Sonntags-Blick")

Gewalt im Umfeld von Kindern, wo und wie auch immer, sei zu missbilligen, sagt der St.Galler Bildungschef Stefan Kölliker. Wenn beim Theaterstück in Uttwil wirklich Kriegsspiele und Gewaltverherrlichung stattgefunden haben, erschrecke ihn das natürlich. "Wir wissen es nicht genau und müssen uns auf Bilder abstützen." An dem umstrittenen Theaterstück über die Schlacht von Gallipoli Ende März in Uttwil waren mehrheitlich Schüler einer HSK-Klasse aus Flawil beteiligt – HSK steht für "Heimatliche Sprache und Kultur". Ein Türkei-Experte hatte im "Sonntags-Blick" kritisiert, bei dem Anlass seien Kinder gezielt für nationalistische Kriegspropaganda von Staatspräsident Erdogan instrumentalisiert worden. Dabei müssen die HSK-Kurse politisch und konfessionell neutral sein.

Wie stellt der Kanton dies sicher? "Das kann der Kanton nicht garantieren, weil er keine Aufsicht über den HSK-Unterricht hat", sagt Kölliker. Eine Aufsicht würde eine engere Bindung der Vereine an die Schule voraussetzen, und dafür müsste eine Rechtsgrundlage bestehen. "Beides haben wir nicht." Das bisherige offene Verhältnis bewähre sich seit langem gut, der Kanton wolle die bisherigen Kontakte nicht abbrechen. Wäre es nach dem Fall in Uttwil angebracht, eine Kontrolle der Kurse einzuführen? "Das wäre eine Diskussion um die Gesetzgebung", sagt Kölliker. Er glaube nicht, dass ein politischer Wille bestehe, den HSK-Unterricht stärker an die Schule zu binden. Das Kantonsparlament habe vor drei Jahren einen Vorstoss mit solcher Richtung abgelehnt.

"Radikalität schadet immer"

Ahmet Tak hat unruhige Tage hinter sich: Als Organisator des kritisierten Theaterstücks steht er plötzlich im Fokus des medialen Interesses. Der Mann mit der ruhigen und überlegten Stimme lebt in Uznach und amtet als Präsident des Dachverbandes der türkischen Elternvereine in der Ostschweiz. "Die Kinder wurden im Zeitungsbericht des Sonntags-Blicks so dargestellt, als wären sie Terroristen." Das habe den Familien und den Kindern sehr wehgetan. Im Stück um die Schlacht von Gallipoli pflege ein türkischer Soldat am Schluss einen fremden Soldaten, erklärt Tak. "Das Theaterstück ist Teil von Feierlichkeiten zum Jahrestag der Schlacht. Wir feiern und trauern gemeinsam – auch mit den damals verfeindeten". Das Theaterstück sei Teil der türkischen Kultur und werde seit über 30 Jahren aufgeführt. "Das hat mit Propaganda nichts zu tun", versichert Tak. Kinder von türkischen, kurdischen oder syrischen Familien würden den Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur besuchen, erzählt er weiter. Unter diesen Umständen könne man gar keine politische Propaganda machen, weil sonst einzelne Eltern ihre Kinder gar nicht mehr zum Unterricht schicken würden.

"Mit unseren Lektionen wollen wir einfach, dass die Kinder Freude haben am Unterricht." Deshalb organisierten die Elternvereine auch viele Ausflüge, etwa in den Zoo oder den Europapark. Dabei müsse er das Geld für diese Aktivitäten von Spendern zusammenkratzen. "Würden wir für Präsident Erdogan Propaganda machen, dann würde es uns als Elternverein finanziell sehr gut gehen."

"Das ist Bildung und nicht Politik"

Im HSK-Unterricht werden Kultur und Geschichte des Landes vermittelt, aber etwa auch das türkische Alphabet. Die türkische Botschaft liefert dafür Unterrichtsmaterial. "Aber das ist Bildung und nicht Politik", versichert Tak auch hier. Der Präsident der Elternvereine betont auch hier nochmals: Der Unterricht funktioniere nur ohne Politik, weil sonst etwa kurdischstämmige Kinder die Kurse nicht besuchen könnten. Dass sich die Politik und die Schulverwaltungen nun plötzlich für den Unterricht interessieren, das stört Tak nicht. Er will einen offenen Umgang pflegen: "Alle Interessierten sind immer und ohne Anmeldung herzlich willkommen", sagt er. "Wir haben doch nichts falsch gemacht". Kinder dürften selbstverständlich jederzeit auch befragt werden, denn sie könnten nicht lügen. Macht er sich Sorgen, die Kurse wegen der Theateraufführung nicht mehr anbieten zu können? "Nein, wir haben keine Angst", meint Tak und fügt, quasi als Beweis, auch die eigene Integrationsgeschichte an – 36 Jahre lang lebte er in Rapperswil-Jona, nun in Uznach. "Meine Kinder haben in der Jugendarbeit mitgeholfen, mein Sohn spielt Fussball, meine Tochter Unihockey."

Tak will Politik und Bildung strikt trennen. Auf Facebook teilt er aber regelmässig Beiträge von rechtsradikalen türkischen Gruppierungen, Parteien die mit den Ideen der sogenannten "grauen Wölfe" oder den "drei Halbmonden" sympathisieren. Die drei Halbmonde symbolisieren Blut, Boden und Islam. Die sogenannte "Ülkücü-Bewegung" wird kritisch beobachtet – in der Schweiz wurde erst im vergangenen Jahr eine Veranstaltung in Reinach (BL) verboten, an der zwei bekannte Repräsentanten der Grauen Wölfe auftreten wollten. Der Vefassungsschutz Baden-Württemberg bezeichnet die Bewegung als "als rechtsextremistisch, da sie einen übersteigerten Nationalismus propagiert". Ihre Anhänger würden nicht nur die eigene Nation glorifizieren, sondern betrachteten sich als anderen Nationen überlegen und würdigten diese herab.

Warum teilt Tak solche Inhalte auf Facebook? "Ich bin stolz auf mein Land, aber radikal bin ich nicht." Tak betont, er sei nicht Mitglied einer rechtsradikalen Partei. "Radikalität schadet immer". Er gehe einfach offen mit seiner Haltung um, teile ja nicht nur politische sondern auch religiöse Inhalte. "Ich habe nichts zu verstecken. Wie gesagt, ich mache es aus Liebe zu meinem Land." Und betont gleich wieder: Im Elternverein habe Politik nichts zu suchen. Er habe und werde nie jemanden von seiner Haltung überzeugen wollen. Es gehe dort nur darum, mit seinem Engagement den Kindern eine Freude zu machen. "Nur weil ich auf Facebook die Flagge meines Landes zeige, macht mich das noch lange nicht zum Patrioten oder Rassisten."




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