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«Ich möchte im Zeppelin zu Papi fliegen»

Die 31-jährige Martina aus dem Thurgau ist Mutter zweier kleiner Mädchen und seit drei Jahren Witwe. Auf Facebook schreibt sie nun in einem Blog über ihr Leben nach dem Tod ihres Mannes und will damit anderen Menschen Mut machen.
Maria Kobler-Wyer
Martina zeigt ihren Mädchen im Fotoalbum Bilder ihres Papas. (Bild: Reto Martin)

Martina zeigt ihren Mädchen im Fotoalbum Bilder ihres Papas. (Bild: Reto Martin)

Martina und Marco führen seit fast zehn Jahren eine harmonische Beziehung und leben in einem Mietshaus mit grossem Garten. Die zwei Töchter, neun Monate und zweieinhalb Jahre alt, komplettieren das Glück. Doch eines Tages schlägt das Schicksal zu. Der selbständige Familienvater erhält am 13. Juni 2013 die Diagnose: Hirntumor. „Es war ein Riesenschock“, erinnert sich Martina an diesen Tag. „Trotzdem haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben.“ Zwei Wochen später stirbt der 35-jährige Marco. „Alles ging so unerwartet schnell“, sagt Martina, die mit nur 28 Jahren bereits zur Witwe wurde.

„Am meisten Mühe machte mir, dass ich mich nicht richtig von ihm verabschieden konnte.“

Wie sie die erste Zeit nach dem Tod ihres Mannes überstanden hat, weiss Martina, die nicht mit vollem Namen genannt werden will, nicht mehr. „Es war ein Ab und Auf der Gefühle“, sagt sie. „Ich habe nur noch funktioniert.“

Über den Tod reden

Für die junge Thurgauerin ist das Reden über ihr Schicksal von Anfang an sehr wichtig. Doch sie merkt bald, dass der Tod und die Trauer immer noch grosse Tabuthemen sind in der Gesellschaft. "Ich will aber darüber reden", sagt die gelernte Pharmaassistentin. "Es ist so wichtig, auch für die Kinder. Sie sollen offen und ehrlich Fragen stellen dürfen und Antworten bekommen." Ihre Offenheit kommt nicht überall gut an. Viele kehren der jungen Familie den Rücken zu. Einige befürchten, dass sie das Schicksal selber treffen könnte, andere sind schlicht überfordert mit dem Thema.

"Ich gehe meinen Weg nun mit den Menschen, die mich unterstützen", sagt Martina. "Diese Freunde sind sehr wertvoll."

Eine Frau, auf die sie immer zählen kann, ist die Betreuerin ihrer Kinder. "Sie passt einen Abend pro Woche auf meine Mädchen auf", sagt Martina. Für die Witwe ist diese kleine Auszeit sehr wichtig. "Ich kann Kraft tanken und mache das, was Herz und Seele guttut."

Mit ihren Freundinnen kann Martina auch über alles reden. "Sie kennen meine ganze Geschichte", sagt die zweifache Mama. "Einige haben mich immer wieder ermuntert, darüber zu schreiben." Deshalb hat die 31-Jährige vor rund drei Monaten auf Facebook den Blog Jung, verwitwet und trotzdem glücklich eröffnet. Seither schreibt sie regelmässig über ihren Alltag, über schöne und schwere Momente in ihrem Leben. Oftmals rührt sie mit ihren Einträgen die Leserinnen und Leser zu Tränen. Einige sind selber betroffen von Schicksalsschlägen, andere bewundern Martina dafür, wie sie ihr Leben meistert.

"Die lieben Kommentare und die Bewunderung geben mir Kraft und Motivation", sagt Martina. "Ich möchte Menschen dazu bringen, ihren Horizont zu erweitern und über den Tod zu reden."

Mit ihrem Blog will sie anderen Menschen Mut machen und aufzeigen, dass das Leben nach negativen Ereignissen weiterhin lebenswert ist und man trotzdem glücklich sein kann.

Ein neues Leben

Martinas eigenes Leben hat sich seit dem Tod ihres geliebten Ehemannes komplett verändert. Die 31-Jährige lebt heute viel bewusster und schätzt kleine Aufmerksamkeiten mehr. «Ich habe mich selber gefunden», sagt die junge Mutter, welche inzwischen eine spirituelle Ausbildung sowie eine Ausbildung zur Spielgruppenleiterin und Bachblütentherapeutin absolviert hat. Als Therapeutin möchte sie künftig arbeiten und ihre positiven Gedanken weitergeben.

Auch den Wohnort hat die kleine Familie gewechselt – sie wohnt heute nicht mehr im Haus, sondern in einer Wohnung.

"Nach zwei Jahren habe ich es im Haus nicht mehr ausgehalten, alles hat mich an Marco erinnert", sagt die Thurgauerin.

Einige Sachen von Marco bewahrt sie hingegen bewusst auf - vor allem, damit ihre Kinder fassbare Erinnerungen haben: Etwa seinen Lieblingsparfüm oder Lieblingskleider. Aus T-Shirts von Marco entstanden Papapus für die Mädchen – das sind eine Art Stofftiere als Andenken an ihren Papi.

Der Papapu, welcher aus T-Shirts von Marco hergestellt wurde. (Bild: Reto Martin)

Der Papapu, welcher aus T-Shirts von Marco hergestellt wurde. (Bild: Reto Martin)

Einen Platz hat der verstorbene Ehemann auch in der neuen Wohnung erhalten: Auf dem Ofen im Wohnzimmer hat Martina mit ihren Kindern eine Erinnerungsecke eingerichtet. Dort stehen ein Bild von Marco, Engel, Steine, Schmetterlinge und Kerzen. Solche Symbole und Zeichen sind für Martina und die beiden Mädchen sehr wichtig.

Roggwil TG - Martina Hutter ist jung zur Witwe geworden und betreibt einen Blog, wo sie ihre Erfahrungen mit dem frühen Verlust niederschreibt.

Roggwil TG - Martina Hutter ist jung zur Witwe geworden und betreibt einen Blog, wo sie ihre Erfahrungen mit dem frühen Verlust niederschreibt.

„Im vergangenen August entdeckte ich am Himmel ein Wolkenherz“, sagt die Thurgauerin. „Ich bin überzeugt, dass es ein Zeichen von Marco war.“

Martina sieht das Wolkenherz als Zeichen von Marco. (Bild: zVg)

Martina sieht das Wolkenherz als Zeichen von Marco. (Bild: zVg)

Die fünfjährige Tochter sammelte auf ihrer Kindergartenreise Steine um sie zu bemalen und zu verschenken; Federn sind für sie ein Gruss von ihrem Götti, dem Bruder von Martina, der vor einem Jahr verstorben ist. Immer wieder lassen sie auch Ballons mit Botschaften oder Zeichnungen in den Himmel steigen – zum Beispiel am Todestag von Marco. An Marcos Geburtsag kochen sie jeweils sein Lieblingsmenü, an Weihnachten legten sie ihm einen Ast ihres Christbaums aufs Grab.

„Mit solchen Gesten versuche ich auch an schweren Tagen das Positive hervorzuheben“, sagt die 31-Jährige.


Positiv sind für Martina auch spezielle, gemeinsame Erlebnisse mit den Mädchen. Diese bedeuten ihnen mehr als materielle Geschenke. Dank des Vereins Sternentaler (s. Kasten) haben sie andere Familien kennengelernt, die ebenfalls schwere Zeiten durchmachen. So konnten sich die Mädchen mit einem Knaben austauschen, der seine Schwester verloren hat. „Wir sitzen im gleichen Boot“, sagt Martina. Von diesen Menschen fühlt sie sich verstanden. Aus einigen Kontakten sind inzwischen Freundschaften entstanden.

„Wir erleben mit den Familien jeweils schöne Tage, die mir grossen Halt geben“, sagt die zweifache Mama.

Ihrer fünfjährigen Tochter kann durch einen Aufruf auf Sternentaler nun ein Herzenswunsch erfüllt werden: „Ich möchte in einem Zeppelin zu meinem Papi fliegen.“

Sternentaler: Inseln für Familien im Sturm

Till, der Enkel von Brigitte Trümpy Birkeland, ist im Alter von zehn Jahren an einem Hirntumor gestorben. Seine vierjährige Leidensgeschichte hat die Grossmutter im Buch "Sternenkind - wie Till seinen Himmel fand" aufgeschrieben. Die Erfahrungen aus dieser Zeit haben Trümpy Birkeland bewogen, zusammen mit ihrem Mann Heiri den Verein Sternentaler zu gründen.
Sternentaler ist ein Projekt der Hilfe zur Selbsthilfe für Familien mit einem schwerkranken/behinderten Kind oder Sternenkind. Dort finden sie Austausch mit anderen Betroffenen und können Anträge stellen für die Erfüllung eines Wunsches. Was Sternentaler anbieten kann, ist immer abhängig von den finanziellen und menschlichen Ressourcen. Mehr Infos unter: www.sternentaler.ch (maw)

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