Thurgauer Regierungskandidaten kreuzen vor der Wahl zum letzten Mal die Klingen – die Bewertung ihrer Performance

Die Thurgauer Regierungskandidaten debattieren am TZ-Podium über Corona-Virus, Rollentausch und Konkordanz.

Christian Kamm
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Die sieben Regierungsratskandidaten stellten sich am TZ-Podium den Fragen von Moderator Mario Testa.

Die sieben Regierungsratskandidaten stellten sich am TZ-Podium den Fragen von Moderator Mario Testa.

Bild: Andrea Stalder

Wohin zeigt die Formkurve?

Carmen Haag.

Carmen Haag.

Bild: PD

Baudirektorin Carmen Haag (CVP) hat im Moment einige Baustellen. Deshalb muss die Bestgewählte vor vier Jahren ungewohnt aus der Defensive heraus argumentieren. Das tut sie gewohnt unaufgeregt und konziliant. Gleichzeitig macht die Erfolgsverwöhnte jetzt die Erfahrung, dass man trotz Aufrichtigkeit und Transparenz im politischen Gegenwind stehen kann.

Monika Knill.

Monika Knill.

Bild: PD, Kirsten Oertle

Monika Knill (SVP) ist jetzt die Amtsälteste. Aber eine ohne Starallüren. Sie weiss, was sie kann und wo sie aufpassen muss. Sie ist der Typus nette Nachbarin, die jeder gern hätte − ohne rhetorische Höhenflüge, aber grundsolide. Kämpfen, siehe Frühfranzösisch, kann sie auch. Schade nur, dass sie ins Technokratische flüchtet, sobald es politisch brisant wird.

Cornelia Komposch.

Cornelia Komposch.

Bild: PD/Kirsten Oertle

Cornelia Komposch (SP) trägt das Herz auf der Zunge. Das macht sie authentisch. Andererseits herrscht Fettnapf-Gefahr. In einer bürgerlichen Regierung ist es für die einzige Sozialdemokratin nicht leicht, ihre Klientel bei Laune zu halten. Komposch geht nun in ihrer Auslegung der Regierungskollegialität hart an die Grenze. Aber nicht darüber hinaus.

Walter Schönholzer.

Walter Schönholzer.

Bild: PD/Kirsten Oertle

Walter Schönholzer (FDP) hat nach verdautem Hefenhofen-Skandal seine gute Laune und Begeisterungsfähigkeit wieder. Ob die Wählerinnen und Wähler ebenfalls schon so weit sind, wird sich weisen. Schönholzer ist jedenfalls intensiv bemüht, seine Verdienste in der Nach-Hefenhofen-Ära ins richtige Licht zu rücken.

Karin Bétrisey.

Karin Bétrisey.

Bild: Urs Bucher

Mit ihrem unerschrockenen und angriffigen Stil ist Karin Bétrisey (GP) eine Bereicherung für diesen Wahlkampf. Sie nennt, was im Thurgau nicht selbstverständlich ist, die Dinge beim Namen – und eckt entsprechend an. Angesichts der ausgesprochen überschaubaren Wahlchancen kann sie sich das auch leisten. Zuweilen offenbart die politische Newcomerin noch Informationsdefizite und ihre Pfeile fliegen entsprechend ins Leere.

Ueli Fisch.

Ueli Fisch.

Bild: Urs Bucher

Ueli Fisch (GLP) ist ein erfahrener Wahlkämpfer. Nur kämpft er diesmal mit dem strategischen Problem, dass auf seiner grünen Flanke eine Regierungskandidatin aufgetaucht ist, die alles zugespitzter formuliert als er. Sein argumentatives Tänzeln zwischen Wirtschaft und Ökologie sowie zwischen Anpassung und Widerstand lässt ihn zuweilen blass aussehen.

Urs Martin.

Urs Martin.

Bild: Urs Bucher

So zahm wie jetzt war er noch nie: Urs Martin (SVP) hat seine Ansage umgesetzt, formuliert weiter spitz, aber sticht kaum mehr zu. Wer auch die Mitte gewinnen will, darf nicht polarisieren. Die gouvernementale Variante von Martin hält sich zurück und reiht sich ein. Denn sie weiss: Überflieger schaden bei Thurgauer Regierungswahlen nur sich selbst.

Ellenbögeln mit der Regierungsrätin

Das Corona-Virus verändert vieles – auch das TZ-Podium zur Thurgauer Regierungsratswahl. Nicht nur mussten sich die Besucher auf Geheiss des Krisenstabs registrieren, auch wurden sämtliche neuen Begrüssungsrituale durchgespielt – bis hin zum Ellbögeln mit der Regierungsrätin. Und auch auf dem Podium selber war Corona Thema. Regierungsrätin Carmen Haag (CVP) bekannte, dass sie immer noch den Reflex des Händeschüttelns habe (und dem übrigens auch an diesem Abend nachlebte).

«Man kann nicht genug handeln»

Den Gegenpol bildete Urs Martin (SVP), der beklagte, dass die Situation in der Schweiz immer noch unterschätzt werde. «Man kann nicht genug handeln.» Eine Eskalation wie in Norditalien müsse bei uns verhindert werden. Regierungsrätin Cornelia Komposch (SP), verantwortlich für Justiz und Sicherheit, ist in diesen Zeiten besonders gefordert. Sie sprach von einer besonderen Lage. Zum Glück sei im Thurgau noch niemand positiv getestet worden, «aber acht Personen befinden sich in Quarantäne». Die Verunsicherung in der Bevölkerung sei gross und die Situation eine Herausforderung für den Kanton, der in engem Kontakt mit dem Bund stehe.

Dem einen oder anderen einen «Gingg» verpasst

Aber es gibt auch ein politisches Leben ausserhalb des Virus, das Moderator und TZ-Redaktor Mario Testa in der Folge abwechslungsreich abklopfte. Angefangen beim Rollentausch Parlament-Regierung, der für den einen oder anderen neuen Kandidaten eine Herausforderung darstellen könnte. Für sie wäre dieser Tausch «ein Spaziergang», sagte Karin Bétrisey (GP). Sie haben den Schritt mit der Einbindung in die Geschäftsleitung eines Unternehmens schon gemacht, «mit Verantwortung für viele Leute». Und sie sei sich gewohnt, mehrheitsfähige Lösungen zu suchen.

Dito Ueli Fisch (GLP): Er habe in der Wirtschaft gelernt, unangenehme Entscheide gegenüber Mitarbeitern zu vertreten:

«Ich würde den Wechsel schaffen.»

Er habe in seinen zwölf Jahren im Grossen Rat dem einen oder anderen einen «Gingg» verpasst, bekannte Martin. In der Thurgauer Regierung werde das Kollegialitätsprinzip gelebt. «Und ich will das weiter pflegen.»

Kampagne selber bezahlt

Zu reden gab in diesem Zusammenhang auch das gemeinsame Wahlplakate der bisherigen Regierungsrätinnen und Regierungsräte. Fisch brandmarkte dieses Vorgehen als «Kuschel-Konkordanz». Ausser dem Thurgau gebe es keinen Kanton, in dem sich die Bisherigen gemeinsam präsentierten, «plus der liebe Urs Martin». «Lieber Urs Martin?», antwortete der Angesprochene: «Es gibt doch keinen Unlieberen als mich.» Er freue sich, dass die vier Bisherigen ihn trotzdem wollten. Haag rechtfertigte das Vorgehen als gemeinsamen Entscheid. «Es war ein hartes Ringen, das schlussendlich ein Ja ergab», präzisierte Komposch. Die Regierungsparteien hätten die Konkordanz hoch gewichtet, sagte Volkswirtschaftsdirektor Walter Schönholzer (FDP). Und: «Die Kampagne wird von uns selber finanziert.»

«Ich stehe am Morgen gerne auf»

Sämtliche bisherigen Regierungsräte zeigten sich hoch motiviert, die Projekte in ihren Departementen weiter voranzubringen. Stellvertretend Monika Knill (SVP): «Ich stehe am Morgen gerne auf und freue mich auf das, was kommt.» Auf mögliche Departementswechsel angesprochen, liessen sie sich nicht in die Karten schauen. «Es kommt auf die Transfersumme an», scherzte Knill, die als Dienstälteste zuerst auswählen kann. Als Neuer nehme man, was übrig bleibe, sagte umgekehrt Martin. «Ich kämpfe darum, überhaupt ein Departement zu erhalten.» Für Fisch spielt das Departement keine Rolle. «Finanzen und Soziales wäre aber sehr spannend.»

Bétrisey favorisiert von ihrer Ausbildung her Bau und Umwelt. Und warf Haag vor, die heisse Kartoffel Weilerzonen nicht rechtzeitig angepackt zu haben. Das Dossier sei höchst anspruchsvoll und emotional, wehrte sich Haag. Man habe frühzeitig Gespräche mit dem Bund geführt und stehe in sehr engem Austausch. Der wahre Skandal im Fall Hefenhofen sei gewesen, «dass ein renitenter Bürger allen Behörden jahrelang auf der Nase herumtanzen konnte», schaute Schönholzer auf seinen missglückten Start im Regierungsgebäude zurück:

«Mit mir selber hat das nicht so viel zu tun.»

Die wegen des Erweiterungsbaus des Kunstmuseums in der Kartause unter Druck geratene Monika Knill hofft auf einen Grundsatzentscheid noch vor den Sommerferien – auch zum Historischen Museum.

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