In Zürich werden Bilder der Proteste in Hong Kong gezeigt. (Bild: Lam Chun Tung)

In Zürich werden Bilder der Proteste in Hong Kong gezeigt. (Bild: Lam Chun Tung)

Thurgauer organisiert Fotoausstellung zu Hongkonger Protesten –Chinesen schicken Spitzel

Die Proteste in Hongkong machen jede Woche Schlagzeilen in den Medien. Mitten in den Auseinandersetzungen stehen Fotografen und berichten von der Front zwischen Gewalt und Alltag der Menschen. Der Thurgauer Fotojournalist Marcel Sauder organisierte eine Ausstellung mit Fotografen aus Hongkong - Ärger mit China inklusive.

Raphael Rohner
Drucken
Teilen

Es sind Bilder von Menschen, die sich da aufstellen, wo ihnen Gummigeschosse um die Ohren pfeifen und wo sie Tränengas und Pfefferspray direkt in die Gesichter gesprüht bekommen. Sie stehen dabei zwischen den Fronten: Auf der einen Seite die Hongkonger Regierung mit den pro-Regime Grundsätzen und die Polizei, auf der anderen Seite Demonstranten, die sich für das grosse Ganze einsetzen und sich gegen den zunehmenden Einfluss des chinesischen Regimes wehren. Die Fotografen von Hongkong fangen mit jedem Klicken des Verschlusses Momente ein, welche die Geschehnisse festhalten und dokumentieren.

Eine Ausstellung mit Bildern, welche die Ereignisse aus nächster Nähe zeigen, läuft derzeit in Zürich in der Photobastei. Sie trägt den Titel «Stand with Hong Kong Journalists» und soll einen Eindruck vermitteln über die Situation der Journalistischen Arbeit vor Ort. «Es ist wichtiger als je zuvor, genau hinzusehen, was in der Welt passiert. Wir wollen die Menschen und ihre Umstände zeigen, wie sie unter zunehmend schwierigen Bedingungen Fotos schiessen und Geschichten erzählen», sagt der Organisator der Ausstellung, Marcel Sauder aus Frauenfeld.

Bilder von den Strassen Hong Kongs, wie man sie kennt. (Bild: Leung Chun Ki 梁俊棋)

Bilder von den Strassen Hong Kongs, wie man sie kennt. (Bild: Leung Chun Ki 梁俊棋)

Der Fotograf kennt die Umstände in Asien bestens. Sauder war selbst einige Jahre an der Front als Fotojournalist in einigen Krisengebieten: «Hongkong ist für mich eine Art Kristallkugel, wo man die künftige globale Entwicklung voraussehen kann. Da werden unter zweifelhaften Vorwänden die Menschenrechte mit den Füssen getreten. Da muss man genau beobachten und aufklären.» Mit diesem Gedanken hat er die Ausstellung ins Leben gerufen.

In Hong Kong kämpfen Behörden gegen... (Bild: Chan Long Hei 陳朗熹)
11 Bilder
... das Volk. Die Menschen erleben... (Bild: Ho Ka Tat 何家達)
... jeden Tag Proteste und Auseinandersetzungen. (Bild: Ho Wing Yin 何穎賢)
Daneben geht der Alltag für die Menschen... (Bild: Ho Wing Yin 何穎賢)
... in Hong Kong weiter. Neun Fotografen stellen in Zürich... (Bild: Paul Yeung 楊德銘)
... ihre einzigartigen Bilder aus. Die Eindrücke der Ausstellung... (Bild: Paul Yeung 楊德銘)
... sind bemerkenswert. Die Fotografen riskieren für die Aufnahmen... (Bild: Vincent Yu 余偉建)
...oft ihr Leben. Die Idee zur Ausstellung hatte... (Bild: Leung Chun Ki 梁俊棋)
... der Frauenfelder Fotojournalist Marcel Sauder. Die Zuschauer... (Bild: zvg)
...sollen sich selber ein Urteil machen können. Die Bilder... (Bild:Chan Long Hei 陳朗熹)
... werden noch bis Ende September in der Zürcher Photobastei gezeigt. (Bild: 林振東)

In Hong Kong kämpfen Behörden gegen... (Bild: Chan Long Hei 陳朗熹)

In Zürich werden die Bilder von neun Fotografen gezeigt, welche täglich bei Demonstrationen auf den Strassen von Hongkong mit der Kamera draufhalten und ihre Bilder der lokalen, aber auch internationalen Presse zur Verfügung stellen. Dabei sind viele Bilder entstanden, die man zum Beispiel, in der Volksrepublik China nie zu sehen bekommen hat. Eine politische Aussage solle daraus aber nicht entstehen, betont Sauder: «Wir Fotografen müssen neutral arbeiten. Wir wollen hier kein politisches Statement abgeben und nichts werten. Eine Meinung soll sich jeder Betrachter selber machen. Die Bilder sollen zeigen, wie das Leben der Fotografen in solch schwierigen Situationen ist.»

Der Organisator Marcel Sauder (links) und Fotograf Paul Yeung (Mitte) reden über die Situation in Hongkong.

Der Organisator Marcel Sauder (links) und Fotograf Paul Yeung (Mitte) reden über die Situation in Hongkong.

Einer der Fotografen ist der 41-jährige Hongkonger Paul Yeung. Er fängt Momente der Proteste mit seiner Kamera ein und verzichtet bewusst auf Gewaltbilder: «Es gibt so viele Geschichten neben den Protesten. Ich möchte zeigen, dass da so viel mehr passiert als nur die Gewalt. Die Menschen leben mit der stetigen Auseinandersetzung.» Ein Bild, das er geschossen hat, zeigt einen meditierenden Mann, der mitten in einem Stapel von Absperrgittern sitzt und seine Ruhe im Chaos findet. Auf einem anderen Bild spielen Kinder «Himmel und Hölle» auf Fotos von Politikern, die auf den Boden geklebt wurden.

Ein Mann findet seine Ruhe inmitten der Proteste. (Bild: Paul Yeung 楊德銘)

Ein Mann findet seine Ruhe inmitten der Proteste. (Bild: Paul Yeung 楊德銘)

Um was geht es eigentlich?

Seit mehr als vier Monaten demonstrieren die Hongkonger gegen die Regierung, die kommunistische Führung in Peking und ihren wachsenden Einfluss auf die frühere britische Kronkolonie.

Der Protest richtet sich gegen die Peking-treue Regierung und auch Chinas wachsenden Einfluss. Nach einer Demonstration am 1. Juli stürmten Aktivisten sogar das Parlament. Die Grossdemonstrationen finden trotz Verbot der Behörden statt.

Auslöser der Proteste war das inzwischen verworfene Gesetz für Auslieferungen von Personen an China, die von der chinesischen Justiz beschuldigt werden. Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam hat den Gesetzentwurf seither ausgesetzt und für «gestorben» erklärt. In einer voraufgezeichneten Fernsehansprache gibt Regierungschefin Carrie Lam bekannt, dass sie das neue Auslieferungsgesetz formell zurückzieht. Auf die anderen Forderungen geht sie nicht ein und weigert sich, ein unabhängiges Komitee zur Untersuchung der Polizeigewalt in Betracht zu ziehen.

Der Widerstand unter den sieben Millionen Hongkongern ist gross. Sie kritisieren Chinas Justiz als nicht unabhängig und als Werkzeug der politischen Verfolgung. Auch warnen Kritiker vor Willkür, Folter und Misshandlungen in China. (sda)

Mit solchen Bildern ecken die Journalisten in China an. Bei ähnlichen motivierten Kundgebungen oder Veranstaltungen in Australien, Kanada und New York kam es gar zu Vandalismus und Übergriffen zwischen Besuchern. So wurde auch im Vorfeld auf die Ausstellung in Zürich niederschwellig Druck auf die Veranstalter und Organisatoren ausgeübt: «Während der Vorbereitungen zur Ausstellung standen plötzlich zwei Herren aus China in der Photobastei und wollten pro forma eine Ausstellung über China organisieren», sagt Romano Zerbini, Leiter der Zürcher Photobastei. Die beiden Besucher kamen ihm seltsam vor. Sie verliessen die Photobastei gar, ohne eine Visitenkarte zu hinterlassen: «Stattdessen wollten sie Informationen wie Namen und Kontaktdaten der Aussteller. Das bekamen sie natürlich nicht», so Zerbini.

«Die Männer versuchten unter falschem Vorwand Informationen zu beschaffen – ein eigenartiges Gefühl»

Im Laufe des Gespräches gaben die beiden Herren zu, dass sie vom chinesischen Konsulat kommen. Sie luden ihn zu einer weiteren Sitzung ins Konsulat ein: «Es war ein sehr offenes Gespräch, und ich musste ihnen einfach klar machen, dass ich keinen Ärger will während meiner Ausstellung.» Bei ihm hinterlässt der Besuch der beiden Männer einen fahlen Beigeschmack. «Da waren wirklich zwei Männer, die unter einem falschen Vorwand Informationen beschaffen wollten – das ist ein eigenartiges Gefühl.» Aus diesem Grund hat Zerbini auch die Polizei eingeschaltet, die sich ihrerseits beim Konsulat erkundigten, ob man im Bilde darüber sei, dass zwei Vertreter in der Photobastei vorstellig geworden seien. Auf Nachfrage bei der Zürcher Stadtpolizei wurde der Vorfall bestätigt.

Der Generalkonsul der Volksrepublik China in Zürich wollte trotz mehrfacher Nachfrage bis zum Redaktionsschluss vom TAGBLATT keine Fragen zum Besuch seiner Mitarbeiter in der Zürcher Photobastei beantworten. 

Kinder spielen «Himmel und Hölle» auf Bildern von Politikern. (Bild: Paul Yeung 楊德銘)

Kinder spielen «Himmel und Hölle» auf Bildern von Politikern. (Bild: Paul Yeung 楊德銘)

Bei den Fotografen löste der Besuch aus dem Konsulat keine Ängste aus: «Wir wollen keine Angst im Herzen tragen, wir haben ja nichts Illegales gemacht», sagt der Fotograf Yeung. Auch der Organisator Marcel Sauder hat keine Angst: «Man muss sich einfach vorbereiten und gewappnet sein.» Heisst konkret, dass er sich gegen Vandalen gerüstet hat: «Eine Druckerei ist auf Stand-By und kann alle Bilder sofort nachdrucken.»

Die Einschüchterungsversuche verunsichern den Frauenfelder nicht: «Es zeigt doch, dass wir etwas Bedeutendes tun und uns nicht verstecken müssen, um die Wahrung der Menschenrechte auf dieser Welt zu unterstützen. Genauso wenig, wie sich die Fotografen verstecken müssen.»