Thurgauer Notfallarzt verweigerte Hausbesuch

MÜNCHWILEN. Ein Ehepaar aus Münchwilen übt nach einem medizinischen Notfall Kritik: Obwohl der 79jährige Ehemann Symptome einer Lungenentzündung zeigte und seine Frau nicht mehr Auto fährt, lehnte der Notfallarzt einen Hausbesuch ab.

Ida Sandl
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Die Ambulanz wird nur eingesetzt, wenn der Patient gemäss Einschätzung eines Arztes nicht selbständig ins Spital kommen kann. (Bild: Nana do Carmo)

Die Ambulanz wird nur eingesetzt, wenn der Patient gemäss Einschätzung eines Arztes nicht selbständig ins Spital kommen kann. (Bild: Nana do Carmo)

Zuerst war da ein Rasseln und Keuchen, wenn er atmete. Das hört sich nach einer Lungenentzündung an, dachte Heidi Meichtry aus Münchwilen. Es war Sonntagnachmittag. «Morgen musst du zum Arzt», schärfte sie ihrem Mann ein. Doch eine Viertelstunde später bekam der 79-Jährige bereits starken Schüttelfrost. Ihm war schlecht.

Heidi Meichtry rief die Notfallpraxis im Kantonsspital Frauenfeld an. Die freundliche Frau am Telefon habe ihr versichert, der Notfallarzt komme vorbei.

«Notfallpraxis zu weit weg»

Zwei Stunden seien vergangen. Dann habe sich ein Arzt gemeldet und erklärt, ihr Mann müsse nach Frauenfeld kommen. Heidi Meichtry ist 74. Sie fahre nicht mehr Auto, sagte sie dem Arzt. Der erwiderte, dann solle der Patient ein Taxi nehmen. Das gehe nicht, weil ihr Mann Angst habe zu erbrechen. Dann müsse sie eben die Nachbarn oder Verwandte bitten. Das Gespräch sei nicht gerade freundlich verlaufen. «Der Notfallarzt sagte, er fahre doch nicht wegen uns durch den halben Kanton Thurgau.» Im nachhinein fragt sich Heidi Meichtry, wieso sie so lange auf den Rückruf warten musste: «Es hätte in der Zeit doch Komplikationen geben können.»

Schliesslich erreichte sie ihren Sohn, der in Winterthur lebt. Der schlief schon, weil er Schicht arbeitet. Er brachte den Vater nach Frauenfeld. Wie sich herausstellte, litt Robert Meichtry tatsächlich an einer Lungenentzündung und musste ein paar Tage im Spital bleiben. Seit diesem Erlebnis ist für Heidi Meichtry klar: «Für den Hinterthurgau ist die Notfallpraxis in Frauenfeld zu weit weg.»

«Eine Ausnahme»

Das sieht Professor Beat Frauchiger nicht so. Er ist Chefarzt Medizin und der Notfallstation am Kantonsspital Frauenfeld, ausserdem Leiter Grundversorgung der Spital Thurgau AG. Frauchiger sagt: «Wir haben im Thurgau eine gute bis sehr gute medizinische Versorgung.» Die Distanzen seien in anderen Kantonen wesentlich grösser. Zum konkreten Fall nimmt er keine Stellung. «Es ist die Ausnahme, dass eine Situation so eskaliert.»

Der Arzt entscheidet

Als Reaktion auf den Mangel an Hausärzten wurden vor fünf Jahren fünf Notfallkreise zu Thurgau West zusammengefasst. Dazu gehört auch der Hinterthurgau. Bei einem Krankheitsfall ausserhalb der regulären Sprechzeiten ist die Notfallpraxis die erste Anlaufstelle. Das System habe sich bewährt, sagt Frauchiger. «Die Patienten erleben keinen merklichen Leistungsabbau.»

Bei schweren Krankheiten oder Verletzungen informiert die Notfallstation den diensthabenden Arzt des Hausbesuchsdienstes. Der entscheide dann am Telefon, ob dem Patienten der Weg zur Notfallstation zugemutet werden kann. Falls nicht, macht der Arzt einen Hausbesuch oder alarmiert die Ambulanz.

«Ambulanz ist kein Taxidienst»

«Das sind erfahrene Ärzte, die können die Dringlichkeit einer Situation gut einschätzen», sagt etwa Christian Buchwalder. Er arbeitet als Hausarzt im Schlossberg Ärztezentrum in Frauenfeld. Im Vorstand der Ärztegesellschaft Thurgau ist Buchwalder unter anderem für den Notfalldienst verantwortlich. Trotzdem: Am Telefon eine Entscheidung zu treffen, sei nicht einfach. «Es gibt keine hundertprozentige Garantie.» Andererseits habe der Patient auch kein Recht auf einen Arztbesuch. «Der Arzt muss die Freiheit haben, je nach Situation zu entscheiden.» Der Transport eines Patienten sei selten ein Problem. «In 95 Prozent der Fälle kann das privat gelöst werden.»

Hätte Heidi Meichtry in diesem Fall auf eigene Faust einen Rettungswagen rufen können? Harry Huber, Leiter der Thurgauer Sanitätsrufzentrale, winkt ab. Sobald ein Arzt einen Patienten als transportfähig beurteilt, sei das kein Fall für die Ambulanz. «Wir sind kein Taxidienst.» Huber beobachtet, dass die Ambulanz zunehmend für Transporte gerufen wird. Aber: «Wir brauchen unsere Rettungswagen für die qualifizierten Notfälle.»

Davon abgesehen ist auch der Transport mit dem Rettungswagen nicht billig. Etwa 800 Franken kostet die Fahrt. Wie viel die Krankenkassen dann aus der Grundversicherung übernehmen, hängt davon ab, ob es sich um einen normalen Transport oder um einen Notfalltransport handelt; beim normalen Transport werden 50 Prozent bis maximal 500 Franken übernommen, beim Notfalltransport maximal 50 Prozent bis 5000 Franken. Den Rest muss der Patient zahlen, wenn er keine entsprechende Zusatzversicherung hat. Swica-Pressechefin Silvia Schnidrig sagt: «Ruft ein Versicherter das Spital an, um einen Rettungswagen zu bestellen, muss das Spital einschätzen, ob ein Notfalltransport medizinisch indiziert ist.»

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