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Thurgauer Kitas leben von den Praktikantinnen

Die Diskussionen um die Praktika bei den Kitas und die Finanzierung spitzen sich zu. An einem Anlass der Erfa diskutierten sieben Fachleute. Kantonales Signal: Praktika nur noch mit Garantie auf spätere Lehrstelle.
Margrith Pfister-Kübler
Einjährige Praktika sind in Kindertagesstätten weit verbreitet: Podiumsteilnehmer mit Moderator Mario Testa (rechts). (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Einjährige Praktika sind in Kindertagesstätten weit verbreitet: Podiumsteilnehmer mit Moderator Mario Testa (rechts). (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Die Erfa-Wirtschaftsgruppe hat den Anlass unter dem Titel «Praktikanten – ein Auslaufmodell?» organisiert. Er stiess auf grosses Interesse. Informativ und engagiert, so war das Podium, mit treffsicheren Fragen von Moderator Mario Testa, Redaktor der «Thurgauer Zeitung». Er angelte geschickt Antworten auf das «heisse Thema», nicht nur wegen des heissen Sommerabends. Testa stellte in den Raum: 80 Prozent der Kitas arbeiten mit einjährigen Praktika, dies sei auch im Kassensturz angeprangert worden. «Gut oder Auslaufmodell?»

«Kindererziehung ist ein Knochenjob»

Karin Oswald, Präsidentin Kibe-Thurgau, sieht einen Sinn im Praktika-Modell, weist aber darauf hin, dass die Praktikanten begleitet werden müssen. Oswald betont: «Kindererziehung ist ein harter Knochenjob. Unser Berufsstolz muss noch kommen.» Mangelnde Wertschätzung, tiefe Löhne in vielen Sozialberufen wurde von Kathrin Tinner, Bereichsleitung FaBe, bemängelt: «Je kleiner die Kinder, desto weniger Anerkennung.»

Brigitte Betschart, Geschäftsstellenleiterin bei OdA GS Thurgau, dem Verband der Gesundheitsberufe, blendete auf die Finanzsituation in den Kitas, ein grosses Dilemma. Die Löhne seien zu tief. Hier griff Judith Müller, Stellvertretende Leiterin Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Thurgau, ein: «Es sind branchenübliche Löhne. Wenn Missbrauch besteht, muss dies uns gemeldet werden und eine Kommission wird feststellen, ob dies missbräuchlich ist.» Müller ergänzt, dass es «kaum eine Branche gibt, die soviel Praktikanten beschäftigt wie die Kitas». Karin Oswald präzisiert: «Praktikanten, ohne Chance angestellt zu werden.»

Zwei Drittel zahlen die Eltern

Katrin Serries, Regionalleiterin Ostschweiz von Kibesuisse, weist auf den Bildungsauftrag und den Mehrwert von gut ausgebildeten Kleinkindererzieherinnen hin, allerdings immer mit Kostenfolge. «Ein heikles Schwert», sagt Serries zur Kostenfolge. Zwei Drittel der Kosten tragen jetzt schon die Eltern, in der Westschweiz sei es nur ein Drittel und im Ausland ein Fünftel. Dort bezahlen die öffentliche Hand und die Wirtschaft zwei Drittel der Kita-Kosten. Der Thurgau also eine Entwicklungszone?

Für Janine Rüdisüli, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Lehr-Lernforschung PH St. Gallen, handelt es sich bei Kitas um eine Grundsatzfrage, um einen besseren Start für Kinder und um Chancengleichheit. Dies rufe nach gut ausgebildetem Personal. Und immer wieder kommt die Kostenfrage aufs Tapet. Karin Oswald beklagt, dass heute noch jede Kita im Thurgau bei der Gemeinde «anklopfen muss», sie fordert ein Umdenken, weg vom SVP-Denken. Der Ball liege bei der Politik.

Eine Lehrstelle nach dem Praktikum

Bei der Umfrage durch Moderator Testa: Praktikum abschaffen, nur noch Lehrstelle?, war sich die Mehrheit einig: Streichung des Praktikums zu Gunsten einer sicheren späteren Lehrstelle. Denn viele Praktikanten bleiben ohne Lehrstelle. Dieses Anliegen stösst auf offene kantonale Ohren: Christian Schuppisser, Leiter Pflegekinder- und Heimaufsicht Thurgau, gibt bekannt: «Ab dem Jahr 2020 wird nur noch ein Kita-Praktikum mit einer Garantie auf eine spätere Lehrstelle im Personalschlüssel berücksichtigt.» Damit will der Kanton die Ausbildung wirklich ernsthaft fördern. In der anschliessenden offenen Diskussion bekam die Politik ihr Fett ab: Die Voten reichten von «Behindertenheime, Altersheime, werden unterstützt. Aber Kinder können ja noch nicht wählen» bis zu «Kinder haben keine Lobby». Und: Es liegt am Geld, denn ohne Praktikanten sei die Finanzierung gefährdet.

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