Thurgauer Kantonsbibliothekar: «Die frühe Leseförderung ist wichtig»

Das Lesen gehört nicht zu den Stärken der Schweizer Schüler. Dabei gibt es im Thurgau eine Vielzahl an Angeboten zur Leseförderung.

Judith Schuck
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Sich aufmerksam mit einem Text zu beschäftigen, braucht Zeit und Geduld.

Sich aufmerksam mit einem Text zu beschäftigen, braucht Zeit und Geduld.

Laurent Gillieron

Gemeinsam mit Österreich erzielte die Schweiz bei der aktuellen Pisa-Studie mit Schwerpunktdomäne Lesen 484 Punkte. Da sind drei Punkte unter dem Durchschnitt der OECD-­Länder – der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit. Spitzenreiter waren 2018 Finnland und Kanada mit je 520 Punkten, ­gefolgt von Deutschland mit 498 Punkten.

Die Studie wird seit 2000 alle drei Jahre durchgeführt. Das Lesen stand sowohl 2000 als auch 2009 bereits im Mittelpunkt. Die Ergebnisse dieser Jahre für die Schweiz bezeichnet Beat Brüllmann, Chef beim Amt für Volksschule Thurgau, als Pisa-Schock: «Nach diesen ersten Übungen haben wir viel in die Leseförderung investiert.»

Mädchen lesen besser als die Jungs

Pisa bildet allerdings nur einen internationalen Vergleich ab. Für einen schweizweiten Überblick gibt es seit 2016 die Überprüfung der Grundkompetenzen, kurz ÜGK, welche von der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren durchgeführt wird. Von national 20000 Schülerinnen und Schülern nahmen an der Studie von 2017 deren 927 aus dem Thurgau teil. Hier sahen die Ergebnisse schon besser aus, denn der Thurgau kam beim Erreichen der Grundkompetenzen im Lesen auf 90 Prozent der Punkte und damit über den schweizweiten Durchschnitt von 88 Prozent. Dabei schnitten die Mädchen leicht besser ab als die Jungs, und auch Kinder aus den oberen sozialen Schichten sowie Schüler, bei denen zu Hause nur Deutsch gesprochen wird, hatten einen Vorsprung gegenüber anderen.

Frühkindliche Sprachförderung im Fokus

2018 wurde im Thurgauer Lehrplan das Sprachkonzept revidiert. «Die Schulsprache Deutsch wird vermehrt im Lehrplan berücksichtigt», sagt Beat Brüllmann. In diesem Januar führe das Amt für Volksschule gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Thurgau eine Thementagung zur Bedeutung der Schulsprache durch. Hier gehe es vor allem darum, die Lehrpersonen für das Thema, wie bedeutsam die Sprache für alle Fächer ist, zu sensibilisieren. Der Amtschef betont:

«Nur wer einen Text oder eine Aufgabe versteht, kann diese auch lösen respektive fachliches Wissen aufbauen.»

Was die Bildungsbeauftragten im Thurgau aber noch mehr umtreibe, sei die frühe Sprachförderung. «Es gibt viele Kinder im Kindergarten, die nur eine sehr geringe Sprachkompetenz besitzen.» Das beträfe nicht nur fremdsprachliche Kinder, sondern sei ein generelles Problem. «Hier müssen wir künftig noch mehr den Fokus drauflegen.»

Handygesellschaft mit Aufmerksamkeitsdefizit

Das sieht Kantonsbibliothekar Bernhard Bertelmann ähnlich: «Die frühe Leseförderung ist wichtig.» Hierfür gibt es beispielsweise das von der Schweizer Institution Bibliomedia entwickelte Projekt Buchstart, das von verschiedenen Bibliotheken im Thurgau durchgeführt wird. Buchstart richtet sich an Eltern mit Kindern zwischen sechs Monaten und drei Jahren. Durch Fingerspiele, Kinderverse oder Lieder werden bereits die ganz Kleinen in ihrer kognitiven Entwicklung und beim Nacherzählen von Geschichten gefördert. «2019 nahmen rund 700 Personen am Projekt teil», sagt Bertelmann.

Allgemein steige das Angebot zur Leseförderung im Thurgau. «Es besteht aus einem grossen Netzwerk von Institutionen wie Bibliotheken, der Thurgauischen Arbeitsgemeinschaft für Elternorganisation oder dem Verein Kinder- und Jugendmedien Ostschweiz – nicht zu vergessen natürlich das schulische Engagement.» Der Bibliothekar betont aber, dass Leseförderung nicht bei Kindern und Jugendlichen aufhören sollte:

«Das Problem ist ein gesamtgesellschaftliches: In unserer Handygesellschaft ist die Lesezeit geprägt von Ablenkungen.»

Auf den Smartphones werde zwar viel gelesen; es sei aber ein Unterschied, ob man kurz etwas nachschaue oder sich aufmerksam mit einem Text beschäftige. «Das braucht Zeit und Geduld.» Hier müssten sich auch die Erwachsenen an der Nase nehmen, denn Lesen sei der Schlüssel zu Bildung und Persönlichkeitsentwicklung.

Ein Problem, das die Ergebnisse der Pisa-Studie zeigen, sei: «Der Teil, der Mühe mit dem Lesen hat, nimmt zu. Wie erreichen wir dieses ein Viertel von Jugendlichen, die grundlegende Texte nicht mehr verstehen?» Als Kantonsbibliothekar beobachtet er im Thurgau allerdings keine Lesemüdigkeit: «Wir haben noch nie so viel ausgeliehen wie jetzt. Allen voran Kinder- und Jugendbücher.»

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