Thurgauer Grossratswahlen: Von der grünen Welle zum Tsunami

Die Thurgauer Grünen erobern sechs zusätzliche Parlamentssitze und sind jetzt stärker als die kleinste Regierungspartei SP. Die Mitte verliert.

Christian Kamm
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Vor den Thurgauer Grossratswahlen stand vor allem eine Frage in Zentrum des Interesses: Hält die grüne Welle an? Das Stimmvolk hat am Wochenende eine klare Antwort gegeben. Nämlich: Die Welle geht weiter. Und wie. Sie ist für Thurgauer Verhältnisse sogar zu einem kleinen Tsunami angewachsen. Mit dem Gewinn von sechs Mandaten (von 9 auf 15) haben sich die Grünen zu viertstärksten Fraktion im Grossen Rat aufgeschwungen. Sie sind jetzt sogar grösser als die kleinste Regierungsfraktion SP, die mit dem Verlust von drei Mandaten einen herben Rückschlag einstecken musste und noch auf 14 Sitze kommt. Damit sind die Sozialdemokraten im Zuge des grünen Vormarsches am meisten unter die Räder gekommen. Sie haben in den letzten acht Jahren bereits fünf ihrer ursprünglich einmal 19 Mandate eingebüsst.

Zusammen die zweitstärkste Fraktion

Den grünen Tsunami vervollständigen die Grünliberalen. Sie sind künftig mit acht Vertretern im Kantonsparlament präsent, einem mehr als bisher. Zusammen besetzt das grüne Lager im neuen Grossen Rat also 23 der 130 Sitze. Sollten Grüne und Grünliberale parlamentarisch künftig gemeinsame Wege gehen (was allerdings wenig wahrscheinlich ist), könnten sie hinter dem Platzhirsch SVP die mit Abstand zweitstärkste Fraktion bilden.

Die SVP kann wieder zulegen

Doch es gibt bei diesen kantonalen Wahlen auch Unterschiede zum eidgenössischen Urnengang vom Herbst, bei dem die grüne Welle ihren Anfang nahm. So hat die SVP im Thurgau diesmal keine Verluste hinnehmen müssen, sondern hat sogar um zwei Sitze auf neu 46 zugelegt. Damit ist sie nicht mehr weit von den 47 Mandaten entfernt, die sie bereits 2004 hatte, aber noch um einiges vom Rekordergebnis von 2008 (51). Die Gewinne realisierte die mit Abstand stärkste Thurgauer Partei in den Bezirken Kreuzlingen und Weinfelden. Im Bezirk Weinfelden holte die SVP mit einem Wähleranteil von 35,6 Prozent auch ihr bestes Bezirksresultat dieser Grossratswahlen. Und selbst ihr «schlechtestes» Ergebnis im Bezirk Arbon liegt noch nahe der 30-Prozent-Marke (29,8 Prozent). Die grünen Sitzgewinne stammen aus sämtlichen fünf Bezirken: Frauenfeld (2), Kreuzlingen (1), Weinfelden (1), Münchwilen (1), Arbon (1).

FDP und CVP im Gleichschritt nach unten

Ausser der SVP mussten bei diesen Wahlen alle Regierungsparteien zurückbuchstabieren. Neben der SP auch die CVP und die FDP. Die beiden bürgerlichen Mitteparteien entwickeln sich im Thurgau in einem auffälligen Gleichschritt. Vor vier Jahren landeten beide bei 20 Mandaten. Dieses Mal mussten beide zwei Verluste hinnehmen und ziehen mit je 18 Kantonsrätinnen und Kantonsräten wiederum in gleicher Stärke in den Grossen Rat ein. Politisches Prunkstück der CVP ist weiterhin der Hinterthurgau, wo die Partei immer noch einen Wähleranteil von 24 Prozent erzielt. Allerdings hat die SVP auch in den katholischen Stammlanden des Kantons schon länger die politische Vorherrschaft übernommen. Die CVP-Diaspora befindet sich im Bezirk Frauenfeld. Hier schnitt die Partei nur noch einstellig ab (9,7 Prozent). Die FDP hat ihre Hochburg im Bezirk Arbon (16,4 Prozent). Nicht auf Touren kommt sie weiterhin im Bezirk Münchwilen (10,3 Prozent).

Die BDP verliert ihre letzten Sitze

Unterschiedlich verläuft hingegen das Schicksal der Kleinparteien. Die BDP hat ihre letzten Sitze verloren, womit die Tage dieser Partei im Kanton gezählt sein dürften. 2012 hatte die BDP zum ersten Mal an kantonalen Wahlen teilgenommen und auf Anhieb fünf Sitze gewonnen. Vier Jahre später waren es noch drei. Die EDU konnte ihre fünf Mandate und damit die Fraktionsstärke halten. Ein Phänomen der besonderen Art stellt die Thurgauer EVP dar. Im Wahlkampf kaum präsent, ist der Partei trotzdem ein überraschendes Lebenszeichen an der Urne gelungen. Zu den bisherigen fünf Sitzen gab es jetzt sogar noch einen sechsten dazu.