Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Thurgauer entwickelt einen
kleinen digitalen Freund fürs Grosi

Thomas Helbling aus Frauenfeld hat mit einer Kollegin ein Gerät entwickelt, dass es Betagten ermöglichen soll, länger selbständig daheim zu wohnen. Der elektronische Helfer versteht sogar Worte wie «Hilfe».
Ida Sandl
Der Frauenfelder Thomas Helbling hat in Zürich ein erfolgreiches Start-up-Unternehmen gegründet. Seine Firma Caru stellt Sensoren her, die Senioren dabei helfen, möglichst lange selbständig zu bleiben. (Bild: Reto Martin)

Der Frauenfelder Thomas Helbling hat in Zürich ein erfolgreiches Start-up-Unternehmen gegründet. Seine Firma Caru stellt Sensoren her, die Senioren dabei helfen, möglichst lange selbständig zu bleiben. (Bild: Reto Martin)


Das Tal des Todes hat Thomas Helbling mehrmals durchschritten. Die Idee ist Schrott, denkt er dann. Das wird nie funktionieren. Es sind schlimme Momente, aber enorm wichtig. «Wenn man ganz unten ist, kommen die kreativsten Ideen», sagt Helbling. Die halblangen Haare hat er auf dem Hinterkopf zusammengebunden, trägt T-Shirt und Pulli. Eher der Typ Student. Dabei ist er gerade 40 geworden und Unternehmer. Vor zwei Jahren hat Helbling mit seiner Kollegin Susanne Dröscher die Firma Caru gegründet. Und wurde 2018 bereits unter den Top 100 Startups der Schweiz gelistet.

Caru, so heisst auch die Entwicklung von Helbling und Dröscher. Ein kleines weisses Gerät, das aussieht wie eine Dose für Hautcreme. Caru mag unscheinbar wirken, ist aber ein intelligentes Ding. Der Apparat misst die Temperatur im Raum, die Luftfeuchtigkeit, registriert Bewegung und wie viel CO2 im Zimmer ist. Caru ist eine Art digitaler Mitbewohner. Das Gerät soll betagten Menschen helfen, möglichst lange selbstständig in den eigenen vier Wänden zu leben. Nach und nach lernt Caru nämlich, wie der Alltag des menschlichen Bewohners verläuft. Bewegt er sich längere Zeit nicht, steht zum Beispiel morgens nicht auf, schlägt Caru Alarm.

Alle wollen die Jungen –
sie die Alten

Dass sie ein «Super-Team» sind, haben der Elektrotechniker Thomas Helbling und die Materialwissenschaftlerin Susanne Dröscher schon an der ETH gemerkt. Irgendwann haben sie dann beschlossen, zusammen etwas zu entwickeln. Während sich die Superhirne in Silicon Valley vor allem auf die Jungen konzentrieren, nahmen sich Helbling und Dröscher der wachsenden Gruppe der Älteren an. «Wir wollten ein Produkt, dass das Leben besser macht», sagt Thomas Helbling. Seitdem sind vier Jahre vergangen. Sie haben nichts dem Zufall überlassen, führten Interviews mit Betroffenen, mit Pflegern und Ärzten, hielten Workshops ab. Thomas Helbling sagt:

«Wir haben haarsträubende
Geschichten gehört»

Dann ist auch noch der Unfall passiert: Die betagte Grosstante von Susanne Dröscher stürzte so unglücklich, dass sie nicht mehr alleine aufstehen konnte. Einen halben Tag lag sie hilflos in ihrer Wohnung, bis jemand kam. Dabei besass sie eine Notruf-Uhr. Die trage sie aber nur, wenn Besuch da sei, gestand sie später.

Spätestens da war für Helbling und Dröscher klar: Ihr Produkt muss funktionieren, «ohne dass die Menschen ihr Leben ändern müssen». Also kein Aufladen, kein Programmieren, keine Wartung, kein Knopf, der gedrückt werden müsste. Caru muss man nicht einmal in die Hand nehmen, geschweige denn um den Arm binden oder umhängen. Alles, was es braucht, ist eine Steckdose. Gesteuert wird Caru über einige wenige Sprachbefehle.

Caru versteht Wörter wie «Hilfe»

So kann man telefonieren, ohne einen Hörer in die Hand zu nehmen. Die Enkel können Sprachnachrichten aus den Ferien schicken, die Tochter dem Mami guten Morgen wünschen oder sie an ihre Medikamente erinnern. Caru ist das digitale Bindeglied zwischen dem alten Menschen und der Familie oder den Pflegenden, die mehr oder weniger weit weg sind. Caru erkennt Schlüsselwörter wie «Hilfe» und alarmiert dann zum Beispiel einen Arzt. Das Gerät kennt mit der Zeit den Alltag des menschlichen Bewohners. Ist etwas nicht wie sonst, informiert es die Angehörigen: «Seht mal nach, ob alles in Ordnung ist.»

Bewusst hat Caru keine Kamera. «Menschen möchten in ihrem privaten Bereich keine Überwachungskamera», sagt Helbling. Die Wissenschaftler mussten viel über Marktwirtschaft lernen Im Februar 2017 wagten Helbling und Dröscher den Schritt in die Wirtschaftswelt: Sie gründeten ein Startup und knüpften Kontakte zu Investoren. Sie hätten ihr ganzen Geld in das junge Unternehmen gesteckt, sagt Thomas Helbling. «Es hat wehgetan.»

«Das ist ein Marathon, kein Sprint»,
warnen die Investoren

Ende 2017 – seine letzte gute Jeans zeigte schon Risse – war die erste Finanzierungsrunde unter Dach und Fach. Caru hatte jetzt zehn Angestellte und zwei hübsche kleine Räume im Zürcher Seefeld. «Wir hatten extrem Glück mit unseren Investoren. Das sind weit mehr als reine Geldgeber», sagt Helbling. Sie würden ihn und seine Kollegin sogar manchmal bremsen: «Passt auf, das ist ein Marathon und kein Sprint.» Seit Ende November ist das Gerät auf dem Markt. Kaufen können es vorerst aber nur Firmen.

Mit zwei Schweizer Grosskunden laufen gerade Verhandlungen. Auch deutsche Unternehmen haben Interesse und testen Caru derzeit. Es läuft gut. Thomas Helbling bleibt trotzdem bescheiden: «Caru ist erst ein zartes Pflänzchen.»

Der Werdegang von Thomas Helbling

Der Elektrotechniker Thomas Helbling ist in Frauenfeld aufgewachsen und lebt auch jetzt mit seiner Familie hier. Er hat an der ETH Zürich studiert und sechs Jahre lang in einem ETH Spin-off die Technologie-Entwicklung geleitet. An der ETH lernte Helbling die Materialwissenschaftlerin Susanne Dröscher kennen. Sie gründeten das Start-up «Caru», das den gleichen Namen trägt wie ihr Produkt. Ein Start-up ist die Gründung eines Unternehmens mit einer innovativen Idee und hohem Wachstumspotenzial.

Thomas Helbling ist 40 Jahre alt und mit der Frauenfelderin Nadia Küng verheiratet. Seine Frau habe die ganze Entwicklungs- und Gründungsphase mitgetragen: «Sonst hätte ich das nie geschafft.» Er hätte gerne im Thurgau eine Firma gegründet. Doch für das Know-how brauche es Zürich. Die beiden Töchter sind sieben und fünf Jahre alt. Als Iva-Lou und Feya im Kindergarten gefragt wurden, was ihr Papi mache, antworteten sie: «Er ist Grätli-Doktor.» (san)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.