Thurgauer Campingplätze werden mit Anfragen überhäuft, im Alpstein wird französisch gesprochen – die Ostschweiz ist Gewinnerin im Corona-Ferienjahr

Schweizer machen diesen Sommer Ferien im eigenen Land. Die Ostschweiz ist dabei ein beliebtes Ziel. Und besonders gefragt sind Campingplätze. Der Thurgauer Tourismusdirektor ist deshalb vom Zeitplan des Bundes enttäuscht. Dass Campingplätze frühestens am 8. Juni öffnen sollen, sei «viel zu spät».

Katharina Brenner
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Ferien 2020: Sonne und Aussicht am Bodenseeufer geniessen und dabei Abstand halten.

Ferien 2020: Sonne und Aussicht am Bodenseeufer geniessen und dabei Abstand halten.

Donato Caspari (Arbon, 21. Mai 2020)

«In den Thurgau kommt man sonst gerne mal für eine Nacht, jetzt wollen die Leute fünf, sechs oder sieben Tage lang bleiben», sagt Rolf Müller, Geschäftsführer der Tourismusregion Thurgau Bodensee. Seit der zweiten Lockerung der Coronamassnahmen sei die Nachfrage sprunghaft gestiegen. Müller beobachtet diesen Sommer sehr viele Anfragen aus dem Mittelland, auch aus dem Welschland habe es mehr als sonst.

Auch St.Gallen-Bodensee Tourismus vermeldet «erfreulicherweise eine verhältnismässig grosse Anzahl Gäste aus der Romandie» und in den Flumserbergen und am Pizol wird diesen Sommer ebenfalls vermehrt französisch gesprochen. Der Innerrhoder Tourismusdirektor wird in der «Sonntags-Zeitung» mit der Aussage zitiert, er beobachte einen Anstieg der Gäste aus der Romandie von über zehn Prozent.

Weil Fernreisen diesen Sommer kaum in Frage kommen werden, machen viele Schweizerinnen und Schweizer Ferien im eigenen Land. Ländliche Regionen sind dabei besonders gefragt. Die Gäste schätzen Abstand und ihren eigenen Raum. Das schlägt sich in der Form der Unterkünfte nieder.

Campingplätze erhalten bis zu 100 E-Mails pro Tag

Rolf Müller, Geschäftsführer der Tourismusregion Thurgau Bodensee

Rolf Müller, Geschäftsführer der Tourismusregion Thurgau Bodensee

Donato Caspari

Im Thurgau machen Campingplätze über 20 Prozent der Logiernächte aus. Sie würden aktuell 50 bis 100 E-Mails pro Tag erhalten mit Anfragen für Übernachtungen über Pfingsten, sagt Rolf Müller. «Wir sind sehr enttäuscht, dass der Bund Campingplätze erst frühestens am 8. Juni wieder öffnet. Das ist viel zu spät.» SAC-Hütten, Jugendherbergen, Hotels und Gastrobetriebe dürfen seit dem 11. Mai wieder offen haben, Campingplätze jedoch nicht. Wie es mit weiteren Lockerungen weitergeht, diskutiert und entscheidet der Bundesrat am kommenden Mittwoch. Nach dem zweiten Tourismusgipfel vom Sonntag zeichnen sich für den 8. Juni substanzielle Lockerungen für die Branche ab.

Auch in den anderen Tourismusregionen der Ostschweiz sind Campingplätze sehr beliebt derzeit. Die Tourismusregion Heidiland gibt an, der Anteil an Buchungen für Campingplätze habe sich mehr als verdoppelt. Aktuell machen sie 42 Prozent der Logiernächte aus, 32 Prozent sind Ferienwohnungen, 26 Prozent Hotels. Die Region spürt, dass derzeit internationale Gäste ausbleiben. Orlando Bergamin, Geschäftsführer Heidiland Tourismus AG, sagt, die geschlossenen Grenzen hätten insbesondere für international aufgestellte Hotels wie das Grand Resort Bad Ragaz grössere Auswirkungen.

Tourismusdirektoren sind zurückhaltend optimistisch

Christian Gressbach, Geschäftsleiter Toggenburg Tourismus

Christian Gressbach, Geschäftsleiter Toggenburg Tourismus

Yvonne Bollhalder

Das Toggenburg hatte schon vor der Coronakrise 85 Prozent Schweizer Gäste. Dort liegen die gebuchten Ferienwohnungen im Moment gemäss Tourismusdirektor Christian Gressbach auf dem Vorjahresniveau. Die Buchungen für den Sommer nennt er «vielversprechend», sagt aber auch, er sei zurückhaltend optimistisch.

«Ich weiss, dass Buchungen auch schnell wieder storniert werden könnten.»

Zurückhaltend optimistisch trifft auch auf die Stimmung der meisten anderen Ostschweizer Tourismusregionen zu. Sie betonen die Einbussen durch den Lockdown und sagen, die Branche sei stark gefordert. «Uns wird diese Coronazeit noch lange beschäftigen», sagt Tobias Treichler, Vizedirektor St.Gallen-Bodensee Tourismus. Der kommende Sommer könne die letzten fehlenden Monate nicht wettmachen.

Tobias Treichler, Vizedirektor St.Gallen-Bodensee Tourismus

Tobias Treichler, Vizedirektor St.Gallen-Bodensee Tourismus

Gleichzeitig freuen sich die Regionen über die zunehmenden Buchungen für den Sommer, auch wenn sie «auf bescheidenem Niveau im Vergleich zum Rekordjahr 2019» liegen, so Treichler. Und sie sehen eine Chance in diesem Sommer, Christian Gressbach gar «eine grosse», um aus den «neuen Gästen loyale zu machen». Viele Schweizer könnten die Schweiz als Reiseland neu entdecken, sagt der Thurgauer Tourismusdirektor Müller. Damit das gelinge, sollten Hoteliers und Gastgeber besonders freundlich sein. «Wir müssen mit dem Vorurteil, die Schweiz sei teuer und biete einen überschaubaren Service, aufräumen.»

Müllers Pendant in Ausserrhoden, Andreas Frey, blickt bereits gespannt aufs kommende Jahr. «Wenn dieses Jahr alle Ferien in der Schweiz machen, packt sie nächstes Jahr wohl das Fernweh.»

Einbruch in der Ostschweiz am geringsten

Schweizer Hotels im Sommer 2020: Welche Hotels haben die besten Chancen? Diese Frage stellt die Credit Suisse in einer Studie. Eine der Antworten: Die Ostschweiz ist diejenige Region der Schweiz, die am wenigsten von ausländischen Gästen abhängt. Während städtische Regionen in den Sommermonaten einen hohen Anteil an ausländischen Gästen aufweisen – Zürich 70 Prozent, Genf 82 Prozent – liegt dieser Anteil in der Ostschweiz bei maximal 40 Prozent. Damit ist sie weniger betroffen vom Einbruch bei den Logiernächten. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl der Logiernächte in der Schweiz im März um 62 Prozent eingebrochen. Am stärksten ist der Rückgang mit 69 Prozent in der Region Genf und am geringsten mit 54 Prozent in der Ostschweiz ausgefallen. Da im März nur die zweite Monatshälfte vom Lockdown betroffen war, zeichnet sich im April und Mai ein noch düsteres Bild in allen Schweizer Regionen ab, heisst es in der Studie.