In Weinfelden ist alles echt

Herzhaftes Lachen. Hell und unbeschwert tönt es aus allen Ecken der Paul-Rheinhart-Halle in Weinfelden. Eine Gruppe in roten T-Shirts sitzt im Kreis auf dem Boden und hantiert mit Modelschienen. «Thurbo-Gleise-Bauen» heisst die Diszplin.

Hana Mauder
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Herzhaftes Lachen. Hell und unbeschwert tönt es aus allen Ecken der Paul-Rheinhart-Halle in Weinfelden. Eine Gruppe in roten T-Shirts sitzt im Kreis auf dem Boden und hantiert mit Modelschienen. «Thurbo-Gleise-Bauen» heisst die Diszplin. Wenige Schritte weiter feuern sich Mannschaftskameraden im weissen Tenue an: «Schneller, schneller!» rufen sie; und Stück um Stück stapeln sich «Ziegelsteine» auf dem Bänkli.

Ein stolzer Geburtstag: In Weinfelden feiern Gruppen aus dem ganzen Kanton das Jubiläum «50 Jahre PluSport Thurgau» mit einem spielerischen Kräftemessen.

Vettel mit Mattenwagen

Wer sich an den Posten «Rennfahrer Vettel» wagt, saust mit Passagier und Mattenwagen um Slalomstangen, bis die Puste ausgeht. Auf dem Freigelände fliegen derweil grüne Gummistiefel durch die Luft. «Der Rekord liegt aktuell bei über 18 Metern», erklärt Helferin Trudi Hinnen. Flossrennen, Fische- und Muschelsammeln, Brücken bauen, Äpfel pflücken, Torwandschiessen, mit der Armbrust ins Ziel treffen… «13 Posten bieten einen bunten Mix», sagt Daniel Mörgeli, Präsident von PluSport Weinfelden. Als Gastgeber für Gruppen aus dem Thurgau und den angrenzenden Kantonen hat man sich für diesen Tag einiges einfallen lassen.

50 Jahre ehrenamtliche Arbeit

«Ein halbes Jahrhundert. Klar hat sich da viel verändert», sagt PluSport-Thurgau-Präsidentin Franziska Schneider. Sie nutzt eine Pause, um die letzten Jahre Revue passieren zu lassen. «Wir haben uns dem Breiten- und dem Spitzensport geöffnet. Sportlicher Ehrgeiz. Vergnügen. Ein Plus an Lebensqualität, verpackt in 50 Jahre – dafür haben sich viele Menschen ehrenamtlich eingesetzt. Es ist ein guter Zeitpunkt, um Danke zu sagen.»

Anfang wirkte der Behindertensport fast als Randerscheinung. Über die Jahre gewachsen präsentiert er sich heute als stolze Grösse. 380 «Athleten mit Beeinträchtigung» sind im Thurgau aktiv. Sie alle verbindet die Freude an einem Kräftemessen, das sich nicht an Unterschieden misst, sondern an Gemeinsamkeiten.

Nun steht Differenz-Schwimmen im Einzel- und Staffetenwettkampf auf dem Programm. «Ich schwimme ja so gern», schwärmt Mirjam Schädler aus Gossau. «Mit 21 habe ich angefangen. Seit damals bin ich 2709 Kilometer geschwommen. Mein Ziel sind 3000 Kilometer.»

Ob 25, 50 oder 100 Meter: Im Wasser sind die Wettkämpfer in ihrem Element. Ein wachsames Auge und helfende Hände sind dennoch sehr willkommen. Rund 45 Freiwillige sind im Hallenbad und in der Sporthalle im Einsatz. Ihr Lohn: Die Begeisterung und das Lachen der 145 Sportlerinnen und Sportler.

Bon und Lohr auf Besuch

Nun bekommen die Sportler in der Turnhalle offiziellen Besuch. «Mich beeindruckt die Originalität der Wettkämpfe», lobt Max Vögeli und beobachtet, wie eine Sportlerin beim Armbrustschiessen ein Ziel aufs Korn nimmt. Der Gemeindeammann von Weinfelden nickt anerkennend: «Hier kommt so viel Phantasie und Sportgeist zum Ausdruck!» Sport als Integration. Sport als Trittbrett für Begegnungen. Als Triebfeder des Selbstwertgefühls. Emotion durch Bewegung. Begriffe, die hier an Kontur gewinnen.

«Was als erstes auffällt, ist die Freude in den Augen der Menschen», sagt Nationalrat Christian Lohr. «Es geht nicht darum, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung auch Sport machen. Es ist kein auch. Sie machen Sport», sagt er.

Blicke. Tuscheln. Ist er es? Ja, er ist es. Moderator Reto Scherrer begleitet als Gast in der Sporthalle einen Posten «Es gibt nicht oft eine Arbeit, bei der ich mich so entspannt fühle», schwärmt Scherrer. Und für einen Moment wird er ernst: «Hier, in dieser Halle; da ist alles was echt ist und wirklich zählt.»

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