Die schnellste Frau der Welt

Sie lebt in Ermatingen und ist Testfahrerin im Team von Williams: Susie Wolff hat gute Chancen, bald bei einem Formel-1-Rennen mitzufahren. Im Interview erzählt sie, warum es so wenig Frauen im Rennsport gibt und wieso sie ein rosa Auto fahren musste.

Ida Sandl
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Rennfahrerin Susie Wolff an der Uferpromenade von Gottlieben. «Wasser gibt mir Kraft», sagt die gebürtige Schottin. (Bild: Donato Caspari)

Rennfahrerin Susie Wolff an der Uferpromenade von Gottlieben. «Wasser gibt mir Kraft», sagt die gebürtige Schottin. (Bild: Donato Caspari)

Frau Wolff, Mitte Mai waren Sie bei einer Testfahrt schneller als Weltmeister Sebastian Vettel. Das muss ein super Gefühl sein.

Susie Wolff: Mein Ziel war nicht, schneller als Vettel zu sein. Ich wollte einen guten Job machen. Es ist etwas schade, dass vor allem über «schneller als Vettel» geschrieben wurde. Aber ich war natürlich sehr glücklich mit dem Ergebnis des Tests.

Hat Vettel Ihnen gratuliert?

Wolff: Nein, gar nicht. Ich habe zu den Williams-Fahrern Felipe Massa und Valterri Bottas ein gutes Verhältnis. Mit anderen Teams hat man nicht viel zu tun. Das Umfeld in der Formel 1 ist sehr auf Konkurrenz ausgerichtet. Ich würde nie erwarten, dass ein Fahrer aus einem anderen Team mir gratuliert.

Der nächste Schritt ist die Qualifikation für ein Formel-1-Rennen.

Wolff: Ich habe immer gesagt, ich werde nicht laufen, bevor ich gehen kann. Jetzt habe ich eine gute Testzeit erreicht. Das ist eine Riesenchance, in den Training-Sessions zu zeigen, was ich kann. Mein Ziel ist, in der Formel 1 zu starten. Aber es ist ein riesiger Kampf. Jeder gute Fahrer will dorthin.

Trauen Sie es sich zu?

Wolff: Ich würde es nicht wollen, wenn ich nicht wüsste, dass es realistisch ist.

Haben Sie nie Angst?

Wolff: Nein, nie. Aber ich habe Respekt und ich versuche, das Risiko einzuschätzen.

Sie sagen über sich selbst, dass Sie ein Adrenalin-Junkie sind.

Wolff: Das stimmt und das Adrenalin kommt einfach mit dem Tempo. Auch Skifahren oder Wasserski machen mir am meisten Spass, wenn es richtig schnell wird.

Es heisst, wer in der Formel 1 mitfahren will, braucht Millionen. Haben Sie so einen guten Sponsor?

Wolff: Noch nicht. Wissen Sie einen?

Leider nicht.

Wolff: Es hilft sicher, wenn man einen finanzkräftigen Sponsor mitbringt. Aber es geht auch um das Gesamtpaket, das man anbieten kann. Man muss schnell und interessant sein für die Sponsoren und Leistung zeigen. Ich denke, dass ich diese Voraussetzungen mitbringe. Derzeit führe ich einige Gespräche.

Wenn Sie ein Mann wären, wo stünden Sie heute im Rennzirkus?

Wolff: Das überlege ich mir nie. Ich bin glücklich als Frau. Es geht mir nicht darum, als Frau die Männer zu schlagen. Ich will einfach die beste Rennfahrerin sein, die ich sein kann.

Wollten Sie schon als Kind Rennfahrerin werden?

Wolff: Ja. Mit acht Jahren habe ich angefangen mit Kartfahren, ab 14 wollte ich in die Formel 1. Ich habe einen älteren Bruder und wollte auch können, was er macht. Meine Eltern haben mir nie das Gefühl gegeben, dass ich besser mit Barbies spielen sollte.

Das klingt sehr zielgerichtet.

Wolff: Das ist mein Charakter. Wenn ich ein Ziel habe, dann gebe ich Vollgas.

So sind Sie die schnellste Frau der Welt geworden.

Wolff: Ich weiss nicht, wer das jemals nachgemessen hat.

Warum gibt es so wenig Frauen in der Formel 1?

Wolff: Die Frauen kommen langsam, mein Chef ist eine Frau, Claire Williams. Wenn ich im Simulator sitze, dann arbeite ich mit sechs Ingenieuren zusammen, davon sind zwei Frauen. Auf der Rennstrecke fehlen die Frauen, das ist richtig. Meine Theorie ist, dass es den Mädchen an Vorbildern fehlt, an Rennfahrerinnen, denen sie nacheifern können. Es fangen zu wenig Mädchen mit Kartfahren an.

Man hat Ihnen als Frau einiges zugemutet. Bei den DTM-Meisterschaften mussten Sie ein rosa Auto fahren.

Wolff: Ich habe mich dagegen gewehrt. Mein damaliger Sponsor war TV-Spielfilm und die haben Rosa im Schriftzug.

Haben Sie sich gefühlt wie Barbie?

Wolff: Hello Kitty, habe ich dazu gesagt. Nach den Rennen kamen oft Mädchen in Rosa mit ihren Vätern auf mich zu. Die Väter erzählten, dass sich die Tochter plötzlich für Rennen interessiere, weil ich ein rosa Auto fahre. Das war natürlich toll.

Sie sind nicht nur sehr schnell, sondern auch sehr hübsch. Hören Sie viele Kommentare zu Ihrem Aussehen?

Wolff: Ja, und es ist manchmal schwierig, die Grenze zu ziehen. Ich bin feminin und ich liebe Mode. Das passt für viele nicht zum Bild einer Rennfahrerin. Aber ich bin so, wie ich bin. Ich arbeite sehr hart, sonst wäre ich heute nicht in der Formel 1.

Für das Modemagazin «Vogue» haben Sie in Designerkleidern posiert. Würden Sie es wieder tun?

Wolff: Sofort. Es hat mir sehr viel Spass gemacht. Mein Mann hat mich darin bestärkt. Wie übrigens auch die ehemalige Rallyefahrerin Michèle Mouton, die für mich ein Vorbild ist. Es ist egal, was man tut, man kann nicht alle Menschen glücklich machen.

Ihr Mann Toto Wolff ist Sportchef von Mercedes. Sie sind Testfahrerin bei Williams. Schwierig?

Wolff: Nein, gar nicht. Wir reden zwar viel über den Rennsport. Aber wir sind in ganz verschiedenen Bereichen tätig. Unsere Gespräche gehen nicht so ins Detail.

Warum wohnen Sie ausgerechnet in Ermatingen, wo es dort doch so langweilig ist?

Wolff: Ich habe zuerst in Steckborn gewohnt, Toto in Bottighofen. Wir haben dann in Ermatingen ein schönes Loft gefunden. Uns gefällt der Ort. Wir sind aber auf der Suche nach etwas Grösserem, vielleicht ein Haus nahe am See.

Werden Sie im Thurgau bleiben?

Wolff: Ich denke schon. Wir sind viel unterwegs und geniessen die Ruhe hier. Der Thurgau ist nahe beim Flughafen Zürich und nicht weit von Stuttgart entfernt, dem Mercedes-Hauptsitz. Aber etwas Schönes zu finden, ist nicht einfach.

Treffen Sie sich mit den anderen Rennfahrern, die hier leben?

Wolff: Mit einigen haben wir guten Kontakt. Lukas Luhr ist unser Nachbar. Früher hat man mehr miteinander unternommen. Inzwischen fehlt einfach die Zeit.

Sie sind in Schottland aufgewachsen. Was ist der Unterschied zur Schweiz?

Wolff: Die Lebensqualität in der Schweiz ist sehr hoch. Es funktioniert alles. Die Schweizer sind sehr freundlich, aber es dauert länger, bis sie sich öffnen.

Ihr Mann war auch Rennfahrer. Wer sitzt privat hinterm Steuer?

Wolff: Immer mein Mann, weil er ein so nervöser Beifahrer ist.