Der rote Teppich wird aufgerollt

ZÜRICH/STECKBORN. Urs Widmer hat sich nach «Top Dogs» wieder der Teppichetage und ihren Machenschaffern zugewandt und zeigt einen Finanzjongleur am Ende. Die Komödie «Münchhausens Enkel» kommt vom Zürichberg ins Phönix-Theater Steckborn.

Dieter Langhart
Drucken
Wie eine Halfpipe hängt der Teppich über Banker Daniel Rohr, mit dem es abwärts geht, und Pianist Daniel Fueter, der kein Wort sagt ausser Glenfiddich. (Bild: Toni Suter)

Wie eine Halfpipe hängt der Teppich über Banker Daniel Rohr, mit dem es abwärts geht, und Pianist Daniel Fueter, der kein Wort sagt ausser Glenfiddich. (Bild: Toni Suter)

Eigentlich ist er nicht Münchhausens Enkel, er ist sein Ururururururururururenkel – «zehn Ur», sagt der Banker und Finanzjongleur. Das Wasser steht ihm bis zum Hals wie damals Münchhausen. Sein Urahn konnte sich am Haarschopf aus dem Sumpf ziehen; das wird dem Banker nicht gelingen. Er steht kurz davor aufzufliegen, und einen Abend lang redet er sich um Kopf und Kragen und schwadroniert über seinen berühmten Vorfahr.

Co-Produktion mit Steckborn

Urs Widmer hat dem Banker keinen Namen gegeben, dafür nennt der Banker seinen Pianisten Rubinstein oder Gulda, Clayderman oder Horowitz, Gershwin oder Beethoven. Denn für ihn zählen Zahlen, nicht Namen, und Menschen sind austauschbar, solange er ihnen seine Schrottpapiere andrehen kann. Aber jetzt ist fertig lustig, jetzt klingelt es. «Das ist das Recht», flüstert der Banker. Starken, aber gesitteten Applaus gab's für «Münchhausens Enkel» im Theater Rigiblick (trefflich gelegen hoch über dem Zürichberg), und weil das Phönix-Theater mitproduziert hat, wird das Stück auch in Steckborn gezeigt.

Jour fixe, wie jeden ersten Donnerstag im Monat. Der Butler taucht nicht auf, die Freunde, die sogenannten, tauchen nicht auf. Nur sein Rechtsanwalt ruft an und legt sein Mandat nieder. Droht ein Ermittlungsverfahren? Jetzt cool bleiben, jetzt erst einen Blue Lagoon mixen, und der Pianist soll «Sweet Georgia Brown» spielen.

«Lachen Sie eigentlich nie?», wird er gefragt, später «Sagen Sie eigentlich nie ein Wort?». Aber das klingt herrisch, wie eine Feststellung. Erst als ihm der Banker einen «Glanfiddich» einschenkt, macht er den Mund auf: «Glenfiddich.» Und später daraus ein kleines Lied.

Aus dem Single Malt hat Autor Urs Widmer (oder Pianist Daniel Fueter, der die Idee zum Stück hatte) einen Gag gemacht, der sich durch das Stück zieht, bis die zwei Akteure betrunken neben dem Steinway niedersinken und die Segel streichen. Das Stück gibt sich trotz des happigen Themas heiter-flockig. Eine Farce ist das nicht, keine Gesellschaftskritik, eher eine szenische Fabuliererei.

Starkes Spiel, starke Bühne

Peter Schweiger hat Regie geführt. Er lässt Daniel Rohr als Zürcher Madoff in Smoking und Kummerbund wimmern und herumschreien, gestikulieren und stocken, verzweifeln und hysterisch lachen. Der Rigiblick-Theaterleiter nutzt den engen Raum klug zwischen Hausbar, Flügel, Sessel und dem Teppich – ein herrlicher Einfall von Tina Carstens –, der ihm bald unter den Füssen weggezogen wird.

«Angedreckte Unterhosen»

Feine, aber auch banale Witzeleien hat Widmer in den Monolog gepackt: Seitenhiebe auf Ackermann, Widmer-Schlumpf, Hildebrand; die «angedreckten Unterhosen» in der Zweitwohnung in Schlieren, in der sich der Banker abseilen kann, wenn die Revolution gegen die Finanzwelt los geht; Bezüge zwischen den Erlebnissen des Lügenbarons und dem Finanzjongleur, der die reichen Senioren wie Münchhausen die Enten mit Speck und Leine einfängt.

Doch so abgründig ist Widmers Witz nicht, die Parallelität zwischen Urahn und Nachfahr nutzt sich ab, und Rohr muss durch Münchhausens Episoden hetzen, damit das Stück nicht an Tempo verliert. Spürbar ist aber, wie viel Teamarbeit im Stück steckt, das nahtlos daherkommt.

Ein wunderbarer Daniel Fueter! Brummlig und abgekämpft, leichtfingrig sein Spiel, stumm seine Ironie, trocken sein Abgang: «Mein Name ist Fueter. Glenfiddich Fueter.» Bleibt der Banker. Er hat zu den draussen wartenden Richtern geredet, hat Erklärungen phantasiert und Ansätze von Einsicht in seine Motive erkennen lassen: «Gier, Grössenwahn und Dummheit». Da war er menschlicher geworden. Und die Komödie ernst, zeitkritisch gar.

Do/Sa, 15./17.3., 20.15, Phönix-Theater Steckborn. www.phoenix-theater.ch

Aktuelle Nachrichten