«Singen ist Leistungssport»

UTTWIL. Erstmals kann man sich an den Uttwiler Meisterkursen auch in Gesang weiterbilden. Mit Juliane Banse ist eine renommierte Sopranistin als Dozentin verpflichtet worden. Faszinierend, wie sie jungen Sängerinnen hilft, mit der Stimme weiterzukommen; spannend, was sie übers Singen sagt.

Martin Preisser
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Sopran mit Pragmatismus: Juliane Banse und Töchterchen Nuria im Garten der Uttwiler Seeburg. (Bild: Martin Preisser)

Sopran mit Pragmatismus: Juliane Banse und Töchterchen Nuria im Garten der Uttwiler Seeburg. (Bild: Martin Preisser)

Die Studentin in der Kirche Uttwil arbeitet an Schuberts «Erlkönig», sichtlich bemüht um eine stimmige Interpretation. Und doch sagt Juliane Banse an einer Stelle etwas, das man nicht bei einem Schubert-Lied erwarten würde: «Es muss hier kein schöner Ton sein.» Manchmal ist weniger mehr – das wird diese Studentin mit nach Hause nehmen.

Was bringt man Nachwuchssängerinnen in einer Woche Meisterkurs bei? Juliane Banse ist realistisch, sie will nicht in einer Art Schnellbleiche etwas heranzüchten. «Mir geht es darum, Grundsätzliches zu vermitteln, das die Studierenden dann wiederverwenden können.»

Der ganzer Körper arbeitet

«Singen hat viel mit Handwerk zu tun. Singen ist Leistungssport. Alles läuft darauf hinaus, dass der Körper die Hauptarbeit tut und dabei die Stimmbänder entlastet», sagt die renommierte Sopranistin. «Singen ist auch eine Mutfrage, weil ich mich ständig völlig veräussern muss.» Bei der Arbeit mit jungen Sängerinnen heisst es klar, direkt und doch behutsam zu unterrichten. «Man trifft da oft auf die empfindlichsten Stellen», weiss Banse, die es für ihre eigene Karriere sehr wichtig fand, Lehrern begegnet zu sein, die selbst auf der Bühne stehen. Eine Finnin ist mit einem Liszt-Lied in Uttwil. Um Liebeslust und Sehnsuchtsqual geht es da, intensiv und faszinierend. Viele Details sind zu verbessern. «Je mehr Konsonanten, desto besser», sagt ihr Juliane Banse. «Den Ton nicht pressen, lassen Sie die Obertöne sich entfalten.» – «Machen Sie kein Mäuschen-i, Kiefermuskeln locker lassen», verbessert sie. Die Atmosphäre ist professionell, aber entspannt. Liedinterpretation gehört zum Schwersten, muss man sich doch in kürzester Zeit in einen kleinen Kosmos hineinfühlen. «Liedinterpretation, das sind hunderttausend Kleinigkeiten», weiss Juliane Banse. Sie hat international Karriere gemacht und zeigt sich in Uttwil als natürliche Frau, ohne Divaallüren, mit sympathischer Bodenständigkeit. Viel zu gut kennt Banse dafür ihr Metier. Das Schwierigste sei es, eine gute Stimme auch auf Dauer zu besitzen, sich nicht in jungen Jahren auszusingen. «Singen ist körperliche Höchstleistung. Der Umgang mit Energie, das Haushalten mit den Kräften ist essenziell für eine erfolgreiche Laufbahn.»

Multitasking ist angesagt. Banse, Mutter von drei Kindern, hat ihre Kleinste, die drei Monate alte Nuria dabei. Zwischen den Kursstunden wird gestillt. Das scheint alles unaufgeregt nebeneinander Platz zu haben. Juliane Banse ist im Februar in Zürich als Eva in den «Meistersingern» zu hören. In Wien wird sie drei Monate später in Mozarts «Titus» mitwirken.

Ein anstrengendes Leben

Die Hälfte des Jahres ist sie als Künstlerin unterwegs, Lied und Oper halten sich in etwa die Waage. «Singen hat sehr viel mit Disziplin zu tun. Eine erfolgreiche Sängerin sein heisst ein anstrengendes Leben. Und die perfekten Tage auf der Bühne sind selten.» Ein wenig von diesem Pragmatismus dürften die Studentinnen in Uttwil auch auf den Weg mitbekommen, und vielleicht auch den Gedanken, dass eine Karriere letztlich nicht planbar ist. «Und schliesslich sollten wir uns nicht so wichtig nehmen», sagt Juliane Banse und schenkt ihrer Kleinsten erneut ein Lächeln.

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