Über sich hinausgewachsen

Im Theaterhaus Thurgau feierte das Stück «Wo ist Klara?» Premiere. Beeindruckt haben dabei die Darstellerinnen und Darsteller. Sie alle sind Menschen mit einer geistigen Behinderung.

Severin Schwendener
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Die Herausforderung angenommen und mit Bravour gemeistert hat das Ensemble, das «Wo ist Klara» auf die Bühne gebracht hat. (Bild: Benjamin Manser)

Die Herausforderung angenommen und mit Bravour gemeistert hat das Ensemble, das «Wo ist Klara» auf die Bühne gebracht hat. (Bild: Benjamin Manser)

WEINFELDEN. An Herausforderungen scheitert oder wächst man. Das ist eine alte Binsenweisheit, an der auch heute kein Weg vorbeiführt. Wichtig ist dabei nicht einmal so sehr, was man erreicht, sondern dass man die Herausforderung annimmt und sie meistert. Acht Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung haben vor über einem Jahr eine sehr grosse Herausforderung angenommen und sich auf eine lange Reise gemacht. Auf die Suche nach Klara, aber auch auf den Weg zu sich selbst. Sie haben im Rahmen eines Theaterkurses des Bildungsklubs Thurgau und unter der künstlerischen Leitung der Müllheimerin Micha Stuhlmann ein choreographisches Stück erarbeitet, das diesen Weg, diese Suche nach Klara in Bewegungen fasst.

Auf Film festgehalten wurde der Prozess vom Filmschaffenden Raphael Zürcher; im nächsten Jahr soll der Dokumentarfilm in den Thurgauer Kinos gezeigt werden. Vorher wird das Stück an mehreren Orten im Thurgau und im Theater Konstanz aufgeführt. Am Samstagabend feierte «Wo ist Klara?» im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden Premiere.

Ausverkaufte Premiere

Die Spannung war kurz vor Beginn der Vorführung fast mit Händen greifbar im ausverkauften Theaterhaus. Würde es klappen? Ein Stück von gut einer Stunde Länge, würde es problemlos und ohne grössere Panne über die Bühne gehen? Elfi Schläpfer Schmücker, Leiterin des Bildungsklubs Thurgau, bat eingangs die Anwesenden, keinen Szenenapplaus zu spenden, um die Darsteller nicht zu stören. Doch die Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Die acht Darstellerinnen und Darsteller des Stücks «Wo ist Klara?» stellten an der Premiere eindrücklich unter Beweis, was man erreichen kann, wenn man sich einer Herausforderung stellt. Sie gaben alles, gaben sich ganz ihren Rollen hin, und vor allem wirkten sie als Ensemble. Keine lose Ansammlung von Einzelkämpfern, sondern ein echtes Team. Eine kleine Unsicherheit hier, eine winzige Panne da: kein Problem, denn mit Sicherheit stand einer der anderen dabei, griff den Faden auf, gab einen kleinen Anstoss. Musikalisch untermalt und verschweisst wurde das Stück von Marc Jenny, der mit seinem Kontrabass immer präsent, aber niemals aufdringlich wirkte. Der immer da war, ohne sich je in den Vordergrund zu drängen.

Im Paradies gefunden

Auch Micha Stuhlmann hielt sich überaus dezent im Hintergrund und überliess die Bühne den drei Frauen und fünf Männern, die eindrücklich bewiesen, dass sie dieser Herausforderung gewachsen waren. Zielstrebig gingen sie ihren Weg auf der Suche nach Klara, um sie schlussendlich mit vereinten Kräften zu finden. Klara, die ist im Paradies. Am Ende ernteten die Darsteller für ihre Leistung nicht enden wollenden, verdienten Applaus. Und Micha Stuhlmann dankte ihnen mit den Worten: «Danke, dass Ihr Euch getraut, so zu sein, wie Ihr seid.»

«Wo ist Klara?» bietet eine eindrückliche Demonstration dessen, was möglich ist, wenn man will und sich wirklich anstrengt. Eine Lektion, die man durchaus bedenken könnte, wenn man glaubt, dieses oder jenes sei jetzt zu anstrengend oder zu unangenehm.

Man ist nicht gross, wenn man gross ist. Man ist gross, wenn man über sich hinauswächst. Und nach dieser Definition sind alle Darstellerinnen und Darsteller von «Wo ist Klara?» mit Sicherheit sehr gross.