Rosen für Roopel

Sind Namen Schall und Rauch? Nicht ganz – vor allem nicht, wenn es um Flurnamen und Ortsnamen geht. Und was tun, wenn man Roopel sagt, aber Rotbühl schreibt? Die Geschichte eines Streits im Thurgau.

Dieter Langhart
Drucken
Teilen
Auch auf dem Seerücken waren Flurnamen einst wichtig für die Bauern. (Bild: Reto Martin)

Auch auf dem Seerücken waren Flurnamen einst wichtig für die Bauern. (Bild: Reto Martin)

Was haben William Shakespeare und Kaspar Schläpfer gemein? Diese Frage: Was steckt in einem Namen? Julia sagt zu Romeo: What's in a name? that which we call a rose / By any other name would smell as sweet; im Thurgau sorgten die Flurnamen für rote Köpfe, nachdem Hunderte in mundartliche Schreibweise geändert worden waren. Kaspar Schläpfer sagte im Sommer 2009 zur TZ: Wenn wir im Thurgau keine grösseren Probleme als die plötzliche Aufregung über die Flurnamen haben, geht es uns wirklich gut. Echte Schwierigkeiten wegen der Namen dürfte es nur selten geben.

Doyen der Namenforschung

Es ging um Namen wie Roopel statt Rotbühl, Hooraa statt Hohrain, Blaaki statt Bleiche, Tuurbärg statt Thurberg; es ging um lautstarke Kritik aus der Bevölkerung und aus den Gemeinden an der angeblichen Sturheit des Thurgaus. Die Kritik kam, nachdem unsere Zeitung das Thema aufgegriffen hatte. Und sie kam reichlich spät: fünf Jahre nachdem die Nomenklaturkommission des Kantons 25 000 Flurnamen überprüft hatte und in den Vermessungsplänen fast aller Gemeinden die Orts- und Flurnamen mundartnah festgelegt worden waren.

Der Kommission gehörten an der Kantonsgeometer, ortskundige Gewährsleute – und Eugen Nyffenegger. Ohne den Kreuzlinger Germanisten geht wenig in Sachen Mundartforschung. Er hat das Thurgauer Namenbuch initiiert (sie Kasten), das 2007 fertiggestellt war, das Nationalfondsprojekt «Datenbank der Schweizer Namenbücher» geleitet und an den Namenbüchern St. Gallen, Appenzell und Schaffhausen mitgewirkt.

Die Causa Roopel gegen Rotbühl wurde zum Problem für Navis – und zum Leserbriefthema Nummer 1 in unserer Zeitung. Viele Thurgauer wollten die vertrauten Namen zurück.

Marschhalt und «späte Einsicht»

Regierungsrat Schläpfer verordnete einen Marschhalt. Eine kantonale Arbeitsgruppe überarbeitete die Schreibweise von 2300 Siedlungsnamen und 33 Flurnamen von übergeordneter Bedeutung wie Nollen, Ottenberg oder Grosse Allmend. Von der Mundartschreibweise verschont geblieben waren nur die politischen Gemeinden, die alten Ortsgemeinden und die Weiler mit ÖV-Haltestellen.

Die Arbeitsgruppe kam im Frühling 2010 zum Schluss, dass man im Thurgau übers Ziel hinaus geschossen sei. Der Bund habe in einer Weisung aus dem Jahr 1948 eine mundartnahe Schreibweise verlangt und keine mundartgetreue, wie sie die Nomenklaturkommission im Thurgau verfolgte.

Als «späte Einsicht» kommentierte dies die TZ. Schuld an der Misere seien jedoch weder die Kommission noch der Regierungsrat, sondern nicht zuletzt die Gemeinden, denen die neuen Namen jeweils zur Prüfung vorgelegt worden waren. Sie hatten Zeit, sich bis Ende Januar 2011 zu den neu vorgeschlagenen Orts- und Flurnamen zu äussern. Und Mitte Februar hatten vier von fünf Gemeinden die kantonale Kehrtwende bei rund 2400 Siedlungen und Weilern akzeptiert.

«Jetzt ist Frieden», sagte Kantonsrat Thomas Merz-Abt, der 2009 die Welle der Empörung mit einem Vorstoss aufgenommen hatte. Aus Sicht der Gemeinden sei die Übung gut gelaufen, sagte Roland Kuttruff, Präsident des Verbandes Thurgauer Gemeinden. Und Regierungsrat Schläpfer sprach von einem guten Kompromiss: Die im Alltag gebrauchten Namen erscheinen in der gewohnten Schriftsprache, gleichzeitig bleibe das Kulturgut der gut 18 000 Flurnamen von lokaler Bedeutung erhalten – und Eugen Nyffeneggers Arbeit sei nicht vergebens.

Namenvielfalt in den Karten

Die Geometer ersetzten die Mundartnamen in den Vermessungsplänen, auch das neue Ortschaften- und Siedlungsverzeichnis folgte der schriftdeutschen Schreibung. Für die neu aufgelegte Thurgauer Wanderkarte kam die Wende jedoch zu spät, sie schrieb die Orte behelfsmässig doppelt an – in Mundart und Schriftsprache. Die 2009 neu aufgelegte Thurgauer Schulkarte hatte ohnehin auf die Mundartnamen verzichtet. Und die Landeskarte? Swisstopo hält fest am Aktualisierungsrhythmus, die nächsten nachgeführten Blätter erscheinen 2016.

ortsnamen.ch, bldz.tg.ch

Bild: DIETER LANGHART

Bild: DIETER LANGHART