Raus aus dem Untergrund

Jay (26) ist Strassenkünstler. Aber keiner von denen, die Wände beschmieren. Seine Wand ist aus Leinen, sein Revier das Atelier im Luftschutzkeller seines Hauses. Dort träumt der Frauenfelder davon, die Kunst zum Beruf zu machen.

Stephanie Martina
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Improvisiertes Atelier: Im Luftschutzkeller, zwischen Reisekoffern und Schraubenschlüsseln, arbeitet Strassenkünstler Jay an seinen Bildern – oft bis tief in die Nacht. (Bild: Reto Martin)

Improvisiertes Atelier: Im Luftschutzkeller, zwischen Reisekoffern und Schraubenschlüsseln, arbeitet Strassenkünstler Jay an seinen Bildern – oft bis tief in die Nacht. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. «More Ideas Than Time» steht auf einer Tafel vor Jays Zimmertüre geschrieben. Treffender könnte die derzeitige Situation des 26-Jährigen kaum beschrieben werden. Denn Jay, der eigentlich Jaynathan Sivanathan heisst, würde nichts lieber tun, als sich voll und ganz seiner Kunst zu widmen. Der Frauenfelder ist Strassenkünstler. Sein Beton sind Holzrahmen, die er mit unterschiedlichsten Materialien bespannt, etwa mit indischem Leinen. «Mir ist es wichtig, dass ich in diese neuartige Kunstrichtung meine tamilische Kultur einfliessen lassen kann», erklärt Jay. Auf diesen Stoffen entstehen mittels Spraydose, Airbrushtechnik, Pinsel und Roller die unterschiedlichsten Motive.

Bereits jetzt nimmt Jay regelmässig Aufträge entgegen, doch es reiche noch nicht, um alles auf eine Karte, die Kunst, zu setzen. Deshalb arbeitet er hauptberuflich als Werbetechniker. «Aber irgendwann möchte ich von meiner Arbeit als Künstler, von Aufträgen, leben können», sagt Jay.

Der Traum vom richtigen Atelier

Doch bevor er überhaupt daran denken könne, mit seiner Kunst gross herauszukommen, brauche er ein richtiges Atelier. Noch arbeitet Jay im Luftschutzkeller seines Elternhauses. Zwischen Reisekoffern, Schraubenschlüsseln, einem Laminiergerät und einer tickenden Wanduhr, die knapp fünf Stunden vor oder gut sieben Stunden hinterher geht. Doch das macht nichts. «Wenn ich an einem Bild arbeite, vergesse ich alles: Zeit, Hunger, Durst, Müdigkeit», sagt Jay. Deshalb leistet ihm sein 22jähriger Bruder Sugi oft Gesellschaft in seinem unterirdischen Atelier. «Ich hole ihm Snacks aus der Küche, sorge dafür, dass gute Musik läuft und reiche ihm die Spraydosen», erklärt Sugi. Aber er sei auch Kritiker, Inspirator, Unterhalter und Fahrer. Etwa wenn die beiden mitten in der Nacht nach Oberwinterthur fahren, um an der 24h-Tankstelle ein Sandwich zu kaufen.

Wichtige Unterstützung

Gezeichnet habe er schon als Kind gerne, vor allem Comics. Als Jay im Alter von elf Jahren in Davos das erste Graffito sah, liess ihn der Gedanke nicht mehr los, sich selbst darin zu versuchen. «Noch heute weiss ich ganz genau, wie es ausgesehen hat», sagt Jay. Sein Vater war anfangs nicht sehr begeistert vom neuen Hobby seines Sohnes. «Er wollte zunächst nicht, dass ich mich mit Graffiti befasse. Irgendwie dachte er, ich würde dadurch zum <Bahnhofhänger> und Sprayer werden.» Doch als sein Vater erkannt habe, dass Jays Arbeiten gelobt wurden, habe er seine Meinung geändert und kaufte Jay immer mal wieder neue Farben und Pinsel.

Dafür ist Jay seinem Vater sehr dankbar. Aber auch, weil er dafür gesorgt habe, dass Jay und seine beiden jüngeren Brüder nicht im Kriegsgebiet aufwachsen mussten. «Ich kam auf der Flucht aus Sri Lanka zur Welt», erklärt Jay. Mit einem Porträt seines Vaters wollte Jay ihm für seine Unterstützung danken. «Ich nehme seit vier Jahren am <Propart Street Art Contest> teil. Das ist ein Wettbewerb für Strassenkünstler in Thun, bei dem vor Publikum gearbeitet wird. 2011 malte ich meinen Vater. Das Bild sollte eigentlich ein Geburtstagsgeschenk für ihn sein, doch dann verkaufte ich es an einen Besucher, weil er so begeistert davon war und es unbedingt haben wollte. Da konnte ich nicht Nein sagen.»

Bilder, die etwas bewirken

Vor zwei Jahren gründete Jay seine Einzelfirma «Bang & Brush». Ganz spontan habe er damals begonnen, ein Logo zu entwerfen, das einen Revolver zeigt, bei dem ein Pinsel den Lauf ersetzt. «Dieser Revolver mit dem Pinsel bedeutet für mich, dass alles, was ich kreiere, beim Betrachter eine Art Startschuss auslösen soll und dadurch etwas in Bewegung kommt.» Für den Künstler gibt es nichts Erfüllenderes, als wenn sich der Betrachter von seinem Werk angesprochen fühlt und beginnt, sich damit auseinanderzusetzen. Denn Jays Kunst hat – trotz bunter Farben – oftmals einen kritischen Hintergrund. Jay sagt: «Wenn meine Bilder die Menschen zum Nachdenken bringen und etwas in ihnen auslösen, dann habe ich mein Ziel erreicht.»

www.bangandbrush.ch