Pfyn macht Kultur mehrheitsfähig

PFYN. Eine Brücke zwischen Kunst und Gesellschaft wollen die Demokratischen Kunstwochen in Pfyn schlagen, denn Kunst soll von einer breiten Öffentlichkeit mitgetragen werden. «Wir alle sind Kultur», sagt das Dorf, das gelernt hat, Geschichte lebendig zu machen.

Dieter Langhart
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Eva-Maria Würth (Interpixel) und Alex Meszmer (Zeitgarten). (Bild: mdl)

Eva-Maria Würth (Interpixel) und Alex Meszmer (Zeitgarten). (Bild: mdl)

Erst kamen die Pfahlbauer, dann die Fernsehleute; erst lag Ad Fines am Rand des Römischen Reiches, dann wurde Pfyn Kulturhauptstadt der Schweiz. Das Dorf macht sich, das Dorf lebt. Auch in seinen über vierzig Vereinen. Und anders als sonst in kleinen Landgemeinden sind die Pfyner aufgeschlossener gegenüber Kunstprojekten geworden: dank dem Kulturforum etwa und dank dem Künstlerduo Alex Meszmer und Reto Müller, das mit dem Transitorischen Museum und dem Stationenweg Vergangenes greifbar macht – die weit zurückliegende Geschichte und die Geschichten der Menschen im Dorf.

Temporäres Amphitheater

Der Gemeinderat schätze es, dass Meszmer/Müller die Bevölkerung einbezögen, sagt Frau Gemeindeammann Jacqueline Müller. Sie freut sich auf das Amphitheater aus Holz, das Lehrlinge derzeit aufbauen und das für Schwingfest und Kindertheater, für Dorffest und Bundesfeier dienen wird. Und sie begrüsst die Demokratischen Kunstwochen, die dieses Wochenende mit einer Tagung beginnen (wenige Plätze für Kurzentschlossene sind noch frei, siehe Kasten). «Wir alle sind Kultur», heisst es in Pfyns Legislaturprogramm, das Kultur als erstes von fünf Schwerpunktthemen ausweist.

Ist Kunst demokratisch? Meszmer/Müller gehen davon aus, dass Kunst auch von einer interessierten Öffentlichkeit mitgetragen werden kann, die nicht Teil eines erfahrenen Kunstpublikums ist. Um die drei Hauptthemen Kunst, Demokratie und Geschichte drehen sich die Diskussionen an der Tagung, zu der Markus Landert vom Kunstmuseum Thurgau, der Politiker Andi Gross und der Thurgauer Historiker Stefan Keller Inputs liefern. Und acht künstlerische Projekte werden vorgestellt (zwei weitere von Matthias Kuhn aus Trogen und Jean Daniel Berclaz aus Fribourg/Berlin folgen später in diesem Jahr).

Meszmer/Müller haben Künstler eingeladen, die Erfahrung in socially engaged art haben. Etwa Fatma Hendawy Yehia, die zusammen mit Pfynern und der evangelischen Kirchgemeinde die Grundlagen zum Archiv MEMOpfyn erarbeitet hat: eine Bibliothek als Gedächtnis des Dorfes. Oder Ana Laura Lopez de la Torre, die Menschen in Südlondon und Pfyn Bilder und Rezepte, Geschichten und Objekte tauschen lässt und etwas Grossstadtflair nach Pfyn bringt.

Einem Tyrannen auf der Spur

Der in den Niederlanden lebende Moritz Ebinger arbeitet derzeit als artist in residence in Pfyn. Er hat nach Informationen über den Tyrannen Mötteli von Rappenstein geforscht – und nach der Geschichte seiner eigenen Familie. Das Zürcher Künstlerduo Interpixel bietet im November Spieleabende in der Trotte an, die das bekannte Monopoly um politische, soziale und ökologische Aspekte erweitern.

West trifft Ost

Heute Samstag werden die «Koffergeschichten» aufgeführt. Meris Schüpbach mit den Kidswest aus Bern und Mittelstufenlehrer Thomas Meyenhofer und Klara Horat mit den Kidsost aus Pfyn haben dieses Strassentheaterprojekt zusammen entwickelt.

Die Ausstellung, die am Sonntag eröffnet wird, wird einen Einblick geben in die vielfältigen Prozesse, die in der Kulturhauptstadt der Schweiz ablaufen und die sich im Laufe des Jahres weiterentwickeln und stetig verändern.

Infos: www.zeitgarten.ch und kulturhauptstadtderschweiz.ch Interview mit Alex Meszmer auf www.thurgaukultur.ch (Magazin)

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