Kids formen eigene Geschichte(n)

PFYN. Die Demokratischen Kunstwochen der Kulturhauptstadt Pfyn stehen in der Halbzeit. Zurzeit weilt die Berner Interventionskünstlerin Meris Schüpbach vor Ort und arbeitet mit Kindern und Jugendlichen aus Bern und Pfyn.

Mathias Frei
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Gemeinsames Theater: Kids-West und Pfyner Mittelstufenschüler. (Bild: Mathias Frei)

Gemeinsames Theater: Kids-West und Pfyner Mittelstufenschüler. (Bild: Mathias Frei)

«Die Leute sollen sich bewusst werden, dass sie Geschichte formen können. Sie sollen etwas einbringen, aber auch etwas mitnehmen können.» Das sagen Alex Meszmer und Reto Müller, das Kuratoren-Duo der Schweizer Kulturhauptstadt Pfyn 2011/12. Kinder seien gute Träger der Idee der Demokratischen Kunstwochen DKW, weil der Zugang sich sehr niederschwellig ereigne. Ein Fokus liegt für Meszmer/Müller dabei auch auf der Dokumentation, damit sich «oral history» wandelt zu einem institutionalisierten «forming history», das sich als Prozess, aber auch die mittel- und unmittelbare Lebenswelt fortlaufend neu bewertet.

Soziale Brennpunkte

Im fünften Projekt der DKW sind denn auch Kinder und Jugendliche die Rollenträger. Die Berner Interventionskünstlerin Meris Schüpbach hat vor sechs Jahren in Bern West – Bethlehem und Bümpliz, wo in Hochhaussiedlungen wie dem Tscharnergut der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung bei bis zu 90 Prozent liegt – die soziale Kunstinterventions-Initiative Kids-West initiiert. Zusammen mit der Theaterpädagogin Anna Stäubli und 15 Kids-West zwischen 8 und 16 Jahren ist sie für eine Arbeitswoche nach Pfyn gekommen, wo man auf die 17 Pfyner Mittelstufenschüler von Thomas Meyenhofer getroffen ist. Geschlafen wird in der Turnhalle, gearbeitet im und ums Schulhaus herum.

Heimatgeschichten gesammelt

Zur Vorbereitung haben sich die Pfyner Kids vorab in Bern mit den Kids-West getroffen. In den Berner Plattenbauten zogen sie von Block zu Block, um Geschichten der Bewohner zum Thema «Heimat» zu sammeln. Selber waren die Kinder und Jugendlichen angehalten, ihre Familiengeschichten niederzuschreiben. Dem kamen aber nur die Pfyner Schüler nach. Meris Schüpbach vermutet latentes Misstrauen als Grund für die kollektive Verweigerung. In Bern West seien schon zu viele unangenehme, nicht angebrachte Fragen zu sozialen Verhältnissen gestellt worden.

Stationentheater für Pfyn

«Im Berner Osten steht das Zentrum Paul Klee mit dem Creaviva-Kindermuseum. Aber den Kids-West fehlt schlicht das Geld, um überhaupt mit dem Tram dorthin zu gelangen», skizziert Meris Schüpbach. Für die Berner war denn Pfyn auch ein kleiner Kulturschock ohne Einkaufszentrum oder Fastfood-Filiale.

Nichtsdestotrotz formen nun die Pfyner mit den Bernern zusammen Gesichten aus alten Koffern. Dabei ziehen sie für ein Stationentheater, das in naher Zukunft in Pfyn aufgeführt werden soll, aus ihrer eigenen Lebenswelt Erfahrungen, um in der Interaktion Gegenwarts- und Zukunftsgeschichte zu gestalten.

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