Grenzerfahrungen in Gottlieben

GOTTLIEBEN. Die zweitkleinste Schweizer Gemeinde sticht für zehn Tage die grösste Schweizer Stadt aus. Der Ort ist Protagonist in Arbeiten von über zwanzig Kunstschaffenden, die das Fremde und das Vertraute zwischen hüben und drüben aufzeigen.

Dieter Langhart
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Taubenzimmer im Haus Hecht zu Gottlieben, ehemals Mathilde van Zuylens Atelier: Sabian Baumanns Installation für das Projekt «Hecht an der Grenze». (Bild: Dieter Langhart)

Taubenzimmer im Haus Hecht zu Gottlieben, ehemals Mathilde van Zuylens Atelier: Sabian Baumanns Installation für das Projekt «Hecht an der Grenze». (Bild: Dieter Langhart)

Den Charme von gestern, von vorgestern gar, atmen die Zimmer im Haus Hecht. Es ist Teil des Hotels Drachenburg & Waaghaus, in ihm ist Cécile Hummel in der vierten Generation der Hotelierfamilie aufgewachsen. «Die knarrenden Treppen gehören zu meinen Erinnerungen», sagt die Künstlerin, die seit langem in Basel lebt und arbeitet.

Geborgenheit für Fremde

Cécile Hummel hat sich mit der Performancekünstlerin Andrea Saemann und der Kulturgeographin Dagmar Reichert zusammengesetzt und sich das Projekt «Hecht an der Grenze» ausgedacht. Sie haben mehr als zwanzig Kunstschaffende hüben und drüben der Grenze ins Boot geholt und vier Thurgauer Kooperationspartner: das Forum andere Musik, Kunstmuseum und Naturmuseum, das Bodmanhaus vor Ort.

Hotels sind Durchgangsorte, sind Orte für Fremde in der Fremde, an denen sich Fremdheit und Geborgenheit treffen. Ziel der drei Kuratorinnen war es, den Ort Gottlieben zum Protagonisten zu machen: «Gottlieben setzt die Themen, ist Quellenmaterial, Metapher, Kulisse und Aufführungsort zugleich.»

Fast alle Künstlerinnen (in leichter Mehrheit) und Künstler haben sich auf den Ort eingelassen und spezifische Arbeiten zum Haus Hecht, zu Gottlieben und seiner Umgebung entworfen oder mitgebracht. Da wird Bezug genommen aufs Empfangszentrum in Kreuzlingen oder der Schlafsaal einiger Studenten in Addis Abeba gezeigt, da werden Zeitreisen zum Über-die-Grenze-gehen unternommen.

Von Jan Hus bis Lisa della Casa

Im Frühstückssaal lehnt sich Markus Müller an die barocken Tischaufsätze an und stützt und verhindert so die Konversation; an der Schiffsanlegestelle ersetzt der gebürtige Tscheche Martin Chramosta das Schild «Gottlieben» durch «Bohumilov» und bezieht sich auf Jan Hus, der im Kerker des Schlosses Gottlieben sass, bevor er am Konstanzer Konzil hingerichtet wurde.

Die achtzehn Zimmer im Haus Hecht sind Anfang der 60er- Jahre mit Antiquitäten individuell eingerichtet und seither kaum verändert worden. Für zehn Tage belegen sie nicht Gäste, sondern Videos oder Installationen.

Im Zimmer 53 erzählt Markus Landert, Direktor des Thurgauer Kunstmuseums, Anekdoten der ehemaligen Hausbesitzerin Mathilde van Zuylen, die auch Malerin war und deren Werke aus der Sammlung des Kunstmuseums an der Wand hängen. Im Zimmer 57 erklingen Stimmen von Flüchtlingen an Kreuzlingens Grenze aus einer der ersten Live-Aufzeichnungen des Schweizer Radios. Und auf dem Himmelbett in Zimmer 64, dem Taubenzimmer, van Zuylens ehemaligem Atelier, liegt ein Skelett aus ungebranntem Ton, Sabian Baumanns Erinnerungsskelett mit Zitaten von da Vinci bis zu Lisa della Casa, der letzten Schlossbesitzerin.

Ererbtes und Erinnertes

Was haben wir von der Vergangenheit ererbt, fragt sich Muriel Gerstner in ihrem Video auf Zimmer 58. Sie hat sich zwischen die alten Möbel ihrer Grosseltern gesetzt und 56 Stunden lang Hegels «Phänomenologie des Geistes» gelesen. Und in Zimmer 59 hängen drei Stills aus Ulrike Ottingers Bodensee-Film «Madame X» (1977), ihr Kurzfilm «Still Moving» (2009) führt sie mit Erbstücken und Erinnerungen wieder hierher.

24 Stunden Erik Satie

Jeden Tag wird ein neues «Tagblatt» gedruckt, drüben im Bodmanhaus erinnern Videos, Bilder, eine Puppenstube und Schmetterlinge an Emanuel von Bodman und seine dritte Frau Clara von Bodman, Heinrich Lüber rezitiert mitten im Seerhein Texte, durch das Haus und hinaus ins Riet führen drei Künstler, und in der Hotel-Rezeption steuert das Forum andere Musik ein 24-Stunden-Konzert mit Erik Saties «Vexations» bei – weitere Beispiele dafür, wie raffiniert verzahnt die Beiträge für das Projekt «Hecht an der Grenze» sind. Sie sollen nicht in einer Stunde abgehakt werden, laden zur Wiederkehr ein. Und nebenan in der «Drachenburg» sind unveränderte Zimmer zu haben.

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