«Das lasse ich mir nicht bieten»

ROMANSHORN. Die Geschichte wiederholt sich: Zweimal lehnten die Romanshorner vor Jahren das Einbürgerungsgesuch von Gülsen Karasu ab. Jetzt verwehrt die Einbürgerungskommission auch ihrer Tochter Hilal den roten Pass. Beide tragen Kopftuch.

Markus Schoch
Merken
Drucken
Teilen
Hilal Karasu: In der Schweiz geboren, hier aufgewachsen, trägt Kopftuch. (Bild: Donato Caspari)

Hilal Karasu: In der Schweiz geboren, hier aufgewachsen, trägt Kopftuch. (Bild: Donato Caspari)

Für Gülsen Karasu war der Brief vom 9. Januar wie ein Schlag in den Magen. Die Romanshorner Einbürgerungskommission schreibt darin, dass sie ihre Tochter Hilal für «ungeeignet für die Einbürgerung» hält.

Gülsen Karasu hatte zwar geahnt, dass es so kommen würde, nachdem ihr die 17-Jährige von der Befragung Mitte Dezember erzählt hatte. Sie wollte aber nicht wahrhaben, dass sich ihre Geschichte wiederholen könnte. Die Türkin Gülsen Karasu stellte 2003 und 2004 selber zweimal ein Einbürgerungsgesuch – und zweimal lehnten es die Romanshorner an der damals noch zuständigen Gemeindeversammlung ab.

Schwestern ohne Kopftuch

Der Schweizer Pass sei ihr verwehrt worden, weil sie ein Kopftuch trage. Davon ist Gülsen Karasu überzeugt. Und über dieses Stück Stoff sei jetzt auch ihre Tochter gestolpert. Hilal bindet es sich seit der zweiten Klasse um – ohne Zwang der Eltern. Ihre beiden Geschwister (13 und 14) tragen die Haare frei. «Hilal wollte es einfach, und ich konnte ihr diesen Wunsch als Vorbild schlecht verwehren», erinnert sich Gülsen Karasu, die in Romanshorn aufgewachsen ist und wie ihre Tochter akzentfrei Mundart spricht.

«Es hat sich in den letzten Jahren überhaupt nichts verändert in Romanshorn», zieht Gülsen Karasu ernüchtert Bilanz. «Das ganze Gerede um die Integration sind nur Lippenbekenntnisse.» Es gebe keine Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen. «Sie sind weiter nur geduldet, jedoch nicht respektiert.» Die im Gesetz verbriefte Religionsfreiheit gebe es nur auf dem Papier.

Religiöse Überzeugung schuld

Die Einbürgerungskommission macht in ihrem abschlägigen Bescheid keinen Hehl daraus, dass ihr die religiösen Überzeugungen von Hilal missfallen. «Die Gesuchstellerin ist überzeugte Kopftuchträgerin und nimmt deshalb jegliche Einschränkungen in Kauf», sowohl in sozialer als auch beruflicher Hinsicht.

Hilal habe sich «in keinster Weise» mit den Voraussetzungen einer Einbürgerung vertraut gemacht, und auch der Begriff «Integration» scheine ihr völlig fremd zu sein, heisst es im Entscheid. Ihre Freizeit verbringe die Gesuchstellerin zurzeit vorwiegend mit Lernen oder mit Kolleginnen. So oft es gehe, hüte Hilal die Kinder ihrer Tante in Zürich.

Die sozialen Kontakte würden sich hauptsächlich im schulischen Umfeld abspielen, stellt die Einbürgerungskommission weiter fest. Hilal habe zwar Schweizer Kolleginnen, wolle die Zukunft aber mit einem türkischen Moslem verbringen. Am Leben in Romanshorn beteilige sich die Jugendliche kaum. Von den regelmässigen Veranstaltungen kenne sie gerade einmal den Fasnachtsumzug und den Samichlausmarkt, womit sie den Weihnachtsmarkt meine.

Nach Meinung der Einbürgerungskommission ist die 17-Jährige nicht genügend sozial integriert. «Und der Weg in die berufliche Integration ist nicht einmal ansatzweise gegeben», heisst es im Bericht weiter. Hilal erfülle damit eine wichtige Voraussetzung für eine positive Beurteilung des Einbürgerungsgesuches nicht.

Die Einbürgerungskommission schlägt die Türe jedoch nicht für immer zu. Sobald Hilal wirtschaftlich selbständig sei, wäre sie allenfalls bereit, ein neues Gesuch zu prüfen, zumal sie ihrem Alter entsprechend «genügend mit den schweizerischen Lebensgewohnheiten, Sitten und Gebräuchen» vertraut sei.

An den Haaren herbeigezogen

Für Gülsen Karasu sind die Vorwürfe der Einbürgerungskommission an den Haaren herbeigezogen. «Die Kommission verwechselt Integration mit Assimilation.»

Ihre Tochter sei sehr wohl sozial integriert. Sie habe einen grossen Bekanntenkreis, gehe regelmässig in den Ausgang mit Kollegen und habe Sport getrieben. In den Vereinen habe es zwar tatsächlich teilweise Probleme gegeben wegen des Kopftuchs, will Gülsen Karasu nichts schönreden. Mit Handball beziehungsweise Gymnastik aufgehört habe Hilal am Schluss aber vor allem deswegen, weil sie sich auf die Schule habe konzentrieren wollen.

Was ist daran falsch?

Dass ihr die Einbürgerungskommission deswegen einen Strick dreht, versteht Gülsen Karasu nicht. Ihre Tochter sei viel zu Hause und lerne, weil sie im Leben vorwärtskommen wolle. «Was soll daran falsch sein?», fragt sich Gülsen Karasu. «Wäre es besser, wenn sie nur rumhängen würde?»

Im Moment bereitet sich Hilal auf die Prüfung an die Fachmittelschule (FMS) an der Kanti Romanshorn vor, nachdem sie im ersten Anlauf knapp gescheitert war. Warum sie das überhaupt mache, sei sie von der Einbürgerungskommission gefragt worden, erinnert sich Hilal. Das sei doch nicht nötig. Sie könne doch heiraten. Der Mann werde dann schon für sie sorgen.

Das macht die Mutter wütend

Gülsen Karasu verschlug es die Sprache, als ihr die Tochter von dieser Bemerkung eines Kommissionsmitglieds erzählte. Sie rief deswegen sogar bei der Einbürgerungskommission an und wollte wissen, ob das tatsächlich wahr sei, was sie von Hilal erfahren habe. Die Mutter erhielt jedoch keine Auskunft. Das fiele unters Amtsgeheimnis, habe man ihr gesagt. «Das macht mich wütend», sagt Gülsen Karasu.

Hilal besucht derzeit das 10. Schuljahr (Brückenangebot), weil sie keine Lehrstelle fand. Gesucht hat sie unter anderem eine als Chemielaborantin – ihr Traumberuf mit wenigen Ausbildungsplätzen. Das Kopftuch sei jedoch nicht der Grund, warum sie keinen Lehrvertrag bekommen habe, widerspricht Hilal der Einbürgerungskommission. Sie habe an verschiedenen Orten geschnuppert und vorgängig immer darauf hingewiesen, dass sie ein Kopftuch trage. «Es war nie ein Problem.» Auch bei den Absagen auf die Bewerbungen hin habe es keine Rolle gespielt.

Hilal fühlt sich diskriminiert. Sie habe im 10. Schuljahr eine Kollegin in der gleichen Situation wie sie. Sie habe ebenfalls noch keine Lehrstelle. Bei der Befragung durch die Einbürgerungskommission habe die Asiatin offen erklärt, dass sie sich nicht für Politik interessiere. Den roten Pass habe sie trotzdem erhalten. Offenbar entscheidender Unterschied: Die Kollegin von Hilal trägt kein Kopftuch.

In die Enge getrieben

Für Gülsen Karasu ist klar: «Die Einbürgerungskommission hat meine Tochter in eine Ecke gedrängt. Hilal hatte keine Chance.» Denn ihre Kinder würden nicht lügen. Verwerflich findet Gülsen Karasu das Vorgehen auch deshalb, weil es im Vorfeld keine Anhaltspunkte gegeben habe, dass sich das Gespräch nur um Privates drehen würde. «Meine Tochter war völlig überfordert von den teilweise indiskreten und intimen Fragen.»

Hilal hatte sich umfassend vorbereitet und beispielsweise auch Jahreszahlen gelernt. Sie holte sogar Erkundigungen bei Personen ein, die bereits einmal vor der Einbürgerungskommission Red und Antwort stehen mussten. Die Befragung erlebte sie dann nach eigenen Worten als «eher seltsam». Dass die Kommission sich nur nach ihrem Privatleben erkundigte, habe sie überrascht. «Ich habe mich gefragt, ob das normal ist.» Sie habe sich bei den Antworten jedoch nie überlegt, was ihr wohl am meisten nützen könnte. «Ich war immer ehrlich.»

Hilal beziehungsweise ihre Eltern werden den Entscheid der Einbürgerungskommission nicht hinnehmen. «Wir werden ihn anfechten und wenn nötig bis vor die letzte Instanz ziehen», sagt Gülsen Karasu. «Ich gehe auch auf die Strasse und sammle Unterschriften, falls es nicht anders geht. Das lasse ich mir nicht bieten.»