Der Weg in ein anderes Leben

ROMANSHORN. In Romanshorn gibt es seit bald 50 Jahren einen Esperantoweg. Die gleichnamige Kunstsprache beherrscht in der Gemeinde aber nur noch eine Frau: Die 57jährige Liliane Siegrist, die per Zufall in die Stadt am Wasser zog.

Markus Schoch
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Eine Erinnerung an frühere Zeiten: Liliane Siegrist am Esperantoweg, der 1965 auf Initiative von Otto Walder seinen Namen erhielt. (Bild: Markus Schoch)

Eine Erinnerung an frühere Zeiten: Liliane Siegrist am Esperantoweg, der 1965 auf Initiative von Otto Walder seinen Namen erhielt. (Bild: Markus Schoch)

Für Liliane Siegrist war Esperanto das Tor zur Welt, wo sie eine neue, grosse Familie fand. Als alleinerziehende Mutter von drei Kindern machte die heute 57-Jährige lange Zeit keine grossen Sprünge. Ihr Geld verdiente die gelernte Postangestellte mit Putzen und als Verkäuferin.

Die Wende in ihrem Leben kam 1995. «Mein jüngster Sohn wurde zwölf Jahre alt, und ich fand, es sei an der Zeit, etwas für mich zu machen», erinnert sich die Rheintalerin, die seit dreieinhalb Jahren in Romanshorn wohnt. Durch Zufall stiess sie damals auf ein Inserat für einen Esperanto-Schnupperkurs. Sie ging hin – und erlag der Faszination der sogenannten Plansprache, die der Pole Ludwik Lejzer Zamenhof 1887 erfand.

Leicht zu lernen

Seither hat sich der Horizont von Siegrist in jeder Beziehung geweitet. So war sie in den letzten Jahren für längere Zeit in Südfrankreich bei neuen Freuden, die sie dank Esperanto gefunden hatte.

Was Siegrist an Esperanto besonders gefällt: Die Sprache ist weich, Politik und Religion spielen keine Rolle, und sie ist leicht zu lernen, weil es keine Unregelmässigkeiten gibt. Angeblich braucht man deshalb siebenmal weniger Zeit als für Englisch.

Siegrist erinnert sich noch genau an die ersten Worte, die sie in Esperanto sprach: Dika hundo – dicker Hund. Heute kann sie sich problemlos über Alltägliches in der neuen Sprache unterhalten. Die Gelegenheiten muss sie allerdings suchen. An ihrem Wohnort kennt sie niemanden, mit dem sie in Esperanto plaudern könnte. Der Esperantoweg im Eigenheimquartier ist bloss noch eine Erinnerung an die Zeiten, als Romanshorn eine zentrale Rolle innerhalb der Bewegung spielte. Der 1988 verstorbene Otto Walder, der sein ganzes Leben an der Waldmannstrasse 10 wohnte, war dreimal Präsident der 1905 in der Romandie gegründeten Schweizerischen Esperanto-Gesellschaft, deren Zeitschrift er zudem vorübergehend redaktionell betreute. Auf sein Gesuch hin erhielt der schmale Fussweg zwischen Scheffel- und Waldmannstrasse 1965 seinen Namen.

Kreis schliesst sich

Siegrist kennt die Tochter von Otto Walder, die heute Verena Chaves heisst und in Flawil wohnt. Sie war vor fast 20 Jahren beim Schnupperkurs dabei, den der Esperanto-Club der Region Wil seinerzeit ausschrieb. «Mit meinem Umzug nach Romanshorn hat sich der Kreis geschlossen», sagt Siegrist. An den See ist sie allerdings aus Zufall gekommen. «Ich suchte ein Haus und fand hier ein passendes.»

Den Esperanto-Club der Region Wil gibt es noch. Siegrist hält ihm bis heute die Treue. Die Vereinigung ist die einzige verbliebene ihrer Art in der Deutschschweiz. Die meisten Mitglieder sind allerdings im höheren Alter. Und die Runde ist klein geworden: Wenn 15 Personen zu den gerade noch einmal vier Treffen pro Jahr kommen, sind es viele. «Die Jungen tauschen sich im Netz aus», sagt Siegrist.

Das Esperanto-Zentrum der Schweiz liegt in La Chaux-de-Fonds. In der Romandie gibt es eine aktive Szene.

Eine einsame Seele ist Siegrist am anderen Ende der Schweiz deswegen aber nicht. «Ich habe Briefkontakt nach Schweden, Spanien und Frankreich.» Sie liest zudem Bücher und Zeitschriften in Esperanto. Und sie hat das Reisen entdeckt. Siegrist ist oft unterwegs, um Gleichgesinnte zu treffen. So war sie schon gegen zehnmal an Studienwochen in Spanien, wo man über Gott und die Welt rede, wie sie begeistert erzählt.

«Es ist so unkompliziert»

Dabei sein wird die Romanshornerin auch am diesjährigen Esperanto-Weltkongress in Island, wohin sie mit zwei Kolleginnen im Juli reist. Siegrist freut sich auf den Grossanlass mit über 1000 Besuchern. Die spezielle Atmosphäre kennt sie bereits von zwei früheren Teilnahmen. «Es ist so unkompliziert. Man kommt mit allen ins Gespräch. Niemand hat einen Dünkel.» Genau das mache Esperanto so einzigartig.

Siegrist hat darum auch schon verschiedentlich ihr Haus Esperantisten aus anderen Ländern geöffnet. Den meisten zeigt sie selbstverständlich den Esperantoweg.