Sie kämpft gegen Einbahnstrassen

KREUZLINGEN. Kreuzlingen ist multikulturell – und das nicht erst seit heute. Vor 31 Jahren wurde schon eine Arbeitsgemeinschaft für Ausländerfragen gegründet. Hanni Knüsel gehörte dazu. Die ehemalige CVP-Gemeinderätin und Lehrerin setzt auf die gegenseitige Verständigung.

Brigitta Hochuli
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«Nicht unser Verdienst, hier geboren zu sein»: Hanni Knüsel. (Bild: Reto Martin)

«Nicht unser Verdienst, hier geboren zu sein»: Hanni Knüsel. (Bild: Reto Martin)

Hanni Knüsel (66) ist eine Frau mit ausgeprägtem Fernweh. Nach der Ausbildung zur Primarlehrerin und während ihrer 40 Jahre dauernden Berufstätigkeit war sie längere Zeit in Rom, Madrid, auf Teneriffa und Sri Lanka, in Thailand, Kanada, Neuseeland und Griechenland. Sie war für Kuoni tätig und in der Landwirtschaft. Oder auf einer grossen Chorreise in Südamerika. Selbstredend spricht Hanni Knüsel die nötigen Sprachen fast akzentfrei.

Türen aufgegangen

Durch die fernen Länder und die Fremdsprachen sind für Hanni Knüsel «Türen aufgegangen» – Türen, geöffnet von Eltern der Ausländerkinder in ihren vielen Schulklassen, aber auch Türen zum Thema der Völkerverständigung in Kreuzlingen. So war Hanni Knüsel dabei, als 1980 die Arbeitsgemeinschaft für Ausländerfragen (AGK) gegründet wurde, die heute Arbeitsgemeinschaft für Migration heisst.

Anlass zur Gründung habe der mit 2500 von insgesamt 14 000 hohe Anteil der Italiener an der Kreuzlinger Bevölkerung gegeben, erzählt sie. SP-Gemeinderat Dino Lioi sei damals Präsident des Dachverbandes von elf italienischen Clubs gewesen.

Theo Schär, verstorbener EVP-Kantonsrat und Leiter des Altersheims Abendfrieden, habe gleichzeitig eine Motion zur Gründung eines Forums für Verständigung in der Schublade gehabt. Die Motion wurde dann jedoch abgelehnt. Erst heute wünscht der Kanton eine gezielte Ausländerintegration und lässt ein Gesamtprogramm erarbeiten.

Pfadfinderarbeit geleistet

Die Gründung der AGK war vor 31 Jahren von einer kleinen Gruppe unter dem Vorsitz von Sekundarlehrer Heinz Schmid vorbereitet worden. Für rechtliche Fragen stand alt Bezirksgerichtspräsident Hans-Ulrich Grauer zur Verfügung. Hanni Knüsel war später während zehn Jahren AGK-Präsidentin.

«Ich habe das Gefühl, zusammen mit andern Pfadfinderarbeit geleistet zu haben», sagt Knüsel. Heute sei es aber einfach die Zeit, dass die Stadt die Aufgaben der Integration erfülle. Das sah man auch in der Fachkommission Integration so, die 2003 die heutige Integrationspolitik unter anderem mit einer regionalen Fachstelle und einem Ausländerbeirat vorbereitete.

Alle drei Jahre ein Folklorefest

Die AGK führt nach wie vor eine Beratungsstelle für Ausländer und Schweizer und wird nach Adile Samsunlu heute von Marta Macedo geleitet, einer Seconda mit portugiesischen Wurzeln und heute im Thurgau Primarlehrerin. Hanni Knüsel gefällt das junge, selbstbewusste Team von Vorstandsmitgliedern, die sich «ganz als Kreuzlinger» fühlten. Die AGK sei trotzdem nicht überflüssig, ist sie überzeugt. «Die jungen Ausländer wollen sich aber nicht mehr über ihre Folklore identifizieren.»

Folklore und Folklore-Feste waren jahrelang strahlende Höhepunkte der Beziehungsarbeit zwischen Ausländern und Einheimischen. Im Abstand von zwei bis drei Jahren fanden sie jeweils in der Eishalle statt. 2003 dann wurde neben dem Grossschifffahrtshafen im Rahmen des Projekts conTakT03 gemeinsam gefeiert. Erneut mit Unterstützung des Migros-Kulturprozents und conTakT-net.ch wurde im übrigen kürzlich die neue Homepage www.migration-kreuzlingen.ch eingerichtet.

Interessiert an den Bräuchen

Neun Mal war Hanni Knüsel aktiv an den Kreuzlinger Folklore-Festen dabei. Früher hätten sich die Ausländer gerne mit ihren Tänzen und kulinarischen Spezialitäten präsentiert. Das hat die Lehrerin auch bei vielen Elternbesuchen so erlebt. «Man kann so viel machen, wenn man sich für die Bräuche anderer Länder interessiert.»

Jedenfalls seien ihre Besuche jeweils auch für die Eltern ihrer Schülerinnen und Schüler eine Bestätigung gewesen. Auf diese Weise konnte Hanni Knüsel deren Fähigkeiten mit in den Unterricht einbeziehen. So tanzte etwa ein Vater mit der Klasse Tarantella, oder es wurden in Gruppen bei den Eltern daheim Börek, Lasagne, Caramelcrème, Pizza und Brot zubereitet.

Hanni Knüsel ist überzeugt: «Es ist nicht unser Verdienst, dass wir hier geboren sind und Arbeit haben.» Sie weist auch darauf hin, dass «unsere Vorfahren wie viele heutige Immigranten aus wirtschaftlichen Gründen ausgewandert sind». Deshalb ist sie dagegen, dass man alle in einen Topf werfe. «Es gibt auch bei uns schwarze Schafe.» Aus diesem Verständnis heraus war Hanni Knüsel Verständigung immer der Inhalt ihrer Arbeit. «Ziel war die Begegnung mit den Ausländern auf Augenhöhe.»

Während ihrer aktiven Zeit habe es «belastende Sachen» gegeben. Aber sie findet auch heute noch: «Man muss sich damit auseinandersetzen.» Hanni Knüsel ist «gegen Einbahnstrassen». Denn alle müssten Schritte aufeinander zu machen. «Man muss den Ausländern klar kommunizieren, was bei uns gilt», sagt sie. Bedingung sei allerdings, «dass me redet mitenand».

Folklorefest im Jahr 2003 mit dem Auftritt einer kroatischen Gruppe. (Archivbild: Mario Gaccioli)

Folklorefest im Jahr 2003 mit dem Auftritt einer kroatischen Gruppe. (Archivbild: Mario Gaccioli)

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