Lächeln und die Nummer nicht vergessen

Model-Mama Heidi Klum hätte ihre Freude an Noemi Nagy gehabt. Während die Boxer vor dem nächsten Schlag ausruhen, hat die zierliche 27-Jährige ihren Auftritt vor knapp 400 Zuschauern. Sie stolziert durch den Boxring, posiert, lächelt und dreht sich zum Schluss neckisch im Kreis.

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Nummerngirl Angela Bolliger (Bild: Donato Caspari)

Nummerngirl Angela Bolliger (Bild: Donato Caspari)

Model-Mama Heidi Klum hätte ihre Freude an Noemi Nagy gehabt. Während die Boxer vor dem nächsten Schlag ausruhen, hat die zierliche 27-Jährige ihren Auftritt vor knapp 400 Zuschauern. Sie stolziert durch den Boxring, posiert, lächelt und dreht sich zum Schluss neckisch im Kreis. Das alles dauert keine Minute. Dass sie schon seit Stunden auf ihren Auftritt wartet, hat niemand gemerkt.

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16.30 Uhr: In der Eishalle Oberthurgau in Romanshorn stehen weisse Gartenstühle. Zwei Männer sind damit beschäftigt, die Platznummern auf Post-it-Zettel zu schreiben. Plötzlich hält einer inne. «Ich muss da jetzt zuschauen.» Es sind die sieben Frauen vom «Dance Project», die ihn ablenken. Im Boxring gehen sie unter der Leitung von Choreographin und Teamleiterin Geneviève Schüepp die Schritte für ihren Auftritt durch. Zwei von ihnen haben statt Lockenwickler Alufolie in die Haare gedreht. Für den Mann sehen sie aus «wie Ausserirdische». Er lacht und wendet sich wieder den Stühlen zu. Etwas abseits sitzen Noemi Nagy und Angela Bolliger. Beide haben die Haare hochgesteckt. An Noemi Nagys Ohren baumeln knallpinke Ohrringe. Sie gehören auch zum Team, tanzen jedoch nur den ersten Showblock mit. Beide hatten während der Wochen vor dem Auftritt viel um die Ohren. Die Psychologiestudentin Noemi Nagy schreibt an ihrer Masterarbeit und übersetzt bei Polizeibefragungen ins Ungarische und Englische. Bei der medizinischen Praxisassistentin Angela Bolliger war es der Weisheitszahn, der notfallmässig gezogen werden musste. So kamen sie zu ihren Rollen als Nummerngirls. «Es ist super. Man kann nicht viel falsch machen», sagt Noemi Nagy. Man müsse nur lächeln und die Nummer nicht vergessen.

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17.30 Uhr: In der Umkleidekabine herrscht Hochbetrieb. Puder wird aufgetragen, Lidschatten und Mascara. Die Tänzerinnen schminken sich vor kleinen Handspiegeln Smokey Eyes. Kleider werden verteilt. Wer will die silbrigen, wer die schwarzen Leggins? «Die silbrigen machen dickere Beine», sagt eine. Auf dem Tisch liegen die Nummerntafeln – daneben Schokolade und Farmerstengel. Noemi Nagy steht in der Ecke und hält eine Krawatte in der Hand: «Weiss jemand, wie man sie bindet? Sonst muss ich ein YouTube-Video laden.» Angela Bolliger hilft ihr.

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18.30 Uhr: Poulet oder Schweinefleisch? Vor ihrem Auftritt essen die Tänzerinnen – in ihren normalen Kleidern – Schnitzelbrot. Das Tischgespräch dreht sich um alles, nur nicht um den nahenden Auftritt.

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19.30 Uhr: Kurz vor dem Auftritt gibt Rainer Schalch, OK-Chef der Boxnight und Geschäftsführer vom EZO, den Nummerngirls die letzten Anweisungen. «Wenn der Moderator anfängt zu sprechen, nimmst du die Tafel, gehst in den Boxring und läufst eine Runde», sagt Schalch. «Da oben kannst du machen, was du willst.»

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Showtime: Bei Noemi Nagys Auftritt läuft «We will rock you». Als sie aus dem Ring zurückkommt, strahlt sie. Je öfter die Girls in den Ring steigen, desto gewagter werden die Posen. «Ein Rädli oder ein Salto geht aber nicht. Wo soll man dann mit der Tafel hin?», sagt die 31jährige Angela Bolliger. Zwischen den Auftritten verstreicht viel Zeit. Beim Boxen zuschauen können die wenigsten Tänzerinnen. «Das ist so brutal», sagt eine.

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23.30 Uhr: Nach dem zweiten Showblock sind die Tänzerinnen erleichtert. Umziehen oder anstossen? Anstossen! Mit einem Cüpli in der Hand besprechen sie, wer nun als Nummerngirl welche Pose hinlegt. «Wir übernehmen, damit Angela und Noemi nicht immer müssen», sagen sie. Die Frauen posieren und die Männer klatschen: Es ist schön, im Scheinwerferlicht zu stehen.

Raya Badraun

Nummerngirl Noemi Nagy (Bild: Donato Caspari)

Nummerngirl Noemi Nagy (Bild: Donato Caspari)