Streptomycin ohne Verschärfung

FRAUENFELD. 9 Tonnen Honig mussten letztes Jahr im Thurgau vernichtet werden, weil er mit Streptomycin belastet war. Trotz der Katastrophe für die Imker wird der Bund die Regeln für den Einsatz des Antibiotikums gegen Feuerbrand nicht verschärfen.

Christof Widmer
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Obstbauern dürfen das Antibiotikum Streptomycin auch diesen Frühling wieder in ihren Anlagen versprühen. (Archivbild: Susann Basler)

Obstbauern dürfen das Antibiotikum Streptomycin auch diesen Frühling wieder in ihren Anlagen versprühen. (Archivbild: Susann Basler)

Der Entscheid fällt zwar erst in der zweiten Monatshälfte. Doch schon heute ist klar, dass das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) auch für diesen Frühling das Antibiotikum Streptomycin zur Bekämpfung der Pflanzenkrankheit Feuerbrand freigeben wird. Damit sei zu rechnen, und zwar ohne verschärfte Auflagen, heisst es aus dem BLW.

Dies, obwohl der Streptomycin- Einsatz letztes Jahr für eine Reihe von Thurgauer Imkern in einer Katastrophe geendet hat. Ihre Bienen hatten zu viel vom Antibiotikum auf den Obstblüten eingesammelt. 9 Tonnen Honig mussten im Kanton vernichtet werden.

«Auflagen sind bereits streng»

Die Imker forderten damals weitere Einschränkungen des Streptomycin-Einsatzes. Dazu wird es nun nicht kommen. «Die Auflagen sind bereits sehr streng, und eine Zahl auf dem Papier bringt nicht viel», sagt BLW-Vizedirektorin Eva Reinhard. Wichtiger sei, die Obstbauern zu sensibilisieren. 2011 durfte das Mittel in derselben Anlage zweimal auf die Blüten gesprüht werden, und zwar nur zwischen 20 und 8 Uhr. Voraussetzung war, dass die Behörden das Mittel freigaben.

Ein reiner Automatismus sei die Bewilligung des Streptomycins nicht, sagt Reinhard. Das BLW ist sich der Probleme mit dem Streptomycin-Einsatz bewusst. Im Moment sei das Antibiotikum aber das wirksamste Mittel gegen den Feuerbrand, der in früheren Jahren grosse Schäden im Obstbau angerichtet hat.

Bienen hatten keine Wahl

Reinhard verweist zudem darauf, dass die Auflagen in den letzten Jahren laufend verschärft worden seien. «Trotzdem kam es 2011 völlig überraschend zu einem nie dagewesenen Anfall an kontaminiertem Honig.» Grund dafür seien die besonderen Wetterumstände gewesen. Die Bienen hatten demnach keine Alternative zu Obstblüten. Just, als die Obstbauern Streptomycin sprühten, blühte kein Löwenzahn mehr. Dazu kommt, dass die Tafelobstanlagen nirgends so dicht stehen wie im Thurgau.

Der sich abzeichnende BLW-Entscheid ist ganz im Sinne des Kantons. «Wie das BLW sind wir der Meinung, dass eine weitere Verschärfung nicht im Vordergrund steht», sagt Markus Harder, Chef des Landwirtschaftsamts.

«Es war abzusehen, dass es so kommt», sagt René Stucki, Präsident des Thurgauer Bienenzüchterverbands. Er pocht auf die aus seiner Sicht wichtigste Regel, die schon bisher galt: Jene, dass Obstbauern kein Streptomycin sprühen dürfen, während Bienen die Obstblüten befliegen – unabhängig von allen Zeitangaben in den Auflagen. Diese Regel ist aus Stuckis Sicht praktikabler als weitere zeitliche Einschränkungen, die kaum alle Eventualitäten berücksichtigen könnten. Im Frühling 2011 sei es vorgekommen, dass Bienen schon um 7 Uhr oder bis um 21 Uhr geflogen seien, sagt Stucki.

Imker appellieren

Die Obstbauern müssten allerdings auch wirklich auf den Bienenflug achten, fordert Stucki. Das bedinge, dass einer während des Sprühens auch einmal vom Traktor steige, um nach Bienen Ausschau zu halten.

Damit rennt Stucki beim Thurgauer Obstbauernverband offene Türen ein. Der Verband werde seine Mitglieder auf diesen Punkt speziell hinweisen, sagt Präsident Edwin Huber. Zu verhindern, dass Honig belastet wird, sei wegen der Entschädigungszahlung auch im eigenen Interesse (siehe Kasten). Auch das Landwirtschaftsamt wird laut Harder mit Nachdruck auf diese Vorschrift hinweisen.

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