VORWÜRFE AN STAATSANWALT: Tierschützer zum Fall Connyland: «Befremdend», «dicke Post»

LIPPERSWIL. Die Vorwürfe der Befangenheit gegen Staatsanwalt Patrick Müller im Fall Connyland werfen Wellen. Tierschützer sind befremdet. Ocean Care fordert sogar, dass ein eingestelltes Verfahren gegen das Connyland neu aufgerollt wird.

Daniel Walt
Drucken
Teilen
Spielende Delphine im Connyland - aktuell gibt es nach zwei Todesfällen nur noch drei Tiere dort. (Bild: Archiv/Susann Basler)

Spielende Delphine im Connyland - aktuell gibt es nach zwei Todesfällen nur noch drei Tiere dort. (Bild: Archiv/Susann Basler)

«Es ist unhaltbar, wenn ein Staatsanwalt eine angeschuldigte Organisation berät, wie sie Tierschützer mundtot machen kann.» Das sagt Sigrid Lüber, Präsidentin der Tierschutzorganisation Ocean Care. Sie bezieht sich auf einen Bericht der SF-Sendung «10 vor 10» vom Mittwoch. Diese nahm Staatsanwalt Patrick Müller unter Beschuss. Er war einer Anzeige von Ocean Care und der Stiftung Tier im Recht gegen das Connyland wegen Tierquälerei nachgegangen und ist auch in die Ermittlungen um die jüngsten Ereignisse im Freizeitpark involviert (unsere Zeitung von gestern).

«Man sagt nicht jedem du»
Auf drei Argumente stützt SF den Vorwurf der Befangenheit. So ist Patrick Müller Präsident eines Kreuzlinger Sportvereins, der sich vom Connyland sponsern lässt. Sigrid Lüber zur Replik der Staatsanwaltschaft, das Connyland sei nur einer von vielen kleineren Sponsoren des Vereins: «Die Höhe des Beitrags spielt doch keine Rolle.» Sie findet es zudem befremdend, dass Müller – so der zweite Vorwurf – mit zumindest zwei Personen des Connylands per du ist: mit Pressesprecher Erich Brandenberger und, wie aus einem Mail hervorgeht, einem gewissen «Roby», mutmasslich Roby Gasser von der Betreiberfamilie. Sie hat zwar keine Indizien für weiter gehende private Kontakte von Müller und den beiden Connyland-Vertretern. «Aber man sagt nicht jedem du. Aus meiner Sicht macht man das nur bei Leuten, mit denen man auch mal privat zusammensitzt», hält sie fest.

Ominöses Mail ans Connyland
Der dritte Punkt, den «10 vor 10» Staatsanwalt Patrick Müller vorwirft, ist jenes Mail, das er am vergangenen 22. Juli ans Connyland schickte. Darin wirft er die Frage auf, ob man gerichtlich verbieten lassen könnte, von Tierquälerei im Connyland zu sprechen – «weil eine solche nachweislich nicht vorliegt», wie er schreibt. Sigrid Lüber ist auch deshalb befremdet vom Mail, weil das von Ocean Care angestrengte Verfahren gegen das Connyland damals noch nicht eingestellt war: «Unsere Wissenschafterin wurde erst Anfang August befragt, die Einstellung erfolgte vor wenigen Tagen», so Lüber.

Hauptzeugen nicht befragt
Bereits während der Untersuchung fand Ocean Care laut Sigrid Lüber, dass die Staatsanwaltschaft nicht objektiv ermittle. «Wir nannten fünf Leute als Hauptzeugen – sie wurden nie befragt», erläutert sie. Einen Protest gegen Patrick Müller deponierten die Tierschützer allerdings nicht – «uns fehlte die juristische Handhabe». Nach den neuesten Erkenntnissen – Lüber nennt sie «dicke Post» – will Ocean Care nun aktiv werden: «Wir werden von der Staatsanwaltschaft fordern, dass das Verfahren neu aufgerollt wird», sagt sie. Mit einigem Interesse dürfte sie auch Kenntnis von der Existenz mehrerer Kurzvideos auf Patrick Müllers Facebook-Page nehmen: Sie zeigen Müller und Bekannte am Connyland-Becken im Kontakt mit Delphinen. Eine Sonderbehandlung? Müller winkt ab: «Das war keine Privatführung, sondern ein normaler Besuch – wir zahlten Eintritt wie alle anderen.» Jeder könne so nah zu den Tieren, wenn er frage.

«Zeigte sich kooperativ»
Auch Jürgen Ortmüller, Geschäftsführer des Wal- und Delfinschutz-Forums (WDSF), hat den TV-Bericht gesehen. Er geht davon aus, dass es in Patrick Müllers Mail ans Connyland um die Vorwürfe wegen Tierquälerei ging, die seine Organisation und ProWal an den Freizeitpark richteten. «Am 28. Juli nämlich, wenige Tage nach Müllers Mail, erwirkte das Connyland eine superprovisorische Verfügung, dass wir den Vorwurf der Tierquälerei nicht mehr äussern dürften.» Nach dem Tod des zweiten Delphins habe Müller den deutschen Tierschützern zwar zugesichert, sie würden Einblick in die Autopsieberichte nehmen können. Die generelle Rolle von Staatsanwalt Müller findet Ortmüller nach Sichtung des TV-Beitrags allerdings «bedenklich».

Neu ermittelt eine Frau

Wer ist neu für die Untersuchung zum Tod der beiden Delphine verantwortlich, nachdem Patrick Müller nur noch zu den anonymen Drohungen gegen das Connyland ermittelt? Laut Informationen unserer Zeitung handelt es sich um Staatsanwältin Michèle Bemsel – die Staatsanwaltschaft hatte den Namen nicht bekanntgeben wollen, als die Rochade publik wurde. Von offizieller Seite waren gestern keine Auskünfte zum Fall erhältlich: Michèle Bemsel, der Leitende Staatsanwalt Hans-Ruedi Graf und Oberstaatsanwalt Andreas Zuber waren nicht erreichbar. So ist derzeit auch offen, ob der «10 vor 10»-Beitrag zu einem Neuaufrollen der Vorwürfe der Organisation Ocean Care gegen das Connyland führen könnte. Am Mittwochnachmittag, nach der Vorabmeldung des Schweizer Fernsehens, hatte Andreas Zuber ein Neuaufrollen des Falls abgelehnt. Zum einen sei die Einstellungsverfügung aufgrund eines Expertengutachtens erfolgt – «der Staatsanwalt hat in solchen Fällen keine Einflussmöglichkeiten», so Zuber. Zum andern sei die Einstellungsverfügung von seinem Stellvertreter geprüft und gegengezeichnet worden. Dass die von Ocean Care aufgeführten Zeugen nicht angehört wurden, hat laut Zuber mit der bereits detaillierten Anzeige zu tun: «Bei Befragungen wäre nichts Neues dazugekommen.» (dwa)


Aktuelle Nachrichten