Wenn Fachleute überfordert sind

ST.GALLEN. Menschen mit Behinderung überfordern oft das Personal in psychiatrischen Kliniken. Die St.Galler Psychiatrieverbunde und der Branchenverband Insos wollen das ändern. Mit einem Projekt soll das heilpädagogische Know-how des Personals verbessert werden.

Aline Bavier
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«Menschen mit einer Behinderung sind in einer viel schwierigeren Situation als andere Menschen, wenn sie in einer krisenhaften Lebensphase sind oder in eine akute Krise kommen», sagt Peter Hüberli. Er ist Präsident von Insos St.Gallen-Appenzell-Innerrhoden, der Ostschweizer Sektion des nationalen Branchenverbands der Institutionen für Menschen mit Behinderung.

Die Patienten überfordern

Zusammen mit den St.Galler Psychiatrieverbunden lanciert Insos das Projekt «Psychiatrische Behandlungen von Menschen mit einer Behinderung im Kanton St.Gallen». «Die Kommunikation mit Patienten mit einer Behinderung kann sehr schwierig sein. Nur wenn man sie genau kennt, weiss man, was sie wollen», sagte Karlheinz Pracher, Leiter des Psychiatriezentrums Rheintal-Linthgebiet. Diese Patienten würden nicht nur das Personal in ihren Einrichtungen und die Angehörigen überfordern, sondern insbesondere auch das Personal in psychiatrischen Kliniken, dem es an heilpädagogischem Know-how fehle.

Problematische Diagnose

Hans Peter Hug, Leiter Pflege der Psychiatrischen Klinik Wil, ergänzt: Wegen der erschwerten Kommunikation und der erhöhten Verletzbarkeit seien behinderte Menschen in Krisen oft verhaltensauffällig. Und weil die Verhaltensauffälligkeit schwierig zu interpretieren sei, sei auch die Diagnose problematisch. Mit dem Projekt soll deshalb vor allem Diagnose, Behandlung und Nachbetreuung verbessert werden. Ein weiteres Anliegen ist es, stationäre Aufenthalte zu reduzieren oder sogar zu verhindern. «Eine durchschnittliche stationäre Behandlung dauert 35 bis 40 Tage. Danach wollen wir unsere Patienten so schnell wie möglich in ihr gewohntes Umfeld entlassen», sagt Pracher. Eine heilpädagogisch-psychiatrische Begleitung könne nur in einem begrenzten Rahmen zur Verfügung gestellt werden.

Umfeld mit einbeziehen

Laut Pracher weiss man, dass der Einbezug der Familie für eine erfolgreiche Behandlung hilfreich ist. «Die Angehörigen wollen aber nicht nur informiert, sie wollen immer öfter auch in die Behandlung mit einbezogen werden», sagt Pracher. Diesem Aspekt soll ebenfalls Rechnung getragen werden.