«Tests müssen überprüft werden»

Senioren der FDP Thurgau kritisieren die kontinuierlichen Eignungsprüfungen von Fahrzeuglenkern über 70 Jahren. Max Dössegger sagt, Bundesbern müsse die Wirksamkeit der 40jährigen Praxis endlich prüfen.

Silvan Meile
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Max Dössegger Vorstand Thurgau FDP Top60, ehem. Kantonsarzt, 68 Jahre alt. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Max Dössegger Vorstand Thurgau FDP Top60, ehem. Kantonsarzt, 68 Jahre alt. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Herr Dössegger, Sie kritisieren die Untersuchung der Fahreignung von Fahrzeuglenkern über 70 Jahren. Was ist falsch daran?

Max Dössegger: Ich bin überzeugt, diese Untersuchung der Fahreignung bringt's nicht. Ich habe sie selber als langjähriger Hausarzt unzählige Male durchgeführt. Dabei wird unter anderem die Sehfähigkeit und das Gehör getestet. Das sind aber nicht die wichtigsten Kriterien, ein Fahrzeug sicher zu lenken.

Was sind die wichtigsten Kriterien?

Dössegger: Die Fähigkeit, sich im Strassenverkehr sicher zu bewegen. Wie fährt jemand in einen Kreisel? Wie reagiert ein Lenker auf konkrete Verkehrssituationen. Wird der Rechtsvortritt beachtet? Entsprechende Probleme würde hingegen ein Fahrlehrer erkennen. Auch kann mit dem herkömmlichen Test etwa eine beginnende Demenz nicht sicher erkannt werden.

Sie haben mit der Thurgauer FDP-Projektgruppe «Top60» ein Positionspapier ausgearbeitet, in dem sie die heutige Praxis der Fahreignungsabklärung hinterfragen. Diese werde von vielen älteren Verkehrsteilnehmern als diskriminierend und sinnlos wahrgenommen.

Dössegger: Die heutige Lösung, bei der sich Personen ab 70 Jahren alle zwei Jahre einem Test unterziehen müssen, gilt bereits seit 40 Jahren. Ihre Wirksamkeit wurde aber nie hinterfragt, geschweige denn evaluiert. Nie ist sie einer wissenschaftlichen Prüfung unterzogen worden. Uns liegt die Verkehrssicherheit am Herzen. Das nun von SVP-Nationalrat Lukas Reimann angestossene Bestreben, die Altersgrenze für diese Tests von 70 auf 75 Jahre zu erhöhen, erachten wir als guten Anlass, um auch zu prüfen, ob dieses Verfahren wirklich das richtige ist.

Was geschieht nun mit Ihrem Positionspapier?

Dössegger: Wir haben dieses mit einem Begleitbrief an sämtliche Bundesparlamentarier geschickt. Wir hoffen, sie machen sich Gedanken dazu, schauen sich das Problem genau an. Wünschenswert wäre schliesslich eine Evaluation der heutigen Fahreignungsabklärungen.

Was wäre denn Ihrer Meinung nach das richtige Vorgehen, um die Fahrtüchtigkeit älterer Verkehrsteilnehmer möglichst wirkungsvoll überprüfen zu können?

Dössegger: Eine Patentlösung haben wir nicht. Ich persönlich finde, Verwandte, Nachbarn oder Ärzte sollten mehr in die Pflicht genommen werden, Personen zu melden, bei denen auffällt, dass sie Probleme beim Fahren haben, statt einfach ein Alter festzulegen, bei dem alle zum Test aufgeboten werden.

Aber den Nachbarn, mit dem ich ein gutes Verhältnis pflege, schwärze ich doch nicht an?

Dössegger: Die Melder bleiben anonym. Man darf nicht vergessen: In Österreich, Deutschland und Frankreich werden keine obligatorischen verkehrsmedizinischen Untersuche durchgeführt. In diesen Ländern werden nicht mehr Unfälle von Senioren als in der Schweiz festgestellt. Die meisten Unfälle machen immer noch die Jungen. Gleichzeitig gibt es aber auch Personen, die bereits mit 50 Jahren nicht mehr fahren können. Wir regen deshalb in Bundesbern an: Schaut auch diese Problematik an. Wie die Lösung aussehen soll, dafür sind wir offen.