MAMMERN: Tierschutz beschuldigt Uni Konstanz der Tierquälerei

Schweizer Tierschützer haben eine völlig erschöpfte und orientierungslose Taube in Mammern aufgefunden. Mit Peilsender und Plastikhelm versehen, soll sie Teil eines tierquälerischen Experiments der Universität Konstanz gewesen sein.

Alexandra Pavlovic
Drucken
Teilen
Die gefundene Taube wehrte sich beim Einfangen nicht und verharrte unbeweglich am Boden. (Bild: zvg)

Die gefundene Taube wehrte sich beim Einfangen nicht und verharrte unbeweglich am Boden. (Bild: zvg)

MAMMERN. Der Anblick der gefundenen Taube vom 2. September in Mammern war für Heinz Lienhard, Präsidenten des Schweizer Tierschutzes STS, ein Schock. Auf einen Blindflug geschickt, wurden dem Vogel auf dem Kopf ein Plastikhelm mit Schnüren fixiert. "Der Helm war so angebracht, dass dem Tier komplett die Sicht genommen wurde und auch die oberen Atemwege zum Teil verdeckt waren." Die Taube musste demnach blind fliegen und konnte nicht ausreichend Sauerstoff aufnehmen.

Durch den Helm wurde auch der Geruchssinn, der für die Orientierung beim Fliegen wichtige sei, eingeschränkt. Damit nicht genug: In die Nase wurde ein Lokalanästhetikum eingeführt. "Dies dürfte zum gänzlichen Verlust des Geruchssinns bei der Taube geführt haben." Für Lienhard steht ausser Frage, dass dem Vogel tierquälerische Manipulationen zugefügt wurden.

Klettband direkt auf Haut geklebt
Zusätzlich zum Helm wurde der Taube ein Sender mit doppelseitigem Klebeband am Rücken angebracht. Julia Fitzi, Tierärztin und Leiterin der STS-Fachstelle Tierversuche, beurteilt die Befunde und gravierenden Verletzungen der Taube als wenig fachgerecht. "Hier wurde sehr unprofessionell gearbeitet", sagt sie. Das Klebeband wurde mit Gewebekleber grossflächig auf die Haut geklebt. Jegliche Versuche den Kleber zu lösen seien gescheitert. "Das Tier hat nun für sein Lebensende ein Stück Klebeband auf der Haut."

Was am Klebeband zusätzlich verheerend sei, sei die Tatsache, dass daran ein viel zu schwerer Peilsender angebracht war. Zusammen mit dem Eigengewicht der übergewichtigen Taube, war vorauszusehen, dass sie nur für eine relativ kurze Flugstrecke Energie zur Verfügung gehabt hatte, so Fitzi. Auf dem Peilsender stand gut ersichtlich die Adresse der Universität Konstanz.

Taube in den Tod geschickt
Gemäss der Tierärztin wurde die Taube in den Tod geschickt. "Es war reine Glückssache, dass das Tier gefunden wurde", sagt sie. Die Luftlinie von Konstanz nach Mammern beträge lediglich 19 Kilometer, was für eine Taube unter normalen Umständen keine Distanz sei. "Doch in einem solchen Zustand wäre das Tier vorher in den Bodensee gestürzt und dann qualvoll ertrunken." Für Heinz Lienhard und Julika Fitzi liegen deutliche Hinweise auf fahrlässiges Handeln der Universität Konstanz vor. "Leid, Angst, Schmerz und der mögliche Tod des Tieres wurden billigend in Kauf genommen. Das alles für einen höchstwahrscheinlich mehr als zweifelhaften Erkenntnisgewinn", sagt Lienhard.

«Alle haben versagt»
Laut dem Schweizer Tierschutz STS sollte das Freiflug-Experiment die Theorie bestätigen, wonach sich Tauben allein anhand magnetischer Erdstrahlen orientieren können. "Ein Experiment in dieser Ausführung wäre in der Schweiz vermutlich nie bewilligt worden", sagt Julika Fitzi.

Jeder Tierversuch muss von den Behörden bewilligt werden - in der Schweiz von der Veterinärbehörde. Auf deutschem Boden sei es grundsätzlich nicht anders. Landesregierungen bewilligen, Veterinärämter habe eine Aufsichtspflicht und die Tierversuchskommissionen beraten, weiss die Tierärztin. Laut Fitzi gibt es aber noch eine weitere Instanz, die ein Auge auf Tierversuche hat: Es sind dies die Tierschutzbeauftragten. Diese würden zu jedem Gesuch eine unabhängige Einschätzung der zu erwartenden Belastung abgeben. Für die eigentliche Versuchsdurchführung sei dann der Versuchsleiter des Instituts verantwortlich. "Meiner Meinung nach haben hier alle versagt", sagt Fitzi.

Um Tierversuche überhaupt durchführen zu können, braucht es nicht nur die Bewilligung der Behörden, sondern auch sogenannte Abbruchkriterien. Darin legt der Versuchsleiter laut Fitzi die maximale Belastung für das Tier fest. "Ist eine Versuchsreihe human nicht mehr zulässig, muss das Tier jederzeit von seinem Leiden erlöst werden können." Dies sei bei diesem Experiment gar nicht möglich gewesen.

Das Freiflug-Experiment der Universität Konstanz diene demnach keinem Zweck. Denn: "Die Ergebnisse müssen ja irgendwie zurückverfolgt werden können und das ist bei der Taube nicht der Fall." Da dem Vogel sämtliche Sinnesorgane manipuliert wurden, hätte das Tier nie im Leben zur Uni zurück finden können. "Man kann höchstens die Flugdistanz mit dem Sender ermitteln. Was im Gehirn in Bezug auf den Orientierungssinn des Tieres vorgeht, ist aber nicht mehr zu eruieren. Dazu bräuchte es Hirnscans oder andere Messmethoden", erklärt Fitzi weiter.

Rückgabe des Tieres abgelehnt
Was an den Beschuldigungen dran ist und für welche Versuchsreihe die Taube konkret eingesetzt wurde, ist noch unklar. Die Universität Konstanz war auf mehrfache Nachfrage nicht erreichbar.

In einem Schreiben an die zuständige Institutsleitung der Universität Konstanz hat der Tierschutz nun seinen Protest zum Ausdruck gebracht. Die Taube wird weiterhin in einer Wildvogelpflegestation betreut und gepflegt. "Die Rückgabe des gequälten Tieres an die für den Versuch Verantwortlichen lehnen wir ab", sagt Tierschutz-Präsident Heinz Lienhard.

Aktuelle Nachrichten