«Sonst kommst Du nie mehr raus»

Psychiatrische Klinik Münsterlingen: In den 1970er-Jahren wurden auch Männer zwangssterilisiert, Elektroschocks und namenlose Medikamente verabreicht sowie der Tod von Patienten in Kauf genommen. Ein Pfleger berichtet.

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Leben in der Psychiatrischen Klinik: Die Bilder entstanden in den 70er-Jahren im sogenannten Hinterhaus in Münsterlingen. (Archivbild: Helio Hickl)

Leben in der Psychiatrischen Klinik: Die Bilder entstanden in den 70er-Jahren im sogenannten Hinterhaus in Münsterlingen. (Archivbild: Helio Hickl)

Von 1972 bis 75 machte C. P. eine Lehre als Psychiatriepfleger in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Zweieinhalb Jahre verbrachte er in der Männerabteilung, später wechselte er als erster Mann in die Frauenabteilung. In einem Restaurant an seinem Thurgauer Wohnort erzählt er uns von seinen Erlebnissen:

«Die Männerabteilung bestand damals aus drei Abteilungen. Das K war eine ruhige Abteilung. Dann hatten wir das U, die «Männeraufnahme Unruhig». Dort waren solche, die ausgeflippt sind oder in der Nacht von der Polizei gebracht wurden. Im Hinterhaus war die Abteilung, in der die längeren Pflegefälle untergebracht waren. Etwa debile Menschen und Schizophrene. Oder auch Leute, die von der Polizei zur Begutachtung geschickt worden sind.

Es gab Schlafsäle und Einzelzimmer. In diesen war praktisch nichts drin, ausser einer Matratze und einem WC. Mit viel Glück hatte man ein Lavabo.

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Zu meiner Zeit wurde das Medikament «34276» der Ciba AG getestet. Wir mussten das Medikament mit Handschuhen richten um es dann den Patienten zu geben. Diese haben es mit der Hand genommen. Sie bekamen dadurch offene Hände, Blutungen, fast wie Verätzungen. Nach der Einnahme waren die Patienten aggressiv, neben den Schuhen. Es hatte brutale Nebenwirkungen, psychische und physische. Wenn es so aggressiv ist, das es die Haut angreift, dann kann ich mir ungefähr vorstellen, wie das im Innern, im Verdauungstrakt, funktioniert hat.

Das Medikament wurde über Monate angewendet. Wir haben uns dann beschwert, weil es so unruhig war in der Abteilung. «Weitergeben und die Dosis erhöhen», sagten sie. Das war unglaublich. Irgendwann wurde es dann durch ein anderes Medikament ersetzt. Es war nicht das einzige Medikament mit einer Nummer, das wir gegeben haben.

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Wenn die Patienten nicht wollten, hat man sie gezwungen, die Medikamente zu nehmen. Da wurde auch mit Gewalt gearbeitet. Also Maul auf und hinein mit dem Zeug. In Münsterlingen gab es ältere Pfleger, die mit einem Döschen Beruhigungsmittel umhergelaufen sind. Wenn einer laut war, hiess es: «Hier ist noch ein Sugus.» Die Dosis wurde nach persönlichem Empfinden verabreicht. So war immer Ruhe.

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Es gab Zwangssterilisationen bei stark Drogenabhängigen und zum Teil auch bei Alkoholikern. Die kamen mit Begleitung ins Kantonsspital, wo sie operiert wurden. Das ist keine grosse Sache, nur ein Schnittchen. Eine Einwilligung wurde bei diesen Männern nicht eingeholt. Man hat sie dazu verdonnert: «Jetzt wird das gemacht, und sonst kommst Du nie mehr raus.» Klar haben sie sich gewehrt. Das waren meist junge Leute, die sich nicht einfach ihre Zukunft und eine Familienbildung nehmen lassen wollten. In den zweieinhalb Jahren, die ich in der Männerabteilung verbracht habe, hörte ich von sieben bis acht Fällen. Einmal musste ich als Begleitperson mitgehen, aber die Operation habe ich nicht gesehen.

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Ich arbeitete auch im U, in der Aufnahme «Unruhig». In der Nacht rief einer aus, als er von der Polizei gebracht wurde. Er wusste nicht, warum er da ist. Ich habe dann die Polizei gefragt. Der Mann muss eine oder zwei Flaschen Wodka getrunken haben und ging dann mit der Axt auf die Mutter los. Wir bekamen ihn einfach nicht ruhig. Dann hat Klinikdirektor Roland Kuhn angerufen und gefragt, was los sei. «Ich muss jetzt schlafen», sagte Kuhn: «Gebt Leponex, die doppelte Dosis. Dann ist Ruhe.»

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Wir hatten einen Patienten aus Kreuzlingen. Er wurde überfahren und hatte eine Hirnquetschung. Er lag eineinhalb Jahre im Koma. Seine Frau kam praktisch jeden Tag vorbei. Dann bekam er ein Aneurysma an der Leiste. Das ist eine sackartige Ausstülpung der Blutbahn, die sehr dünnwandig ist. Er lag auf der Pflegeabteilung, als ich Nachtwache hatte. Plötzlich hörte ich etwas und ging nachschauen. Das Aneurysma war geplatzt. Sie können sich vorstellen, wie das geblutet hat. Ich rief den Notarzt, der nicht da war, wie meistens, wenn man ihn gebraucht hätte. Also nähte ich die Wunde zu. Am nächsten Tag kam er dann und fragte, welcher Doktor das gemacht habe. «Das war Doktor P.», sagte ich. «Das dürfen Sie gar nicht, warum machen Sie so etwas?» Ich sagte: «Hier geht es um Leben und Tod.»

Drei, vier Wochen später hatte dieser Patient eine Lungenentzündung. Ich hatte Nachtwache, als Roland Kuhn anrief. Er sagte: «Patient Sowieso, Medikament Stop, Antibiotika Stop, Infusion Stop und gut lüften.» Es war Winter. Ich habe das dann nicht gemacht. Der Pfleger, der in der Nacht nach mir Wache hatte, machte es. Der Mann starb. Der Grund waren zu wenig Betten.

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Es gab zwei Arten von Schlüsseln. Einen normalen Schlüssel und einen Doppelschlüssel. Der Doppelschlüssel ging bei allen Türen, also auch zur Kleiderkammer. Einen normalen Schlüssel hatten die Lernpfleger oder Aushilfen. So konnten diese nicht an den Medikamentenschrank und so weiter. Das war auch richtig so, dass man differenziert hat. Die Personen in der Abteilung Unruhig konnten aber nur alle zwei Wochen baden und die Wäsche wechseln. Sie müssen sich das vorstellen, nur alle zwei Wochen die Unterwäsche zu wechseln.

Irgendwie erwischte ich einen Doppelschlüssel und badete alle und kleidete sie neu ein. Daraufhin wurde ich zusammengeschissen. Man sagte mir, dass so etwas wahnsinnig viel Geld koste und das nicht gehe. Ich wurde fast fristlos entlassen deshalb. Uns wurde immer vermittelt, dass wir sparen müssen.

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Was den Patienten eindeutig gefehlt hat, waren Streicheleinheiten. Ich habe das in dem Moment gemerkt, als ich in der Abteilung U war. Da dürfen die Patienten manchmal in den Garten. Dieser ist wunderschön am See gelegen. Durch die Eisengitter schlich ein Kätzchen hinein. Die Patienten haben sich darum geprügelt, wer das Kätzchen streicheln durfte.

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Katatonen Personen hat man Elektroschocks gegeben. Diese Personen sind wie gelähmt. Durch die Schocks wollte man sie wieder aktivieren. Das ist wie ein künstlich erzeugter epileptischer Anfall. Den Patienten schüttelt es durch. Man muss ihn halten, sonst haut es ihm die Knochen aus den Gelenken raus.

Einer arbeitete in Kreuzlingen beim Abfallwesen und hatte bei der Arbeit einen Arm verloren. Man hat ihm dann den Arm so weit eingebunden, dass er dachte, er habe ihn noch. In diesem Zustand hat er noch geredet und Witze erzählt. Als er dann sah, dass der Arm ab war, sprach er kein Wort mehr. Das war auch so ein Fall, wo man Elektroschocks eingesetzt hat.

Man hat es auch zur Bestrafung gemacht und damit gedroht: «Wenn du weiter blöd tust, dann gibt es einen Elektroschock.» Dann haben sie gebibbert. Der Patient war dabei festgebunden. Man bekam zwei Elektroden auf die Brust. Das ist, als würden Sie ein Starkstromkabel anfassen. Daneben stand ein Doktor mit einem Wägelchen voller Medikamente. Falls es einen Herzstillstand gibt, dass er sofort spritzen kann. Es gab auch welche, die starben. Wenn die Patienten merkten, dass so etwas passiert, wehrten sie sich wie Tiere. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Jede Woche gab's zwei, drei Elektroschocks verabreicht.

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Im ersten Jahr der Ausbildung haben alle getrunken, weil man das Gesehene nicht verarbeiten konnte. Es ging einfach nicht. Man hat sich die Kappe gefüllt, damit man schlafen konnte. Ich wohnte über der Station K. Dort wurde man von A bis Z kontrolliert. Es kam oft vor, dass mein Zimmer von einem Oberpfleger durchsucht wurde. Das Verhältnis unter den Lernpflegern war jedoch super. Aber sobald das Gespräch auf die Arbeit fiel, war die Stimmung kaputt.»

Aufgezeichnet: Raya Badraun

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