FRAUENFELD: Revierkampf der Biber und Bauern

Vor fünfzig Jahren setzte der Bottighofer Anton Trösch die ersten Biber im Thurgau aus. Inzwischen sind vom Biber untergrabene Uferstrassen zum Politikum geworden. Eine Sonderausstellung des Thurgauer Naturmuseums ist der erfolgreichen Wiederansiedlung gewidmet.

Thomas Wunderlin
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Museumsdirektor Hannes Geisser präsentiert den Biber Haakon (Mitte), der 1966 in Bottighofen ausgesetzt wurde. (Bild: Andrea Stalder)

Museumsdirektor Hannes Geisser präsentiert den Biber Haakon (Mitte), der 1966 in Bottighofen ausgesetzt wurde. (Bild: Andrea Stalder)

FRAUENFELD. Als das Schweizer Fernsehen 1990 den Bottighofer Anton Trösch interviewte, zeigte sich dieser erfreut: «Schön, dass mer en wieder händ, dass e paar do sind.» Die Rede war vom Biber. Im Kanton Thurgau lebten da gerade zwanzig der schwimmenden Nagetiere, die um 1800 ausgerottet worden waren und für deren Wiederansiedlung Trösch gesorgt hatte.

2008 wurden dann schon 100 Biber im Thurgau gezählt. Eine «unglaubliche Dynamik» hatte eingesetzt, sagte Hannes Geisser, Direktor des Thurgauer Naturmuseums, bei der Präsentation einer Sonderausstellung zum 50-Jahr-Jubiläum der Wiederansiedlung. Bei der letzten Zählung 2014 wurden im Thurgau knapp 500 Biber gezählt. Kein Kanton hat mehr.

Der Biber frisst Maiskolben und Baumrinden und er untergräbt Dämme. In einem Fernsehbeitrag von 1983 ärgert sich der Frauenfelder Waldbesitzer Alfred Hilzinger über den tierischen Baumfäller. Die Reparatur einer abgesackten Strasse kann schnell 50 000 Franken kosten; der Eigentümer muss dafür selber aufkommen. Der Kanton Thurgau verlangt mit einer Standesinitiative, dass der Bund dafür zahlt. Der Regierungsrat wehrte sich wegen schlechter Erfolgsaussichten dagegen. Doch die vorberatende Kommission des Nationalrats hat im Mai die Annahme empfohlen.

Hilfe dank Gewässerräumen

Der Biber ist eine geschützte Tierart. Er darf nicht gejagt, seine Dämme nicht zerstört werden. Eine Aufhebung des Schutzes ist laut Geisser unwahrscheinlich. Denn seine Wiederansiedlung ist ein Symbol eines erfolgreichen Naturschutzes. Im Streit um Biberschäden sieht Geisser mittelfristig eine Entspannung durch die Gewässerräume, deren Schaffung der Bund 2014 beschlossen hat. In den nächsten 80 Jahren müssen die Schweizer Gewässer mehr Platz erhalten, damit sie ihre Dynamik besser entfalten können. Biber untergraben keine Dämme oder Strassen, die weiter als 20 Meter von einem Gewässer entfernt sind. Strassen werden längerfristig kaum mehr in Ufernähe verlaufen. Allerdings wehren sich Landwirte gegen den Verlust ihres Kulturlands.

Der Biberbestand nähert sich einer natürlichen Obergrenze, vermutet Geisser. Die Reviere sind allmählich besetzt. Der Bestand reguliert sich selber. Denn die Biber kämpfen um ihre Reviere. Die Bisswunden, die sie sich dabei zufügen, können zum Tod führen.

Am 12. November 1966 hatte Anton Trösch im Bottighofer Stichbach die ersten zwei Biber freigelassen. Von zwei Bundesämtern bekam er problemlos innert Tagen die notwendigen Bewilligungen. «Es hat niemanden interessiert», sagte Geisser. Heute sei eine Wiederansiedlung kaum noch denkbar, da ein Mentalitätswandel stattgefunden habe.

Das grösste Problem Tröschs war die Beschaffung der Tiere. Er verhandelte erfolglos mit französischen Stellen, um Biber aus dem südfranzösischen Gard zu bekommen. Auch in der DDR fragte er an. Schliesslich konnte er zwölf Tiere aus Norwegen beziehen. Bis 1969 wurden im Thurgau insgesamt 18 Tiere ausgesetzt. Nur die Ansiedlung am Nussbaumersee war erfolgreich. Aus ihnen entwickelte sich der heutige Bestand im Thurgau. Nicht erfolgreich waren die Aussetzungen in Salmsach und in Bottighofen. Zwischen 1956 und 1970 wurden auch in den Kantonen Genf, Waadt, Neuenburg und Aargau Biber angesiedelt. Schweizweit waren es 140 Stück. Daraus sind bis heute 2800 geworden.

Im Prättigau überfahren

In der Ausstellung gezeigt wird unter anderem Haakon, einer der beiden Biber, die in Bottighofen ausgesetzt wurden. Es gefiel ihm nicht dort, nicht zuletzt, weil sein Gefährte ebenfalls ein Männchen war. Darauf wurde er in der Schussen bei Ravensburg gesichtet, später im Überlingersee. Man brachte ihn wieder nach Bottighofen, wo es ihm immer noch nicht gefiel. Er schwamm den See und Rhein hinauf. In Grüsch im Prättigau wurde er überfahren. Das Bündner Naturmuseum präparierte Haakon zusammen mit einem von ihm angeknabberten Hag.