Nur die Wirtschaft kann es richten

Flüchtlinge brauchen einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt, sagt der Chefökonom der Denkfabrik Avenir Suisse. Die Mindestlöhne der Gesamtarbeitsverträge sollen für sie nicht gelten.

Thomas Wunderlin
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Patrik Schellenbauer, ein gebürtiger Oberthurgauer, spricht am TKB-Kommunalforum im Casino Frauenfeld. (Bild: Andrea Stalder)

Patrik Schellenbauer, ein gebürtiger Oberthurgauer, spricht am TKB-Kommunalforum im Casino Frauenfeld. (Bild: Andrea Stalder)

Patrik Schellenbauer tat, was Ökonomen öfters tun: Er präsentierte Diagramme. Besonders eindrücklich war der Vergleich der im Ausland geborenen Einwohner mit ihrem Anteil an der Erwerbsbevölkerung. In der Schweiz sind beide fast gleich gross. Das heisst: Fast alle Einwanderer finden Arbeit. Dabei ist heute mehr als ein Viertel der Einwohner der Schweiz im Ausland geboren worden. In Europa hat nur Luxemburg einen höheren Anteil. Auf Schellenbauers Diagramm fehlte allerdings der Vatikanstaat. In den meisten andern europäischen Ländern ist ein grosser Teil der Zuzüger arbeitslos.

Mit den Diagrammen wollte Schellenbauer belegen, dass die Integration von Flüchtlingen nur über den Arbeitsmarkt funktionieren kann. In dieser Hinsicht läuft zu wenig, wie ein weiteres Diagramm zeigte. Demnach sind rund 80 Prozent der vorläufig aufgenommenen Flüchtlinge noch zehn Jahre nach ihrer Ankunft von Sozialhilfe abhängig. Bei den anerkannten Flüchtlingen sind es rund 50 Prozent.

Schellenbauer selber ist im Thurgau aufgewachsen wie wohl die meisten der rund 130 Zuhörer des Kommunalforums der Thurgauer Kantonalbank im Casino Frauenfeld. Die alljährliche Veranstaltung für Mitglieder von Gemeinde- und Schulbehörden widmete sich am Montag der Frage: «Neue Völkerwanderung – sind wir bereit?» Schellenbauer tendierte zu einem Ja. Im Hinblick auf den wahrscheinlich steigenden Zustrom von Flüchtlingen empfahl er, ihren Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt zu erleichtern. Vorläufig aufgenommene Asylbewerber sollten den niedergelassenen Ausländern gleichgestellt werden; der jüngste Vorschlag des Bundesrats gehe in die richtige Richtung.

Leicht steigende Nachfrage nach Tiefqualifizierten

Brisant ist Schellenbauers Forderung, Flüchtlinge sollten von den Mindestlöhnen der Gesamtarbeitsverträge ausgenommen werden. Er begründete sie mit der zu erwartenden leicht steigenden Nachfrage nach Personal mit tiefen Qualifikationen. Der Schweizer Arbeitsmarkt könne jährlich ungefähr 9100 zusätzliche Tiefqualifizierte aufnehmen, davon 350 im Thurgau.

Dass die Flüchtlinge die stark steigende Nachfrage nach Fachleuten decken, ist weniger zu erwarten. Dem stehen die fehlenden formalen Abschlüsse und Qualifikationen entgegen, auch die unterschiedliche Sprache und Kultur. Schellenbauer unterstützte eine Attestlehre für Flüchtlinge. Sie dürfe nicht nur ein Jahr dauern, wie vom Bund vorgeschlagen. Die Betriebe könnten erst ab dem dritten Jahr von den Lehrlingen profitieren. Auch die Berufslehre funktioniere in der Schweiz ja, «weil sie rentiert». Da die gesellschaftliche Integration relativ gut funktioniert, sei die Akzeptanz der Flüchtlinge in der Schweizer Bevölkerung weiterhin relativ hoch. Das bestätigten auch die Thurgauer SP-Regierungsrätin Cornelia Komposch und Markus Mader, Präsident des Schweizerischen Roten Kreuzes. Komposch erwähnte die neue Asylunterkunft in Steckborn als gutes Beispiel: «Die Bevölkerung macht mit, weil sie von der Behörde gut ins Boot geholt worden ist.» Falls der Zustrom von Flüchtlingen wieder ansteige, so gelte: «Wir sind bereit.» Es werde viel Freiwilligenarbeit geleistet. Die Solidarität dürfe aber nicht überspannt werden. Im Thurgau seien anerkannte Flüchtlinge häufiger sozialhilfeabhängig als vorläufig Aufgenommene.

Auch Mader will den Zugang der Flüchtlinge zum Arbeitsmarkt erleichtern. Wie Schellenbauer empfahl er, Flüchtlinge nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu sehen: «Wir brauchen sie.» Andreas Wirth, SVP-Kantonsrat und Frauenfelder Schulpräsident, wies darauf hin, dass der Thurgau schon dabei ist, eine Attestlehre einzuführen. Er pries die Integrationsleistung der Volksschule. In Frauenfeld spricht ein Drittel der Kindergärtler und Schulanfänger kaum Deutsch. Aber fast jeder Schulabgänger findet eine Lehrstelle oder wechselt zu einer weiterführenden Schule.