Mattia geniesst das Leben

Bald soll ein vorgeburtlicher Bluttest zur Früherkennung des Down-Syndroms auf den Markt kommen. «Das kanns nicht sein», dachten sich Letizia und Hans Villiger, als sie davon erfuhren. Ihr dritter Sohn Mattia kam mit Down-Syndrom auf die Welt. Missen wollen sie ihn keine Sekunde.

Gudrun Enders
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Das Nesthäkchen Mattia bringt seine Eltern Letizia und Hans Villiger oft zum Lachen. (Bild: Reto Martin)

Das Nesthäkchen Mattia bringt seine Eltern Letizia und Hans Villiger oft zum Lachen. (Bild: Reto Martin)

HÖRHAUSEN. Wenn Mattia Villiger den Tisch für fünf Personen deckt, dann fehlt es an gar nichts. «Wenn er will, kann er alles», wissen seine Eltern Hans und Letizia Villiger. Ihr 16jähriger Sohn kocht gut und isst gerne fein. «Am liebsten isst er auswärts», sagt sein Vater. Mattia geniesst das Leben, fährt gerne Kutsche, spielt Schlagzeug zur CD und unterhält mit träfen Sprüchen.

Abschied vom Normalen

Doch Mattia bereitete auch grosse Sorgen: Als Säugling kämpfte er ums Überleben, trocken wurde er mit 12 Jahren und wenn er spricht, versteht ihn selbst seine Familie nicht immer.

Als ihr dritter Sohn Mattia auf die Welt kam, bedeutete das für Ehepaar Villiger der Abschied von einer Norm. Denn Mattia wurde mit Down-Syndrom geboren. «Die Diagnose war wie ein Tsunami», sagt Hans Villiger. Seine Frau war damals 30 Jahre alt.

Recht auf Leben

Dennoch ist für Ehepaar Villiger klar, selbst wenn sie die Zeit 17 Jahre zurückdrehen könnten, würden sie den neuen vorgeburtlichen Test auf keinen Fall wahrnehmen: «Das ist im Zweifelsfall schon die Entscheidung für eine Abtreibung, denn der Druck ist dann sehr gross», sagt Letizia Villiger. Für sie steht ausser Frage: «Jedes Lebewesen hat ein Recht auf Leben.» Für ihren Mann geht der vermeintlich einfachere Bluttest in Richtung Katalog-Kind. «Menschen wie Mattia will man einfach nicht mehr. Die muss man bald unter Naturschutz stellen», sagt er.

Eine Bereicherung trotz allem

Auch ein befreundetes Ehepaar sieht das so. Matthias Gubler aus Märstetten ist ebenfalls Vater einer Tochter mit Down-Syndrom. Stolz zeigt er ihr Foto auf dem Handy. Danach kam noch ein drittes Kind – ohne Test. «Meine Frau sagte, das kommt nicht in Frage.»

Für beide Paare ist klar: Ihr Kind mit Down-Syndrom hat ihr Leben trotz aller Schwierigkeiten reich gemacht. Ein älterer Bruder von Mattia schloss seine Abschlussarbeit, die er über den Bruder mit Down-Syndrom verfasste: «Mattia zeigt uns, wie man das Leben lebt. Er spielt kein Theater, seine Gefühlswelt ist wie ein offenes Buch.» Mattia bringt seine Familie oft zum Lachen. «Er lehrt uns Geduld und den Anspruch an Leistung wegzulassen», sagt seine Mutter.

Dabei sein ist alles

Das wirkt nicht allein bei Familie Villiger. Auch bei seinem neuen Skilehrer etwa ging diesbezüglich der Knopf auf: «Er hatte das Gefühl, er müsste ihm viel beibringen», sagte Letizia Villiger. Doch bald war ihm klar, er begleitet Mattia auf der Skipiste.

Ähnlich verläuft der Musikunterricht oder die Sportstunde. Dabei sei ihr Sohn sehr stolz, solche Aktivitäten auszuüben – wie alle anderen auch. «Mattia will dazugehören», sagt seine Mutter. Dazuzugehören ist für ein Kind mit Down-Syndrom aber nicht so einfach.

Die Sache mit der Integration

Nachdem Mattia als Kleinkind zur Spielgruppe mit dem Bus nach Frauenfeld musste, durfte er zwei Jahre den regulären Kindergarten in Hörhausen besuchen. «An der Integration in die Primarschule sind wir gescheitert», sagt Letizia Villiger. Sie ist sich sicher, dass er dort durch Nachahmen viel gelernt hätte. «Denn Mattia ist ein sehr guter Beobachter.»

Doch mit der aktuellen Lösung ist Familie Villiger auch glücklich: Noch zwei Jahre besucht Mattia die heilpädagogische Schule in Frauenfeld. Eine Anschlusslösung könnte sich Ehepaar Villiger zum Beispiel gut bei der Stiftung andante in Steckborn vorstellen. Sie wollen, dass sich Mattia von ihnen abnabelt. «Und dass er einmal eine nette Frau findet. Er ist ja so liebebedürftig», sagt seine Mutter. Das ist etwas, was die dreifache Mutter besonders in der schwierigen Pubertät an Mattia geniesst: «Welcher Sohn käme in dem Alter noch zu seinen Eltern schmusen?»