Lehrplan 21: «Weniger ist mehr»

Die St. Galler Regierung begrüsst in ihrer Konsultationsantwort den neuen Lehrplan. Allerdings fordert sie eine inhaltliche Reduktion und stärkere Gewichtungen der Bereiche ICT und Medien sowie Berufliche Orientierung.

Marcel Elsener
Drucken
Teilen
Wie viel Kopfrechnen soll in der Primarschule sein? Auch dies eine Frage des künftigen Kompetenzunterrichts – ohne Überforderung. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Wie viel Kopfrechnen soll in der Primarschule sein? Auch dies eine Frage des künftigen Kompetenzunterrichts – ohne Überforderung. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

ST. GALLEN. Die Diskussion zum Entwurf des Lehrplans 21 ist weitherum in Fahrt gekommen – verständlich, denn bis zum nahenden Jahresende sollen die Kantone ihre Vernehmlassung abgeschlossen und eine Beurteilung zuhanden der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz eingereicht haben. Dies hat nun auch die St. Galler Regierung getan. Und ihre Stellungnahme ist im Grundton positiv, auch wenn sie sich der breit geäusserten Kritik des «Weniger ist mehr» anschliesst. Nicht mit diesen Worten, aber mit dem Hinweis, dass der grundsätzlich begrüssenswerte Lehrplan mit seiner Stossrichtung «Kompetenzorientierung» inhaltlich überprüft werden soll. Ein Lehrplan müsse «praktizierbare Anforderungen an die Volksschule definieren und dabei die Gesamtheit aller Schülerinnen und Schüler und die verfügbaren Zeitgefässe vor Augen halten», schreibt die Regierung. Sie erwarte deshalb, «dass der Entwurf in seiner Gesamtheit nochmals überprüft und angepasst wird».

ICT und Medien stärken

Als Grundlage für die St. Galler Konsultationsantwort diente die kantonsinterne Vernehmlassung, die «breites Echo» auslöste. Dabei seien beim Bildungsdepartement «zahlreiche konstruktive Beurteilungen» eingegangen – fachliche Einschätzungen von schulnahen Organisationen, den Sozialpartnern, den in Kantonsrat vertretenen Parteien sowie den Landeskirchen.

In ihrer Stellungnahme setzt sich die Regierung speziell für eine Stärkung der Bereiche ICT und Medien sowie der Beruflichen Orientierung ein. Diese sollen «aus dem überfachlichen Bereich gelöst und mit einem eigenen Zeitgefäss versehen werden», heisst es. Im Unterricht von Informatik und (Neuen) Medien – auf der Oberstufe seit Jahren ein eigenes Fach – gehört der Kanton St. Gallen zu den Pionieren in der Schweiz. «Was sich bewährt hat, wollen wir weiter pflegen», sagt Rolf Rimensberger, Leiter Amt für Volksschule. Überhaupt müsse St. Gallen «nicht bei Adam und Eva anfangen», sondern verfüge seit 1997 taugliche Instrumente im Hinblick auf den Lehrplan 21, so etwa im Konzept der Beurteilung gemäss «Fördern – Fordern».

«Wir sind mit dem Lehrplan 21 auf einem guten Weg», sagt Rimensberger. Als Leiter der Impulsgruppe und damit Berater der Steuergruppe und der Gesamtprojektleitung ist Rimensberger als «Mann der ersten Stunde» sozusagen «Mister Lehrplan 21» im Kanton St. Gallen.

Religion als St. Galler Spezialität

Dass der neue Lehrplan von den meisten Kantonsregierungen und Verbänden – «eigentlich wider Erwarten» – positiv aufgenommen worden sei, freut den Leiter der Volksschule. Freilich sei der Entwurf aufgrund der vielfachen Ansprüche der Fachleute «überfüllt»; doch die Teams seien bereits wieder an der Arbeit. In der bevorstehenden interkantonalen Diskussion zu klären sind etwa die für viele zu hohen Grundkompetenzen in Deutsch oder Mathematik.

Die oft gehörte Kritik an zwei Fremdsprachen in der Primarschule ist kein Thema des Lehrplans 21, wie Regierungspräsident Stefan Kölliker, Präsident des Erziehungsrates, betont. Das Fremdsprachenkonzept sei als Bestandteil des rechtskräftigen Harmos-Konkordats längst verabschiedet worden. «Wir wollen das so weiterführen, allerdings den Lehrpersonen bessere Unterstützung zukommen lassen.»

Ein Spezialfall ist der Religionsunterricht: St. Gallen ist der einzige Kanton, der Religion und Ethik als Obligatorium führt. Dies bedeute eine Herausforderung im Hinblick auf die Einführung des Lehrplans im Kanton, sagt Rimensberger. Auch wenn die Kantone ihre Lektionen «so weit wie möglich angleichen» wollen, zeigt dieses Beispiel die Grenzen auf: Ein Verzicht auf die Religion bedingte eine Änderung des St. Galler Volksschulgesetzes durch den Kantonsrat.

Dezentrale Einführung

Planerische Unsicherheiten bestehen auch bei der Stundentafel oder der Umsetzung der musikalischen Grundschule, heisst es zur Einführung des neuen Lehrplans in den St. Galler Schulen. Gemäss Konzept des Erziehungsrats soll die Einführung «dezentral im Rahmen der lokalen Schul- und Unterrichtsentwicklung erfolgen». Sie werde «die st. gallische Bildungslandschaft die nächsten Jahre beschäftigen». Die dezentrale Einführung richtet sich organisatorisch und fachlich auf den Stand und Bedarf der einzelnen Schulen aus. Auf kantonaler Ebene werden die Unterstützungsangebote für die Schulen festgelegt. Die Schulen können sich bereits ab dem Schuljahr 2015/16 mit einzelnen Elementen des Lehrplans 21 beschäftigen. Verbindlich in Kraft gesetzt wird der Lehrplan wohl 2017/18.

Mit den ergriffenen Massnahmen mache sich der Kanton St. Gallen in einem gemeinsamen Projekt mit dem Kanton Appenzell Ausserrhoden rechtzeitig auf den Weg, den neuen Lehrplan in seiner Bildungslandschaft zu verankern, schreibt die Regierung. «Er sieht das neue Bildungsinstrument als richtungsweisend und baut die weitere Schulentwicklung auf ihm auf.» Der Erziehungsrat hat die Vorbereitung in Auftrag gegeben; beschlossen wird die Einführung erst, wenn die definitive Fassung des Lehrplans 21 vorliegt – voraussichtlich im Frühling 2015.

Auswertung der Konsultation, Konzept zur Einführung und weitere Unterlagen zum Lehrplan 21 auf www.schule.sg.ch (via Volksschule, Schulentwicklung, Lehrplan 21)