Hagel: Silberschüsse in den Himmel

FRAUENFELD. Wenn es im Oberthurgau während eines heftigen Gewitters nicht hagelt, könnte dies daran liegen, dass die Hagelabwehr aktiv war. Beweisen lässt sich dies nicht. Doch glauben rund 200 Schützen, 40 Gemeinden und die Gebäudeversicherung an die Wirkung von Hagelraketen.

Inge Staub
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Abschuss einer Hagelrakete (der grelle Punkt links) während des Gewitters am Montagabend über Arbon. (Bild: Tobias Schoch)

Abschuss einer Hagelrakete (der grelle Punkt links) während des Gewitters am Montagabend über Arbon. (Bild: Tobias Schoch)

Alarmstufe Rot haben derzeit die 200 Schützen, die im Hagelabwehrverband Ostschweiz aktiv sind. Denn die Gewitter, die nun über den Thurgau ziehen, haben die Tendenz, Hagel mitzubringen. Für den Privathaushalt, der seinen Schaden der Versicherung melden kann, mag ein Hagelschauer nicht so schlimm sein. Für die Bauern kann Hagel jedoch verheerende Folgen haben. Wenn ein Landwirt Pech hat, ist die Arbeit eines ganzen halben Jahres im Eimer.

Raketen streuen Silberjodid

Deshalb sorgt der Hagelabwehrverband dafür, dass es erst gar nicht hagelt. Seine Schützen feuern Raketen in Richtung Gewitter. Diese versprengen Silberjodid, was zur Folge hat, dass es regnet und nicht hagelt. Vorgestern waren die Schützen in Altnau gefordert. Als zwischen 21 und 22 Uhr eine Gewitterfront von Amriswil in Richtung Bodensee zog, schossen sie mehrere Raketen ab. «Wir schiessen nur, wenn die Gewitterwolken Anzeichen von Hagelzellen haben», erklärt Roman Brülisauer, Präsident des Verbandes und Gemeindeammann von Erlen.

Hagelrakete vor ihrem Einsatz. (Archivbild: Reto Martin)

Hagelrakete vor ihrem Einsatz. (Archivbild: Reto Martin)

Roman Brülisauer ist von der Wirkung der Hagelraketen überzeugt. «Wenn die Raketen nichts nützen würden, würden nicht so viele Landwirte bei uns mitmachen», meint der Gemeindeammann. «Hagel kann Schäden in Millionenhöhe verursachen. Unsere Arbeit kostet 200 000 Franken im Jahr. Das ist doch ein kleiner Beitrag, wenn man Millionen sparen kann.»

Finanziert wird die Hagelabwehr von 40 Oberthurgauer und einer Handvoll St. Galler Gemeinden. Die Gemeinde Erlen beispielsweise entrichtet jährlich einen Beitrag in Höhe von 6000 Franken. Das Gebiet der Abwehr erstreckt sich von Kreuzlingen und Weinfelden Richtung Osten. Roman Brülisauer bedauert, dass die Gemeinden im Hinterthurgau, am Untersee und der Region Frauenfeld nicht mitmachen. «Dann könnten wir einen flächendeckenden Hagelschutz bieten.»

Die Thurgauer Obstbauern sind über die Hagelabwehr geteilter Meinung. «Die Hälfte unserer Mitglieder glaubt daran, dass die Raketen nützen», sagt Edwin Huber, Präsident des Thurgauer Obstverbandes. Doch 70 Prozent der Obstbauern gehen auf Nummer sicher. Sie schützen ihre Obstkulturen mit Hagelnetzen.

In diesem Jahr sind die Obstbauern von grösseren Schäden durch Hagel verschont geblieben. Ob dies an den Netzen, an der Hagelabwehr oder an beidem lag, kann nicht festgestellt werden.

350 Schäden gemeldet

Generell halten sich von Gewittern verursachte Schäden in diesem Sommer in Grenzen. Der Gebäudeversicherung Thurgau wurden bislang 350 Schadensfälle gemeldet. Diese wurden von Hagel, Überschwemmung und Sturm angerichtet. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 entstand durch ein Unwetter innerhalb von 20 Minuten ein Schaden in Höhe von 40 Millionen Franken. Es gingen damals 8300 Meldungen bei der Gebäudeversicherung ein.

Fredy Weber, Leiter Versicherungs- und Schadendienst, ist froh, dass es die Hagelabwehr Ostschweiz gibt. «Ich bin der Meinung, dass das was bringt», sagt er. Auch wenn die Wirkung der Raketen bislang nicht wissenschaftlich belegt werden konnte.