Guter Flug mit vielen Wünschen

TÄGERWILEN. Die Tägerwilerin Erika Widmer hat ein aussergewöhnliches Hobby. 400 Schmetterlingspuppen des Schwalbenschwanzes hat sie über den letzten Winter gebracht. Nun dürfen die Sommervögel hinaus an die Sonne.

Daniela Huber
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Erika Widmer und ihre Schwalbenschwänze – die Liebe dürfte auf Gegenseitigkeit beruhen. (Bild: Donato Caspari)

Erika Widmer und ihre Schwalbenschwänze – die Liebe dürfte auf Gegenseitigkeit beruhen. (Bild: Donato Caspari)

Eine halbe Stunde sei einer der Schmetterlinge damals noch in der Hochzeitskutsche mitgefahren. Auf dem Brautstrauss sei er sitzen geblieben, bis er sich dann auf den Weg in die Freiheit gemacht habe. Ein anderer habe bei einer Beerdigung auf dem Grab gewartet, bis die Rede vorbei gewesen sei, und sei erst dann davongeflogen.

Erika Widmer (59) aus Tägerwilen züchtet Schmetterlinge. Sie sammelt Schwalbenschwanzraupen, zieht sie auf und lässt sie dann wieder frei. An Hochzeiten, manchmal an Beerdigungen, auf Schulhöfen, an Geburtstagen oder am Sonntag vor der Kirche. Letzte Woche habe sie sie sogar auf dem Tanz freigelassen.

Seit zehn Jahren züchtet sie nun Schwalbenschwänze, um den bedrohten Faltern bessere Überlebensmöglichkeiten zu bieten. Von hundert Raupen überleben in der Natur nur etwa drei. Die Schmetterlingszüchterin hat diesen Winter über vierhundert Puppen durchgebracht. Etwa dreissig seien nicht geschlüpft, alle anderen sind gesund und munter in die Welt hinausgeflattert.

Ihre Raupenkinder

«Da sind meine Kinder», sagt sie und zeigt auf die Raupen, die auf dem Fenchelkraut herumkriechen. «Und das da sind die ganz kleinen Pfüdis», sagt die Schmetterlingsmutter lächelnd und beugt sich über die Kleinsten. Das Wasser für die Blätter muss gewechselt werden. So, jetzt haben die kleinen Pfüdis wieder alles, was sie brauchen. Die Raupen fressen und wachsen nun etwa drei Wochen während des Sommers, und wenn sie ganz bunt und dick sind, verpuppen sie sich. «Zuerst binden sie sich mit einem Faden an die Wand, den sie ein paarmal um sich herumwickeln.» Der Faden ist kaum zu sehen, so fein ist er.

Die Raupe hat den Kopf ein wenig eingezogen und macht sich dick. Frau Widmer holt ein weisses Büchlein hervor und blättert in ihrer Schmetterlingsstatistik. Manche verpuppen sich im August, andere im November, und die erste sei dieses Jahr am 7. Mai geschlüpft. Sie weiss aber nicht, welche wie lange im Kokon geschlafen haben: «Dazu müsste ich ja alle einzeln anschreiben.»

Ein Netz schützt die Puppen

Die Puppen wohnen hinter dem Haus der Familie Widmer, geschützt von einem feinen Insektennetz, damit sie vor Feinden sicher sind. Nebenan hausen Hasen, Wachteln und die Hummeln, welche Herr Widmer züchtet.

Die Erdbeeren sind dunkelrot und das Fenchelkraut wuchert. Ein Grünabfuhrwagen fährt vorbei, die Arbeiter winken. «Die bekommen jetzt halt nächstes Mal ihren Kaffee.» Das Haus der Familie Widmer ist ein gastfreundlicher Ort – nicht nur für Raupen.

Wenn die Schmetterlinge im Frühsommer schlüpfen, stellt Frau Widmer ihnen einen Strauss frische Blumen in ihr Zuhause und wartet, bis es warm genug ist. Dann fliegen die Schwalbenschwänze mit vielen guten Wünschen und Metaphern beladen hinaus an die Sonne, um ungefähr zwei Wochen zu leben. «Wenn kein Vogel sie erwischt», sagt Frau Widmer.

Der Brauch, an Hochzeiten Schmetterlinge freizulassen, stammt aus den südamerikanischen Anden. Es soll Glück bringen, die zerbrechliche Schönheit in den Händen zu halten und wieder freizulassen. Nach dem Tod eines Menschen steht das Freisetzen von Schmetterlingen sinnbildlich für das Loslassen.

Für die gläubige Frau Widmer sind ihre Schwalbenschwänze noch viel mehr, denn sie sieht die Verwandlung auch als Symbol für den Menschen. «Am Ende bleibt die Hülle zurück, und das andere fliegt davon, in den Himmel, irgendwohin.»

Auch wir Menschen sollten freier sein, sagt sie, nicht immer in der Puppe bleiben und überlegen, was die anderen denken. Die Hausfrau redet über das Glück und das Leid im Leben. Aber niemals ohne ein Lachen im Gesicht.

Eigentlich wollte sie ja wirklich nur Schmetterlinge retten, aber mit der Zeit sei das Hobby dann immer mehr geworden, bekennt sie. Nun führen ihre Schmetterlingskinder sie zu den verschiedensten Menschen und Anlässen. Sie habe auch noch nie so viele Puppen überwintert wie dieses Jahr. «Man wird fast ein wenig süchtig», bekennt sie. «Ich stapfe stundenlang in Fenchel- und Rüeblifeldern herum, sammle Raupen ein und vertrödle meine Zeit, dabei hätte ich zu Hause einen Berg Wäsche.»

Ob sie ihre Schmetterlinge auch verkaufen würde? «Und denn, steckeds en uf?» Nein, auf gar keinen Fall. Von ihren Schwalbenschwänzen fliegt keiner unbeaufsichtigt in die Welt hinaus.