«Es ging mir damals nicht gut»

Der Uttwiler Kugelstösser Werner Günthör war eine Koryphäe in seiner Disziplin. 1993 trat er vom Spitzensport zurück. In den Jahren davor war ihm Doping vorgeworfen worden. Heute arbeitet er für das Bundesamt für Sport in Magglingen.

Rahel Haag
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Werner Günthör am 4. August 1993 am Weltklasse-Zürich-Leichtathletik-Meeting. Damals gewinnt er mit einer Weite von 21,49 Metern. (Archivbild: Keystone)

Werner Günthör am 4. August 1993 am Weltklasse-Zürich-Leichtathletik-Meeting. Damals gewinnt er mit einer Weite von 21,49 Metern. (Archivbild: Keystone)

Anfang August stellte das Bundesamt für Sport den Bericht der Dopinguntersuchungskommission (DUK) aus dem Jahr 1993 online. Darin geht es um Werner Günthör. Zweimal war Günthör in den 80er-Jahren Sportler des Jahres. Zudem hält er seit 1988 mit einer Weite von 22,75 Metern den Schweizer Rekord im Kugelstossen. Günthör, der in Uttwil aufgewachsen ist, war ein Spitzenathlet. In seinem Heimatdorf Uttwil wurde gar eine Strasse nach ihm benannt.

Vor 20 Jahren trat er vom aktiven Sportlerdasein zurück. Bereits 1990 und 1992 publizierte der «Spiegel» zwei Texte, in denen Günthör systematisches Anabolikadoping vorgeworfen wurde. So begann das Image des Saubermanns zu bröckeln.

Der vierte Platz in Barcelona

Noch heute spricht Günthör nicht gerne über diese Zeit. «Es ist müssig, über dieses Thema zu reden.» Die Medien hätten damals viel Blödsinn geschrieben. So sei der Druck auf ihn gestiegen. «Es ging mir damals nicht gut», sagt der heute 52-Jährige. Auch die Olympischen Spiele in Barcelona 1992 seien nicht so herausgekommen, wie er sich das gewünscht hätte. Er galt als Favorit für die Goldmedaille. Auf seiner Homepage heisst es: «Der enorme Druck, Angriffe der Presse und dilettantische Organisationsfehler liessen Werner Günthör scheitern.» Am Ende belegte er den vierten Platz.

Die Kugel hat Günthör mittlerweile zur Seite gelegt. «Sie rostet vor sich hin», sagt er heute lachend. Nur noch ab und zu mache er den Studenten an der Sportschule Magglingen, wo er halbtags arbeitet, den Bewegungsablauf vor. «Ich habe nicht vor, an der Seniorenolympiade teilzunehmen.» Wieder mit dem Training anzufangen, wäre ein zu grosser Aufwand. «Ausserdem hatte ich meine schönen Zeiten.»

Mehrwöchige Anabolikakuren

Nach den Dopinganschuldigungen gegen Günthör setzte die Schweiz im Jahr 1992 eine vierköpfige Dopinguntersuchungskommission ein, die den Vorwürfen nachgehen sollte. Günthörs behandelnder Arzt, Bernhard Segesser, hatte bereits im April 1990 gegenüber der «Berner Zeitung» bestätigt, dass er Günthör mehrmals Anabolika verabreicht habe. Segesser hatte diese mehrwöchigen Anabolikakuren als medizinische Massnahmen bezeichnet. Unter anderem habe er Günthör im Mai 1988 während drei Wochen das Anabolikapräparat «Stromba oral» gegeben, um den Heilungsprozess vor den Olympischen Spielen in Seoul 1988 zu beschleunigen. Günthör äusserte sich damals folgendermassen: «Segesser und ich haben ein Vertrauensverhältnis; er entscheidet über die nötigen therapeutischen Massnahmen, informiert mich aber, was er unternimmt.»

Nach den Befragungen von Segesser, Günthör und dessen Trainer Jean-Pierre Egger kam die DUK zum Schluss, dass die «therapeutische» Verabreichung von Anabolika vor 1989 gegen die damals gültigen nationalen und internationalen Dopingbestimmungen verstossen habe.

Zudem hielt sie fest: «Anabolikabehandlungen dieser Art hätten auch im Rahmen des <Therapiefensters> keinen Platz gefunden.» Dieses sogenannte «Therapiefenster» erlaubte den Athleten, nach einer Verletzung in Absprache mit Ärzten Produkte zu sich zu nehmen, die auf der Dopingliste standen. In ihrem Bericht empfahl die DUK die Abschaffung des «Therapiefensters», da es Unsicherheit und Verwirrung verursache.

Doping schien legitim

«Man wusste damals, dass Werner Günthör dopte», sagt der langjährige TZ-Sportredaktor Ruedi Stettler. Aufgrund des «Therapiefensters» habe man es allerdings als legitim empfunden. Stettler bemerkt zudem: «An der Weltmeisterschaft in Moskau flog die Kugel des Siegers David Storl rund einen Meter weniger weit als damals die von Günthör.»