Erste vertrauliche Geburt im Thurgau

FRAUENFELD. Im Mai kam im Thurgau das erste Kind in einer vertraulichen Geburt zur Welt. Als Vorreiterkanton verankert der Thurgau diesen Schutz für schwangere Frauen in einer Notlage im Gesetz. Es ist eine Alternative zur Babyklappe, welche der Grosse Rat ablehnte.

Silvan Meile
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Im Mai kam ein Kind in einer vertraulichen Geburtsstätte zur Welt. (Bild: fotolia)

Im Mai kam ein Kind in einer vertraulichen Geburtsstätte zur Welt. (Bild: fotolia)

Die Mutter geht, das Neugeborene bleibt zurück. Sie verlässt das Spital ohne Kind und muss sich nicht länger um dieses kümmern. Das Baby wird vorerst in die Obhut einer Pflegefamilie kommen und später zur Adoption freigegeben. Nur das Zivilstandsamt, die Kesb und allenfalls die Krankenkasse der Frau werden von der Geburt erfahren. Für alle anderen bleibt dieses Ereignis geheim. Sechs Wochen hat die Mutter Zeit, es sich doch noch anders zu überlegen.

Alternative zur Babyklappe

«Im laufenden Jahr hat es eine solche vertrauliche Geburt gegeben», erklärt Mario Brunetti, Generalsekretär des Thurgauer Departements für Finanzen und Soziales. Der Thurgau ist der erste Kanton, der im kantonalen Gesundheitsgesetz die vertrauliche Geburt regelt. Diese garantiert einer schwangeren Frau in einer Notsituation, ihr Kind medizinisch betreut im Spital gebären und sofort zur Adoption freigeben zu können, ohne dass ihre Mutterschaft publik gemacht wird.

Die Diskussion über die vertrauliche Geburt kam im Thurgauer Grossen Rat auf, nachdem dort die Schaffung einer Babyklappe abgelehnt wurde. Das Angebot besteht ausschliesslich in den beiden Kantonsspitälern Frauenfeld und Münsterlingen.

Geburt dem Gesetz voraus

Mario Brunetti kann keine weiteren Angaben zum Kind machen. Er wisse nicht, ob es wohlauf sei, auch nicht, ob es ein Mädchen oder ein Knabe ist. Er könne auch nicht sagen, in was für einer Lage sich die Mutter befunden habe und ob sie allenfalls ihr Kind innerhalb der sechswöchigen Frist wieder zurückhaben wollte. Klar ist lediglich, dass es eine juristische Frühgeburt war. Denn die vertrauliche Geburt ist erst seit dem 1. September 2015 offiziell im Thurgauer Gesundheitsgesetz verankert. Das Baby erblickte aber bereits im Mai das Licht der Welt. Damals hatte die von Brunetti geleitete Arbeitsgruppe, die mit der Umsetzung der Thematik beschäftigt war, ihre Arbeit bereits abgeschlossen. Weil die eidgenössische Gesetzgebung die vertrauliche Geburt nicht ausschliesst, wurde sie gleich gemäss künftigem Thurgauer Gesundheitsgesetz behandelt, erklärt Brunetti. In die Arbeitsgruppe involviert waren unter der Leitung des Departements für Finanzen und Soziales die Spital Thurgau AG, das Amt für Handelsregister und Zivilstandswesen, die Kesb, das kantonale Sozialamt und das Amt für Gesundheit.

Rettungsanker für Frauen in Not

Das Kind behält das Recht, später zu erfahren, wer seine leibliche Mutter ist. Deshalb wird ihr Name beim Zivilstandsamt registriert bleiben. Der Name des Vaters bleibt in der Regel unbekannt. «Im Unterschied zur Babyklappe ist die vertrauliche Geburt nicht anonym», sagt Brunetti. Für eine schwanger Frau in Not kann sie aber ein Rettungsanker sein.