Die Pionierin des fairen Handels

Warum kostet eine Banane weniger als ein Apfel? Diese Frage stand am Anfang von Ursula Brunners Engagement für den fairen Handel. Die Dokumente zur Arbeit der Bananenfrauen hat sie nun dem Thurgauer Frauenarchiv übergeben.

Katrin Zürcher
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Archivarin Nathalie Kolb zeigt im Zwischenarchiv den Vorlass der Frauenfelder Bananenfrauen. (Bilder: Katrin Zürcher)

Archivarin Nathalie Kolb zeigt im Zwischenarchiv den Vorlass der Frauenfelder Bananenfrauen. (Bilder: Katrin Zürcher)

FRAUENFELD. «Tropy Nicaragua Special Selection» steht auf einer Schachtel, «Pablitos Costa Rica Premium Bananas» auf einer anderen. «Diese Schachteln behalte ich», sagt Ursula Brunner, «es sind die letzten.» Zahlreiche Schachteln mit über 200 Bundesordnern hat sie – «mit einer gewissen Erleichterung» – im November letzten Jahres dem Thurgauer Frauenarchiv übergeben. Gefüllt mit Sitzungsprotokollen, Zeitungsartikeln, Briefen und Werbematerial dokumentieren sie fast 40 Jahre Bananenfrauen-Arbeit. Archivarin Nathalie Kolb freut sich über den Vorlass. Die Kisten und Ordner haben einen sicheren Platz im Zwischenarchiv des Thurgauer Staatsarchivs gefunden, bis sie in drei Jahren für die Öffentlichkeit erschlossen werden.

Die Frauen wollten etwas tun

Als Ursula Brunner und ihre Mitstreiterinnen im Oktober 1973 20 Leiterwagen voller Bananen durch die Strassen von Frauenfeld zogen, sprach noch niemand von fairem Handel. Die 40 Frauen störten sich daran, dass die Migros den ohnehin günstigen Bananenpreis um 15 Rappen auf 1.35 Franken pro Kilo gesenkt und das Ganze als «Geschenk an die Kunden» deklariert hatte. Es war erst einige Monate her, dass Pfarrfrau Ursula Brunner im Frauenfelder Hotel Blumenstein 150 interessierten Frauen einen Dokumentarfilm über die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen der verarmten zentralamerikanischen Plantagenarbeiter gezeigt hatte. «Die Frauen waren erschüttert und wollten etwas tun.» Sie verfassten eine Bananenzeitung, in der sie unter anderem aufzeigten, warum reiche Länder durch solchen Handel immer reicher und Entwicklungsländer immer ärmer werden. 12 000 Exemplare verteilten sie zusammen mit den Bananen in Frauenfeld.

Vorbilder für das ganze Land

Gleichzeitig sammelten sie 1400 Unterschriften, um ihre Forderung zu unterstreichen, der Grossverteiler möge die 15 Rappen pro Kilo den Plantagenarbeitern zukommen lassen. Ein fünfminütiger Bericht im Schweizer Fernsehen machte die Bananenfrauen von Frauenfeld schlagartig bekannt. «Aus dem ganzen Land trafen Briefe von Frauen ein, die ebensolche Aktionen durchführen wollten», erzählt Ursula Brunner. Das Thema «fairer Handel» war lanciert; zwei Jahre später entstanden die ersten Dritte-Welt-Läden. «Es war nicht unser Engagement», sagt die zierliche 87-Jährige bescheiden, «das Thema lag in der Luft, die Zeit war einfach reif.» In der Kaffeeküche ihres Büros an der Frauenfelder Rebstrasse erzählt sie lebhaft von den 13 Jahren, in denen sich sieben Frauenfelderinnen ihren Platz im weltweiten, von zwei Grosskonzernen kontrollierten Bananenhandel erkämpften.

Zuerst verkauften die Bananenfrauen konventionelle Bananen mit einem Solidaritätsaufpreis, der in soziale Projekte in den Produktionsländern floss. Damit war das Modell der Fair-Trade-Prämie geboren. Später arbeiteten sie mit unabhängigen Plantagenbesitzern in Nicaragua und Costa Rica, um fair gehandelte Bananen in kleinen Schweizer Läden und ab 1985 auch im Volg zu verkaufen. 1986 gründeten sie die «Arbeitsgemeinschaft für gerechten Bananenhandel». 1994 wurde die Gebana AG gegründet und ein Geschäftsführer eingestellt.

Ausstellung in Vorbereitung

Mit dem Markteintritt der ersten Max-Havelaar-Bananen legten die Bananenfrauen 1997 ihre Arbeit nieder. Doch auf ihren Lorbeeren ausruhen mag sich Ursula Brunner nicht. Gerade ist sie mit den Vorbereitungen zu einer Ausstellung über den fairen Handel beschäftigt, die voraussichtlich im nächsten Frühling im Gewerbemuseum Winterthur stattfindet.

Literatur: «Bananenfrauen» von Ursula Brunner Verlag Huber Frauenfeld www.gebana.com

Bananenfrau Ursula Brunner

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