«Das ist emotionales Getue»

SVP-Nationalrätin Verena Herzog ist Urheberin der Debatte über die Abschaffung des Frühfranzösisch. Sie ist überzeugt, dass dies den Thurgauer Schülern zugute kommt. Interventionsdrohungen von Bundesrat Alain Berset machen ihr keinen Eindruck.

Michèle Vaterlaus
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Verena Herzog SVP-Nationalrätin (Bild: Reto Martin)

Verena Herzog SVP-Nationalrätin (Bild: Reto Martin)

Frau Herzog, glauben Sie, die Thurgauer Schüler können am Ende der obligatorischen Schulzeit genau gleich gut Französisch wie die anderen Kinder der Deutschschweiz, welche bereits in der Primarschule Französisch lernen?

Verena Herzog: Davon bin ich überzeugt. Das Wesentliche beim Sprachenlernen ist doch, dass auf etwas aufgebaut werden muss. Können die Schüler besser Deutsch, haben sie bessere Grundlagen, um dann in der Oberstufe Französisch zu lernen. Das heisst, die Französischlektionen, die in der Primarschule wegfallen, müssen genützt werden, um die Fähigkeiten in Mathematik und Deutsch zu verbessern. Im neuen Lehrplan sind zudem 14 Wochenlektionen Französisch über die drei Jahre in der Oberstufe vorgesehen. Damit haben die Thurgauer Schüler bis am Ende der Schulzeit gleich viel Französischunterricht wie bisher.

Bereits vor drei Jahren, als Sie die Motion zur Abschaffung des Frühfranzösisch einreichten, hagelte es Kritik: Das sei Missachtung des Volkswillens und ein Verstoss gegen den Sprachenkompromiss.

Herzog: Wesentlich ist doch, was die Schüler am Ende der obligatorischen Schulzeit können. Wollten wir alles gleich haben wie alle anderen Kantone, dann wäre der Thurgau dem Harmos-Konkordat beigetreten. Das sind wir aber nicht.

Trotzdem droht Bundesrat Berset schon länger mit Intervention, wenn der Thurgau das Frühfranzösisch kippt. Er könnte mit der Änderung des Sprachengesetzes den Thurgau tatsächlich zum Frühfranzösisch zwingen.

Herzog: Das wäre sehr unklug. Die Bildungshoheit liegt bei den Kantonen. Argumente, wie der nationale Zusammenhalt leide darunter, sind emotionales Getue. Wir schätzen die anderen Regionen und Sprachen der Schweiz. Zudem drohte Alain Berset schon länger mit Intervention.

Sie haben auch schon länger angekündigt, dass Sie sich dagegen wehren werden. Wie?

Herzog: Das ist auf Bundesebene nicht ganz einfach. Aber erst müsste einer Änderung des Sprachengesetzes vom Parlament zugestimmt werden. Hört man sich in der Bevölkerung um, kann festgestellt werden, dass die Abschaffung des Frühfranzösisch nicht so dramatisch gesehen wird.

Sie meinen, es wird auch kein Problem sein, wenn Sie als Co-Präsidentin des Vereins Expo 2027 die welschen Parlamentarier für die Expo 2027 gewinnen müssen?

Herzog: Nein. Dass der Zusammenhalt gefährdet ist, ist – wie schon gesagt – emotionales Getue. Ziel ist ja, dass die Kinder am Ende der Volksschule über bessere Deutsch- und mindestens gleich gute Französischkenntnise wie bisher verfügen.

SVP-Vertreter haben eine Initiative gegen den Lehrplan 21 lanciert. Also jene Partei, die gegen das Frühfranzösisch ist, das aus dem Lehrplan verbannt wurde. Ändert die SVP jetzt ihre Meinung zum neuen Lehrplan?

Herzog: Also erstens ist das Komitee ein überparteiliches, dem neben SVP-Vertretern auch Vertreter der CVP, EDU, SP und parteilose Eltern angehören. Und zweitens ist der Lehrplan 21 ein anderes Thema. Er schiesst am Ziel vorbei und fordert einen riesigen administrativen Aufwand für die Lehrpersonen.

Warum wird auf dem Thurgau rumgehackt? Andere Kantone haben auch kein Frühfranzösisch, Appenzell Innerrhoden zum Beispiel oder der Kanton Aargau.

Herzog: Das ist nur, weil es im Thurgau gerade aktuell ist.

Wo haben Sie eigentlich Französisch gelernt?

Herzog: In der Oberstufe. Als ich Nationalrätin wurde, war ich drei Wochen in Avignon, um die Sprache nochmals zu lernen. Ich mag Sprachen. Aber um Fremdsprachen zu lernen, braucht es eine gute Deutschbasis.