Angst vor Gasbohrungen am See

Zwei ausländische Firmen wollen in Baden-Württemberg mit einer umstrittenen Methode nach Erdgas bohren. Sie stossen vor allem am Bodensee auf Widerstand: Auch für das Thurgauer Umweltamt kommen solche Bohrungen nicht in Frage.

Marina Winder/ martin Knoepfel
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Mit diesem Bohrturm kann anhand der Fracking-Methode in Gestein eingeschlossenes Erdgas freigesetzt und befördert werden. (Bild: EPA/Jim Lo Scalzo)

Mit diesem Bohrturm kann anhand der Fracking-Methode in Gestein eingeschlossenes Erdgas freigesetzt und befördert werden. (Bild: EPA/Jim Lo Scalzo)

Die beiden britischen Firmen Parkyn Energy Germany und Bell Exploration Ltd. wollen im Bodenseeraum nach Schiefergas bohren. Um an das schwer zugängliche Gas zu gelangen, müssten sie eine seit Jahren praktizierte, aber auch stark umstrittene Fördermethode anwenden: das sogenannte Fracking (s. Kasten). Die beiden Unternehmen haben grosses Interesse daran, ihr Vorhaben umzusetzen. Beide sind aber auch noch sehr weit davon entfernt. Sie befinden sich zurzeit auf dem Level eines Aufsuchungserlaubnisses. Dabei handelt es sich um das Recht, Daten zu Gasvorkommen in einem bestimmten Gebiet sammeln zu dürfen. Weder geophysikalische Messungen noch Erkundungsbohrungen sind damit erlaubt. Sie haben einzig das Recht, bereits vorhandene Daten zusammenzutragen. Bei Bell Exploration läuft diese Erlaubnis noch bis Mitte nächstes Jahr. Bei Parkyn Energy ist sie bereits abgelaufen – das Unternehmen hat aber rechtzeitig Antrag auf Verlängerung gestellt. Das betroffene Gebiet erstreckt sich über 1000 Quadratkilometer und umfasst Biberach, Konstanz und Saulgau-Wangen.

Unternehmen verweigern Daten

Axel Brasse leitet die Landesbergdirektion von Baden-Württemberg. Sein Amt vergibt die Aufsuchungserlaubnisse. Wie er weiss, hätten beide Bohrfirmen Schwierigkeiten, an die gewünschten Daten zu gelangen. Die Unternehmen, die im Besitz dieser Daten seien, würden diese nicht freigeben wollen. Sollte es den britischen Firmen doch gelingen, ihre Recherchen innert der vorgegebenen Frist abzuschliessen, kommen sie in das Betriebsplanverfahren. Vorausgesetzt, sie wollen ihr Vorhaben überhaupt fortsetzen – dazu müssen sie sichergehen, dass sich eine Förderung lohnen würde. Für das Betriebsplanverfahren benötigen sie wiederum diverse Zulassungen und Genehmigungen. Zu diesem Zeitpunkt müssten dann auch Fragen des Gewässerschutzes geklärt werden. «Bis es einmal so weit ist, gehen Jahre ins Land», sagt Brasse. Erst dann fällt der Entscheid über eine erste Bohrung.

Thurgau stark betroffen

Sollten sich die Firmen für Bohrungen in der Bodenseeregion entscheiden, wären auch der Thurgau und die Ostschweiz stark betroffen: Über vier Millionen Menschen beziehen Trinkwasser aus dem Bodensee. Mit dem heutigen Stand der Technik kann nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen werden, dass beim Fracking Chemikalien in das Trinkwasser gelangen.

Jürg Hertz, Leiter des kantonalen Umweltamtes, beobachtet die Entwicklung im Nachbarland deshalb mit Argusaugen. Auch innerhalb der Internationalen Bodenseekonferenz (IBK) habe man das intensiv besprochen und auch eine Stellungnahme abgegeben. «Fracking kommt am Bodensee nicht in Frage», sagt Hertz. Allerdings, fügt er an, seien neue Verfahren in Entwicklung. Das müsse man beobachten. Der Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung setzt sich für ein Fracking-Verbot in Trinkwasserschutzgebieten und wasserwirtschaftlich sensiblen Gebieten ein.

Wie «20 Minuten» gestern meldete, findet heute abend im deutschen Illmensee eine Podiumsdiskussion zu dem Thema statt. Vertreter der IBK und der Bodenseewasserversorgung nehmen teil. Auch Jürg Hertz überlegt sich, heute nach Illmensee zu reisen.

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